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GeneralabrechnungARD-Experte zerpflückt Nagelsmanns letzte Monate im Detail

Aktualisiert:

Woran ist Julian Nagelsmann bei der WM gescheitert? ARD-Experte Thomas Hitzlsperger holt ganz weit aus.

Tag eins nach dem deutschen WM-Aus. Auch in der ARD konnten und wollten Moderatorin Lea Wagner und Experte Thomas Hitzelsperger nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Die Vorschau auf das Spiel Elfenbeinküste gegen Norwegen musste warten. Stattdessen blickte Hitzlsperger nicht nur auf den peinlichen Auftritt gegen Paraguay zurück, sondern auf die vergangenen Monate von Julian Nagelsmann. Seine letzten als Bundestrainer?

Generalabrechnung mit Nagelsmann: Diese Punkte störten Hitzlsperger

Sein Fazit fiel verheerend aus. Der frühere Nationalspieler nannte gleich mehrere Punkte, bei denen Nagelsmann gravierende Schwächen gezeigt hat. „Mir fallen viele Punkte ein, die, glaube ich, hätten besser laufen können“, eröffnete Hitzlsperger seine Generalabrechnung. „Es ist unbestritten, dass er ein Fachmann ist, dass er sein Handwerk versteht als Trainer, als Coach. Aber dieses Amt heißt auch, Souveränität auszustrahlen. Das hat er nicht. “

Der größte Kritikpunkt? Die Kommunikation. „Er hat vor der WM viele Baustellen aufgemacht, die unnötig waren, kommunikativ“, so Hitzlsperger, der mehrere Beispiele aufführte: „Das erste, das mir einfällt, ist Deniz Undav. Da wirkt er fast schon eitel, zu sagen, da hast du den besten deutschen Stürmer in der Bundesliga, der immer wieder trifft, und dann sagt er ihm, der hätte nicht getroffen, wenn er von Beginn an gespielt hätte. Das ist unnötig.“ Damit bezog er sich auf Nagelsmanns fast schon trotzige Kritik an Undav nach dessen Länderspieltor gegen Ghana im März, für die sich später entschuldigte.

Zweites Beispiel: Das XXL-Interview mit dem „Kicker“, das so früh im WM-Jahr für viele Fragezeichen gesorgt hatte. „Ein Interview, um Dinge vorzubereiten, um anzuteasern und man denkt so: Warum macht er das eigentlich?“, so Hitzlsperger. „Und die Dinge, die er quasi angedeutet hat – so richtig umgesetzt hat er auch nicht alles davon.“

Drittes Beispiel: Der Auftritt im Aktuellen Sportstudio kurz nach den ersten Meldungen um ein Comeback von Manuel Neuer und wenige Tage vor der Kader-Nominierung. Hitzlsperger: „Dann sitzt er irgendwie in einem Fernsehstudio, beim Sportstudio, und man denkt: Eigentlich will er gar nicht da sein. Warum ist er jetzt aber da, er hat nichts zu sagen? Und dann noch die Nominierung von Manuel Neuer. Das wurde vorher publik. Und jetzt wissen wir alle: Im Fußball, da dringen Dinge nach außen. Aber es war ein so langer Prozess. Das war nicht souverän genug.“

Hitzlsperger glaubt, dass Nagelsmann als Bundestrainer dann doch die nötige Erfahrung fehlt. „Meine Schlussfolgerung ist, dass er ein toller Trainer ist, sehr erfahren als Trainer. Aber er hat wenig Lebenserfahrung. Und als Bundestrainer vielleicht ein bisschen ZU wenig Lebenserfahrung, weil es oft Punkte sind, wo er nicht gut aussah, die Lebenserfahrung betreffen. Und er ist noch nicht groß rumgekommen.“

Das Bundestrainer-Amt beinhalte mehr als taktische Maßnahmen, so der frühere Profi: „Was heißt es, zu nominieren, wenn eine ganze Nation drauf schaut? Was ist, wenn man einen Spieler nicht dabei hat, den Leute dabei haben wollen? All die Dinge. Oder was ist, wenn man am Wochenende nicht im Stadion sitzt und die Leute denken: Wo ist der Bundestrainer eigentlich? Darauf, glaube ich, war er nicht genügend vorbereitet und hat sie unterschätzt, weil diese Sachen eine große Wirkung haben als Nationaltrainer.“

Wird Nagelsmann aus der bitteren Erfahrung und seinen Fehlern denn zumindest lernen und die richtigen Schlüsse ziehen? Hitzlsperger ist zumindest skeptisch. „Ich wünsche ihm, dass er auch reflektiert genug ist, zu sagen: Da und da habe ich einen Fehler gemacht.“ Aber: „Er wirkt immer noch sehr selbstbewusst, auch im Misserfolg. Selbst gestern gab es ein paar Aussagen, die lassen nicht den Anschein erwecken, als hätte er verstanden, was da gerade passiert ist“, so Hitzlsperger.

Es sei völlig legitim, dass Nagelsmann nicht einfach weglaufen wolle und das auch kommuniziere. „Aber da finde ich, war er zu forsch im Ton“, so Hitzlsperger, der erklärte: „Das ist nicht jedes Wort, was er sagt, sondern WIE er es sagt. Und ich meine, dass die Zwischentöne oftmals lauter sind, als er vielleicht auch denken mag. Und das ist oftmals sehr gefährlich.“

Julian Nagelsmann (l) nach dem WM-Aus im Boston Stadium. Wohin führt sein Weg?
„Länger zusammengesessen“
DFB-Boss äußert sich zu Nagelsmann-Zukunft