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Kölner Nett-Werk Neue Pläne: Wird die Facebook-Plattform bald abgeschaltet?

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Vor zehn Jahren hat Phil Daub das Nett-Werk Köln gegründet, dem heute über 200.000 Facebook-Nutzer angehören.

Köln – Los ging es vor genau zehn Jahren, zu Beginn waren es gerade einmal 50 Mitglieder – heute hat die wohl bekannteste Facebook-Gruppe Kölns über 200.000: das Nett-Werk.

Die sogenannten Nettis bitten um Hilfe, wollen Dinge verschenken, verkaufen, fragen nach guten Tipps oder bieten Hilfe an. Eine Art Nachbarschaftshilfe – nur in digitaler Form.

„Big Brother“: Phil Daub verbirgt sich hinter der mysteriösen Computerstimme

Doch wer steckt eigentlich dahinter? Wir haben mit dem Nett-Werk-Macher gesprochen. Phil Daub heißt er, ist Kölner, 52 Jahre alt und Synchronsprecher (seit 2013 die mysteriöse dunkle Stimme aus „Promi Big Brother“). Sein Auftrag bei „Promi Big Brother“: Mit seiner Stimme gibt er den „Bewohnern“ klare Anweisungen und sorgt mit unerwarteten Befehlen oft für den einen oder anderen Schreckensmoment.

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Früher moderierte Daub bei RTL 2 und war 1994 bis 2000 Viva-VJ.

Wie viele Stunden am Tag verbringen Sie mit User-Pflege?

Das ist schwer zu sagen. Ich checke regelmäßig gemeldete Beiträge und die Nachrichten von Netties, die ein Problem haben oder Hilfe benötigen. Ich könnte, wenn ich wollte, 12 Stunden davor hocken und mitlesen. Aber, ich hab ja auch ein Leben neben Facebook.

Sie machen das sicher nicht alleine, wer unterstützt Sie?

Unterstützung wäre untertrieben. Esther Lorenz ist fast von Beginn an mit dabei und macht am meisten. Später kam Kirsten Olsen hinzu. Die beiden sind extrem aktiv als Admins. Mehr als ich. Ohne die beiden wäre es nicht zu bewältigen.

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Im Nett-Werk (hier ein Foto eines älteren Header-Fotos) sollen sich die User gegenseitig helfen, das klappt aber nicht immer.

Die krassesten Nett-Werk-Geschichten? Die meisten Kommentare? Was hat Sie am meisten bewegt? Was hat Sie wütend gemacht?

Nun, wir hatten schon alles. Das „krasseste“ waren mit Sicherheit die Vorkommnisse der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof. Diese Geschichte ist ja erst durch das Nett-Werk bzw. die Beiträge dort ins Rollen gebracht worden. Das hat ein politisches Beben ausgelöst und weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Da hat das Nett-Werk leider eine traurige Berühmtheit erlangt.

Es gibt aber immer wieder wundervolle Geschichten, wo die Kölner mit sehr großer Empathie Hilfe geleistet haben. Spontane Hilfsaktionen, entlaufene Hunde oder Katzen, die ihre Besitzer wieder gefunden haben durch das Nett-Werk. Unzählige verlorene Geldbörsen, Ausweise, Handys, konnten schnell ihren Besitzern zurück gegeben werden. Manchmal innerhalb von Minuten!

Es gibt auch oft Posts, wo Menschen viel Persönliches preisgeben ...

Ja, sehr bewegende Beiträge. Zum Teil extrem persönliche Geschichten, in denen sich Menschen offenbaren. Da geht es um Schicksalsschläge, Krankheit, Notlagen. Beispielsweise gab es kürzlich einen Fall, wo jemand mit Depressionen Gleichgesinnte gesucht hat. Den Beitrag haben 80.000 Kölner gelesen mit großer Anteilnahme. Oder ein älterer Herr, der vollständig gelähmt war, suchte eine Pflegekraft per Videoansprache. Das Echo war überwältigend.

Leider ist die Kehrseite der Medaille, dass die Stimmung innerhalb von Sekunden wechseln kann und jemand durch einen Beitrag oder Kommentar förmlich virtuell gelyncht werden kann.

Bei bestimmten Themen kennen die Gewaltfantasien der Netties keine Grenzen mehr. Da wird es hochemotional und auch äußerst aggressiv. Da wird es zum Teil auch strafrechtlich relevant.

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Für Phil Daub und sein Team ist das Nett-Werk zur Riesenaufgabe geworden.

Nach der Kölner Silvesternacht mussten Sie das Nett-Werk Köln abschalten. Wie war das damals?

Wir hätten 24 Stunden vor dem Rechner sitzen müssen und Beiträge löschen müssen, wenn wir die AGB hätten einhalten wollen. Es wurde zur Selbstjustiz aufgerufen und es gab keine Möglichkeit, die Gemüter wieder zu beruhigen. Es war hochemotional. Ein Desaster und nicht mehr zu kontrollieren. Wir konnten zu Beginn ja selbst kaum glauben, was sich dort am Hauptbahnhof abgespielt hat. Wir dachten zunächst, dass da jemand ein wenig übertrieben hat mit seinem Beitrag zu den Übergriffen. Als sich dann jedoch die Berichte häuften, wurde uns erst das Ausmaß klar. Dann haben wir beispielsweise Aufrufe zur Selbstjustiz gelöscht. Das wurde uns dann wiederum als Zensur vorgeworfen. Die einzige Konsequenz war abschalten.

Was waren deine Konsequenzen daraus?

Die Erkenntnis, dass das Nett-Werk jederzeit alles sein kann. Es kann helfen, aber auch zerstören. Es bringt das Gute als auch das Schlechte zum Vorschein. Natürlich wünschen wir uns nur Gutes. Das ist ja der Sinn der Gruppe. Aber, und das habe ich gelernt: Man kann niemanden zwingen, nett zu sein! Vor allem nicht bei 200.000 Mitgliedern. Das funktioniert nur bei 2000.

Wie hat sich die Kommunikation im Nett-Werk verändert? Werden die Kommentare härter?

Nicht wirklich härter. Die Netties lernen ja auch dazu und der größte Teil weiß inzwischen, wie man sich verhalten sollte. Es reicht aber nur ein Troll oder Störer, um das eigentlich positive Gesamtbild erheblich zu mindern. Es ist eine Eigendynamik. Ein Kommentar sprengt einen ganzen Beitrag und alle stürzen sich drauf und haben natürlich eine Meinung dazu. Dann wird gestritten und auch beleidigt.

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Wie viele Störer müssen Sie täglich sperren?

Es sind eher die Profi-Spam-Profile aus dem Ausland, die zu Tausenden Facebook überschwemmen. Die zu finden und zu blocken, ist sehr aufwendig. Hinzu kommen Trolle und Fakes und dann auch „echte“ Mitglieder, die wegen eines Beitrags die Fassung verlieren, pöbeln und dann leider rausfliegen. Eine Zahl ist schwierig. Vielleicht 20 bis 50 Profile täglich.

Was sind die Themen, die immer wieder kommen? Die fünf Dauerbrenner zum Beispiel …

1. Wie lange hat der Rewe auf?
2. Warum fliegt dort ein Hubschrauber?
3. Was ist das für ein Insekt?
4. Es schneit!
5. Zeigt her eure Tattoos.

Das Nett-Werk machen Sie sicher ehrenamtlich, oder fließen da irgendwelche Werbegelder? Wie geht es mit der Community weiter?

Ja, ehrenamtlich. Nein, bis dato keine Werbegelder. Der einzige, der verdient, ist Herr Zuckerberg (der Facebook-Chef, Anm. d. Redaktion). Ich plane ja seit geraumer Zeit eine Nett-Werk-App. Aber das ist komplizierter, als ich dachte. Das wäre quasi ein Start-up mit sehr viel Aufwand und mit viel Risiko. Ich bin kreativ, aber kein Geschäftsmann. Deshalb dauert das wohl noch etwas länger. Aber da kommt noch was.

Seit 2013 gibt es die Nett-Werk-Community auch in Berlin, München und Hamburg - sowie in vielen NRW-Städten. In Köln existieren zudem viele Untergruppen – quasi in jedem Veedel. 

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