Kommentar zum Coming-out im Fußball Profis sollten besonders einem Beispiel folgen

Der 1. FC Köln und die Kölner Haie ermutigen ihre Anhängerinnen und Anhänger auf der Anzeigetafel, so zu leben, wie sie wollen.

Symbolträchtig: Auf der Anzeigetafel des Rhein-Energie-Stadions setzt der 1. FC Köln zusammen mit den Kölner Haien am 16. Januar 2021 ein Statement zum Thema Toleranz.

Schwule Fußballprofis? Gibt es, wie das Beispiel Josh Cavallo zeigt! Doch viele andere Spieler trauen sich nicht, über ihre Homosexualität zu sprechen. Ein nicht hinnehmbarer Zustand, meint unser Autor. Ein Kommentar.

Köln. „Ich bin ein Fußballer und ich bin schwul“, erklärte der Australier Josh Cavallo (21) am Mittwoch (27. Oktober 2021) und ist damit einer von nur ganz wenigen aktiven Fußballprofis, die sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt haben. Ohne Frage ein Meilenstein, wenn auch ein trauriger.

Homosexuelle Menschen in der Öffentlichkeit? Was vor 50 Jahren noch undenkbar erschien, ist heute in Deutschland zum Glück Wirklichkeit: Ein schwuler Politiker hier, eine lesbische Schauspielerin dort. Alles kein Problem. Doch abgesehen vom Militär ist die Tabuisierung des Themas Homosexualität in wohl keinem anderen gesellschaftlichen Raum so fest verankert wie beim Fußball. Beim Männerfußball wohlgemerkt.

Die sexuelle Orientierung ist natürlich Privatsache

Unter Profi-Fußballern müssten sich im Schnitt genauso viele homosexuelle Menschen befinden wie in der restlichen Gesellschaft. Doch die von der Hetero-Norm abweichenden Spieler trauen sich nicht, offen darüber zu sprechen. Anders sieht es bei den Frauen aus: Allein bei der WM 2019 in Frankreich nahmen über 50 Spielerinnen teil, die zuvor ihre Bi- oder Homosexualität bekanntgaben.

Lesbische Fußballspielerinnen sind nahezu frei von Anfeindungen, schwule Fußballer haben hingegen Angst: Zum einen vor Verunglimpfungen im Stadion und in den sozialen Netzwerken, zum anderen vor einem vorzeitigen Karriere-Aus. Was passiert, wenn die Leistung wegen möglicher homophober Gesänge und Kommentare nicht mehr stimmt, der Vertrag deshalb nicht verlängert wird und plötzlich kein neuer Arbeitgeber gefunden werden kann?

Eine Regenbogenfahne mit Totenkopf weht am Millerntor.

Beim FC St. Pauli gehört nicht nur der Totenkopf, sondern auch die Regenbogenfarbe dazu. Das Foto entstand beim Heimspiel gegen Jahn Regensburg am 29. August 2021.

Jetzt könnte argumentiert werden, dass die sexuelle Orientierung eine Privatangelegenheit sei und das Fußballpublikum nichts angehe. Ganz richtig! Doch die Realität heterosexueller Fußballer sieht anders aus: Viele posieren mit ihren Frauen oder Freundinnen bei Events auf dem Roten Teppich oder auf ihren Instagram-Kanälen. Ein gleichgeschlechtliches Pärchen? Fehlanzeige.

Philipp Lahm rät Fußballprofis von Coming-out ab

Anfang 2021 riet Ex-Nationalverteidiger Philipp Lahm (37) von einem Coming-out schwuler Profis ab. Zu hoch sei der Druck, der dann auf den Spielern laste. Die Konsequenz aus Lahms gutgemeintem Rat wäre das Fortführen eines unendlich wirkenden Versteckspiels, unter dem die Psyche der Betroffenen weiter leidet. Ein nicht hinnehmbarer Zustand, gerade mit Blick auf die bekannten Folgen von Depressionen.

Fans des SC Freiburg zeigen ein Banner gegen Sexismus.

Die Fans des SC Freiburg haben auf Sexismus und Homophobie keine Lust und zeigen dies am 30. März 2019 mit einem Banner

Doch ist der Fußball überhaupt noch so verroht wie früher? Sind die Ängste der Profis überhaupt berechtigt? An einigen Stellen mit Sicherheit, homophobes Mackertum gibt es auch unter Fußballfans nach wie vor.

Doch auch der Fußball hat sich gewandelt, ist progressiver geworden. In den deutschen Stadien geben viele Ultra-Gruppen den Ton an, die sich für Toleranz und Antidiskriminierung einsetzen. Regenbogenfahnen wehen in den Kurven, Vereine starten Kampagnen gegen Homophobie, queere Fanklubs verschaffen sich Gehör, schwule Funktionäre wie der einstige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (39) werden ohne unpassende Fragen akzeptiert.

Das kollektive Coming-out als Modell für den Fußball

Ein Ansatz zum Umgehen der nicht unberechtigten Furcht der Spieler wäre ein kollektives Coming-out: Mehrere Fußballer, die bereits sind, ihre Homo- oder Bisexualität preiszugeben, müssten gleichzeitig damit an die Öffentlichkeit gehen. Der einzelne Sportler stünde damit weniger im Fokus, die geballte mediale Aufmerksamkeit würde abgefedert werden. Ein prominentes Beispiel dafür gibt es bereits. Im Februar dieses Jahres gab es bereits ein kollektives Coming-out: Damals gaben 185 deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Homosexualität gebündelt bekannt.

Noch hat kein aktiver Bundesligaspieler den Schritt eines Coming-outs gewagt. Doch es ist an der Zeit, sie zu unterstützen, ihnen Mut zu machen, ihnen den eigenen Rückhalt für diesen Fall zu versichern. Die Botschaft von Josh Cavallo ist die Richtige: „Sei du selbst.“ Für die eigenen Gefühle sollte sich im Jahr 2021 niemand mehr schämen müssen.

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