Mit Altkleider-Erlösen wollte Köln ab 2014 die Abfallgebühren senken. Anfangs klappte das, inzwischen gibt es krasse Verluste.
Teure Bilanz nach elf JahrenAltkleider-Container: Millionen-Verluste für Köln

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Altkleider liegen vor einem Container auf der Straße in Köln-Bickendorf. (Archivfoto)
Statt Gewinn gibt es ein dickes Minus. Mit der Altkleidersammlung hat die Stadt Köln in den vergangenen elf Jahren unterm Strich rund 3,4 Millionen Euro Verlust gemacht.
Dabei war der Plan ein ganz anderer: Ab 2014 zog die Stadt das Geschäft über ihren eigenen Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) stärker an sich. Sie erhoffte sich Gewinne, um damit die Abfallgebühren für die Kölnerinnen und Kölner zu senken.
Altkleidermarkt hat sich massiv verändert
Anfangs ging die Rechnung noch auf. In den ersten Jahren kamen insgesamt 663.400 Euro Gewinn zusammen. Doch seit 2019 dreht sich das Bild: Seitdem stehen Verluste von 4,07 Millionen Euro in den Büchern. Eine dauerhafte Einnahmequelle ist die Sammlung also nicht geworden. Und die Abfallgebühren? Die sinken für die Bürger nicht, im Gegenteil.
Woran liegt das? Der Altkleidermarkt hat sich massiv verändert, sagt Diplom-Ingenieur Kai Nebel. Er forscht an der Hochschule Reutlingen zu Nachhaltigkeit in der Textilbranche und erklärt: „Die gut verwertbare, sogenannte Creme-Ware wird immer weniger.
Stattdessen landet unbrauchbare Kleidung in den Containern, die ohne Erlös entsorgt werden müssen. Und die Kosten für die Entsorgung sind stark gestiegen. Deshalb ist es kaum mehr möglich, mit Altkleidern Gewinn zu machen. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt.“
Ganz überraschend kann diese Entwicklung für die Stadtverwaltung nicht kommen. Im November 2013 stimmte die Politik mehrheitlich für die Pläne. In der Vorlage zur Abstimmung hatte die Verwaltung selbst geschrieben: „Die Erlösentwicklung für Altkleider ist in den letzten beiden Jahren sehr positiv verlaufen. Es gibt aber auch warnende Stimmen diverser Marktteilnehmer und Fachverbände, dass die Verwertungserlöse zukünftig rückläufig sein könnten.“

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Kai Nebel forscht an der Hochschule Reutlingen zu Nachhaltigkeit in der Textilbranche.
Genau so kam es ab 2019. Seitdem lagen die jährlichen Defizite zwischen 138.000 und 968.000 Euro, im vergangenen Jahr waren es 849.000 Euro. Angesichts der sogenannten „Fast Fashion“ ist das Sammeln, Aufbereiten und Verwerten zum Verlustgeschäft geworden.
Rund 370.000 Euro Gewinn pro Jahr sollten eigentlich die Abfallgebühren nach unten drücken. Dafür ließ die Stadt 2014 illegale Sammelcontainer auf ihrem Gebiet entfernen und beauftragte die AWB, weitere eigene Container aufzustellen.
Und was sagt die Verwaltung heute dazu? „Die Bewertung einer Entscheidung, die vor mehr als zehn Jahren getroffen wurde, muss die damaligen Rahmenbedingungen ebenso berücksichtigen wie die Entwicklungen auf dem Markt seitdem.“
Der Gewinn könne bei der Altkleidersammlung nicht im Vordergrund stehen. Für die Menschen sei auch eine verlässliche Sammelstruktur wichtig – und die Sammelstellen hätten sich bewährt.

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Ein Altkleidercontainer der Abfallwirtschaftsbetriebe an der Maybachstraße am Hansaring. Davor liegt alte Kleidung auf dem Boden.
Wie viel da zusammenkommt, zeigen die Zahlen: Nach eigener Angabe haben die städtischen Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) im vergangenen Jahr rund 3800 Tonnen Altkleider in ihren Containern gesammelt. Bei knapp 1,1 Millionen Einwohnern sind das rund 3,5 Kilogramm pro Kopf – grob umgerechnet knapp 20 T-Shirts. Wer durch Köln läuft, sieht es: überquellende Sammelcontainer, davor verstreute Kleidung.
Experte Nebel beschreibt, wie viele Menschen inzwischen ticken: „Viele Menschen denken sich: Warum soll ich Second-Hand-Ware für drei Euro kaufen, wenn ich Neuware im Geschäft teils für denselben Preis bekomme? Teilweise wird Kleidung zum Einwegartikel.“ Niemand wisse, wohin mit all den Textilien. Nicht umsonst sei mit Soex die größte deutsche Textilverwertungsgesellschaft insolvent gegangen.
FDP/KSG kritisiert Millionen-Verluste bei Altkleidern
„Wir hatten vor einer städtischen Lösung eindringlich gewarnt, da für die Risiken die Kölner Gebührenzahler aufkommen müssen. Nun müssen sie für die Millionenverluste geradestehen.“ Das sagt Ulrich Breite, Geschäftsführer der vierköpfigen Fraktion von FDP/Kölner Stadtgesellschaft (KSG), auf die Verluste angesprochen.
Schon 2013 hatte sich die FDP-Fraktion gegen die Pläne der Stadt gestellt. Seitdem hakt sie regelmäßig nach, wie sich die Sache entwickelt. Auch in diesem Jahr legte die Verwaltung auf Anfrage von FDP und KSG eine Bilanz vor.

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Ulrich Breite von der FDP/KSG kritisiert die Stadt für ihr Vorgehen.
Zwischen 2014 und 2020 hatte die Stadt insgesamt 725 Container entfernt, die illegal auf städtischem Boden standen. Nach der Umstellung stellte die AWB insgesamt 540 eigene Container auf. Seit 2017 sind keine weiteren hinzugekommen – so sollen gemeinnützige Vereine und Second-Hand-Läden noch Raum für ihre eigenen Sammlungen haben. Laut Stadt gibt es in Köln weiterhin etwas mehr als hundert Sammelstellen karitativer Einrichtungen.
Private Firmen als Alternative zur städtischen Sammlung?
Für FDP-Politiker Breite wäre es eine Option, externe Firmen zu beauftragen. Die Stadt hat so etwas nach eigener Aussage nicht vor. Ob externe Unternehmen überhaupt Interesse hätten? Dazu heißt es aus der Verwaltung nur: „Hierzu kann keine Aussage getroffen werden.“
Kritik am Vorgehen der Stadt gab es schon vor 13 Jahren – auch von karitativen Einrichtungen wie dem Sozialdienst katholischer Männer (SKM) oder dem Deutschen Roten Kreuz (DRK). Ihre Sorge damals: Durch die städtische Sammlung könnten sie weniger Kleidung bekommen als zuvor. (red)
