Das peinliche WM-Ausscheiden gegen einen limitierten Gegner ist ein weiteres Armutszeugnis für den deutschen Fußball – und für Julian Nagelsmann. Ein Kommentar zu den notwendigen Konsequenzen.
Kommentar zum WM-AusNagelsmann-Rauswurf ist zwingend – kompletter Neustart muss her

Das Positive zuerst. Hätte der Schiedsrichter den Treffer zum 2:1 durch Jonathan Tah nicht aberkannt, hätte sich Deutschland trotz schlimmer Leistung ins WM-Achtelfinale gemogelt. Dort wäre es wahrscheinlich zu einem peinlichen Debakel gekommen. Diese Demütigung bleibt den Fans nun erspart.
Außerdem wäre ein Einziehen in die Runde der besten 16 Teams am Ende von den stets auf Harmonie setzenden Verantwortlichen noch als zufriedenstellend verkauft worden. So, nach der blamablen Vorstellung und dem dritten frühzeitigen WM-Aus in Folge, kann wenigstens Klartext gesprochen werden.
Julian Nagelsmann stümperte sich gegen Paraguay zum WM-Aus
Joachim Löw blieb nach dem Vorrunden-Fiasko bei der WM 2018 im Amt, Hansi Flick durfte nach dem Debakel 2022 weitermachen. Auch Julian Nagelsmann will sein Traineramt nicht räumen. Die Gefahr, dass die entscheidungsscheuen DFB-Verantwortlichen nicht eingreifen, ist wieder groß.
Dass im Fußballverband und im Umfeld der Bosse einige die Augen gern vor der Realität verschließen und lieber auf harmonische Wohlfühlatmosphäre statt auf knallharte Worte setzen, wurde bei diesem Sommer-Trip in die USA deutlich. Die Quittung für Familienidylle, Wagenburgmentalität, entspannte Freizeitaktivitäten und irrsinnige Entscheidungen gab’s von Paraguay.
Verantwortlich für die dritte WM-Blamage in Folge sind in erster Linie die Spieler. Joshua Kimmich steht als ewig erfolgloser Kapitän sinnbildlich für die Generation der Gescheiterten. Die Zeit von Akteuren wie Antonio Rüdiger, Leon Goretzka oder Leroy Sané im DFB-Trikot ist vorbei. Diese Nationalmannschaft hatte keine Führungsfiguren und außer Joker Undav auch keine Sympathieträger.

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Rückkehr nach dem erneuten WM-Fiasko. Bundestrainer Julian Nagelsmann (r.) und sein Assistent Benjamin Glück steigen in der Nacht aus dem Flugzeug.
Letztlich hat jedoch eine Person das erneute deutsche Fußball-Beben beim DFB zu verantworten: Julian Nagelsmann. Die Mängelliste seiner Arbeit ist länger als das Spiel gegen Paraguay. Der größte Vorwurf: Der Bundestrainer hat gegenüber der Mannschaft komplett die Glaubwürdigkeit verloren. Die viel zitierten Rollengespräche im Frühjahr konterkarierte er durch planlose Entscheidungen.
Unnötiger Torwarttausch, Verzicht auf einen klaren Rechtsverteidiger im Kader, Ignorieren des Leistungsprinzips, kein Einstudieren einer Spielidee gegen einen tief stehenden Gegner, Einsetzen von Akteuren entgegen ihren Stärken, starrsinniges Festhalten an Lieblingen, schnippisches und oberlehrerhaftes Verhalten – nach über 1.000 Tagen im Amt fällt das Zeugnis vernichtend aus.
Nagelsmanns Unsicherheit hat sich auf die Mannschaft übertragen. Die vielzitierte Spielidee wurde im Chaos endgültig über Bord geworfen. Plötzlich durfte doch Undav starten, der prompt unsichtbar blieb. Nmecha, ein Lichtblick des WM-Auftakts, wurde früh geopfert. Leon Goretzka, der seinen versprochenen Stammplatz verloren hatte, sollte es richten und verweigerte den Einsatz. Kimmich rückte doch ins Mittelfeld, Jamal Musiala wurde als Joker auf den Flügel beordert. Der bislang komplett ignorierte Nick Woltemade sollte plötzlich als Retter und Elfmeterschütze herhalten.
Da operierte jemand mitten im K.-o.-Spiel am offenen Herzen und stümperte sich zum Aus. Diese Planlosigkeit, die der Bundestrainer mit seinem üppigen Assistentenstab an den Tag legte, und den permanenten Schlingerkurs quittierte die Mannschaft mit einem blutleeren Kick, indem sie teilnahmslos das Elend über sich ergehen ließ.

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Joshua Kimmich erlebte als deutscher Kapitän erneut ein desaströses Turnier.
Dass mit Gnabry, Karl und Schlotterbeck drei wichtige Akteure verletzungsbedingt bei der WM-Mission ausfielen, hat Nagelsmann nicht zu verantworten. Dass es ihm nach dem Aus bei der Heim-EM und dem Scheitern bei der Nations-League-Endrunde in zwei Jahren nicht gelungen ist, das Team an seine Leistungsgrenze zu bringen, sollten selbst die DFB-Bosse erkannt haben.
Nagelsmann darf im September nicht mehr auf der Trainerbank sitzen. Die Rufe nach Jürgen Klopp liegen auf der Hand. Der gab zwar bei dieser WM als Experte bei MagentaTV mitunter auch eine fragwürdige Figur ab. Zumindest ist es ihm zuzutrauen, den dringend auf allen Ebenen benötigten Neustart bei der Nationalmannschaft anzustoßen.

