„Ein großer Kölner“ Schumacher: Darum habe ich Löring den Halbzeit-Rauswurf verziehen

Schumacher Löring Prost

19. Mai 1998: Toni Schumacher und Präsident Jean Löring (✝70, gestorben am 6. März 2005) stoßen auf den Vertragsabschluss bei Fortuna Köln an.

Köln – Es war ein denkwürdiger Abend, dieser 15. Dezember 1999. Zweitliga-Fußball der schlechteren Sorte zwischen Fortuna Köln und Waldhof Mannheim vor 700 Zuschauern im tristen Ambiente des Südstadions.

Im Normalfall nicht der Rede wert. Doch weil Präsident Jean Löring (✝70, gestorben am 6. März 2005) in der Halbzeitpause Trainer Toni Schumacher (65) feuerte und daraus ein Schauspiel sondergleichen machte, wurde am nächsten Tag international berichtet.

„Hau ab in die Eifel. Du määs minge Verein kapott. Du häss hee jar nix mie zu sare“ – Diese Schimpf-Tirade ist überliefert von der „Kündigungsrede“ des Kult-Präsidenten „Schäng“  Löring. Vereinzelt wurde auch berichtet, dass das Wort „Wichser“ gefallen sei. Damit räumt der damalige Co-Trainer Ralf Minge nun auf, er schilderte wie der Rauswurf von Toni Schumacher durch Fortuna Kölns Präsident Jean Löring wirklich lief.

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Gesprochen wurden Lörings Worte in der Halbzeitpause beim Stand von 0:2. Gerichtet an Kult-Torwart und Trainer-Neuling „Tünn“ Schumacher. Um ein Haar soll es sogar zur Prügelei der beiden Alpha-Tiere gekommen sein, doch sie wurden getrennt.

Fortuna Köln: Spieler weinten in der Kabine nach Entlassung von Toni Schumacher

Szenen, so undenkbar und unfassbar, dass die jüngeren Spieler in Schumachers Team „ungehemmt weinten. Es waren Tränen des Entsetzens, der Wut, der Enttäuschung“, wie sich Schumacher in seinem Buch „Einwurf“ erinnerte.

„Minge, du gehst auf die Bank“, habe Löring seinem Co-Trainer Ralf Minge (59) befohlen, schreibt der Tünn, aber: „Mingus weigerte sich - ein toller Typ mit Zivilcourage, loyal und ehrlich. Löring scherte dies längst nicht mehr, er übernahm im Handstreich auch noch das Traineramt.“

So tigerte der „Schäng“ - während sich der „Tünn“ von seiner Frau Jasmin nach Junkersdorf fahren ließ - in der vielleicht schwärzesten Stunde seines sonst so ehrenwerten Fortuna-Engagements nach der Pause als Trainer-Attrappe vor der Bank umher und sah, wie sein Team 1:5 verlor.

Fortuna Köln: Pressekonferenz mit Jean Löring und einer Flasche Dujardin

Nicht minder spektakulär war dann die Pressekonferenz nach der Partie. „Ich als Verein musste ja reagieren“, rechtfertigte sich Löring gegenüber dem EXPRESS-Reporter. Vor sich eine Flasche Dujardin.

„Das ist die teuerste und schlechteste Fortuna-Mannschaft seit Christi Geburt“, referierte Löring, während er sich drei Weinbrand gönnte. Für ihn war alles der „Tünn“ schuld: „Ich kann meinen Klub nicht zu Grabe tragen lassen.“

Es waren nicht die ersten alkoholischen Getränke, die sich Löring „als Verein“ an jenem Mittwoch gegönnt hatte.

Halbzeitrauswurf bei Fortuna Köln: Jean Löring war „drauf wie eine Kreissäge“

Der damalige Manager Jürgen Weinzierl formulierte es über 15 Jahre später bei einer Fortuna-Veranstaltung in der Südstadt-Kneipe „Ubierschänke“ rückblickend so: Der Schäng habe „über den Tag verteilt ein paar Rotweine probiert“.

Im Schumacher-Buch liest sich das so: „Als wir aus dem Mannschaftsbus stiegen, kam ein Ordner auf mich zu: `Pass auf Toni. Der Alte hat schon ordentlich einen gebechert. Der ist drauf wie eine Kreissäge.`“

So war es, in der Halbzeit sägte Löring seinen Trainer ab.

Toni Schumacher hat Jean Löring verziehen und lobt ihn in den höchsten Tönen

Schumacher hat ihm verziehen: „Für mich persönlich war und ist Jean Löring trotzdem ein großer, herzensguter Kölner, und der Niedergang seines Lebenswerks tat mir sehr leid. Denn unabhängig von jener unseligen Episode war Löring ein Mensch, der vielen geholfen hatte. Hunderte Kinder holte er mit seiner Fortuna von der Straße, gab ihnen eine Heimat. Die Jugendarbeit des Vereins war vorbildlich, Integration wurde in der Südstadt von jeher großgeschrieben.“

Und deshalb sagt selbst Schumacher über Löring: „Ich habe großen Respekt vor seiner sozialen Leistung.“

So reagierten Christoph Daum und Ewald Lienen auf Toni Schumachers Entlassung in der Halbzeit

Die Reaktionen aus der Liga und der Fußball-Szene waren damals eindeutig:

Christoph Daum (66), damals Leverkusen-Trainer: „Das war ein absolut menschenunwürdiges Verhalten, was da abgelaufen ist. Da ist Herr Löring völlig über die Grenze des Erträglichen geschossen. Welcher Trainer will unter einem solchen Präsidenten noch arbeiten? Zur Fortuna kann eigentlich kein Trainer mehr gehen. Herr Löring hat ja sehr viel Fußball-Verstand, soll er doch selber den Trainer machen. Da kann er sich selber entlassen.“

Christoph Daum

Christoph Daum, hier bei einer Kusntausstellung Ende Juli 2020 in Köln, sprang im Jahr 1999 Toni Schumacher zur Seite, als dieser in der Halbzeit bei Fortuna Köln von Jean Löring entlassen wurde.

Ewald Lienen (66), damals FC-Trainer: „Eine ungeheuerliche Respektlosigkeit gegenüber einem Fußball-Lehrer. So etwas hat man vielleicht in der ehemaligen DDR gemacht. Bereits in den Wochen zuvor hat man den Toni Schumacher massiv kritisiert und in Frage gestellt.“

Dirk Lottner (48), damals FC-Kapitän: „Das ist unterstes Niveau. Ich kann nicht verstehen, dass man so charakterlos sein kann. Ich hatte den Eindruck, dass Herr Löring nur darauf gewartet hat, dass das Team verliert, um Toni rauszuwerfen.“

Rudi Völler (60): „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas erleben muss. Über diesen ungeheuerlichen Vorgang wird in ganz Europa gesprochen.“

Gazzetta dello Sport (Italien): „Lucian Gaucci, Präsident des AC Perugia, hat in Deutschland jemanden gefunden, der ihn in puncto Brutalität bei Trainerentlassungen schlägt: Jean Löring.“

SID (Sport Informations Dienst): „So etwas kommt sonst nur in Bananenrepubliken vor. Löring regiert so exzentrisch wie Jesus Gil y Gil bei Atlético Madrid. Er will die Schlagzeilen – auf Kosten des Vereins und eines verdienten Fußballers.“

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