FC-Star im Abschieds-Interview Czichos: „Oft gefragt, warum ich so kritisch gesehen wurde“

Rafael Czichos im Spiel bei Eintracht Frankfurt

Rafael Czichos, hier im Bundesliga-Spiel bei Eintracht Frankfurt am 25. September 2021, erfüllt sich seinen Traum und verlässt den 1. FC Köln in Richtung USA.

Rafael Czichos verlässt den 1. FC Köln und schließt sich Chicago Fire an. Der Abwehrspieler spricht im exklusiven Abschieds-Interview über seine Zeit beim FC, Steffen Baumgart und seinen Traum von den USA.

Er hat seine Sachen schon gepackt und Köln bereits verlassen. Rafael Czichos (31) verbringt seine letzten Tage in Deutschland bei der Familie in Bremen, ehe am 14. Januar sein USA-Abenteuer beginnt.

Bevor Czichos seine Arbeit beim MLS-Team Chicago Fire antritt, sprach der Abwehrspieler im exklusiven Abschieds-Interview mit EXPRESS.de über die Entscheidung, den 1. FC Köln zu verlassen, seine schönsten Momente und sein besonderes Verhältnis zu Steffen Baumgart (49).

Rafa, wann ist der Entschluss gereift, den FC für Ihren USA-Traum zu verlassen?

Rafael Czichos: Die endgültige Entscheidung für Chicago ist erst über die Weihnachtstage gefallen. Wir haben uns mit der Familie zu Hause hingesetzt und Gedanken gemacht, ob das für uns infrage kommt. Ich hatte immer schon Lust, das zu machen. Aber das Thema Bundesliga so abrupt abzuschließen, ist mir nicht leicht gefallen. Vor allem, weil das letzte halbe Jahr echt Spaß gemacht hat. Wir haben zusammen mit dem Trainerteam richtig gute Arbeit geleistet, die Jungs waren alle charakterlich top und ich habe mich richtig wohlgefühlt. Das hat mich echt ins Grübeln gebracht. Ich habe mich letztlich aber für die USA entschieden, weil es für mich eine einmalige Chance im Leben ist. Im Sommer wäre es deutlich schwieriger gewesen, rüberzugehen, weil die Saison da bereits in vollem Gange ist. Ich gehe mit einem weinenden Auge, freue mich aber auch riesig auf die neue Herausforderung.

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Ein Winter-Wechsel war für Sie am Anfang der Saison also noch kein Thema?

Czichos: Nein, auf keinen Fall. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht mein Plan, den 1. FC Köln zu verlassen. Ich weiß auch, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Verein einen Stamm-Innenverteidiger und Vize-Kapitän im Winter ziehen lässt. Ich kann den FC-Verantwortlichen gar nicht genug danken, dass sie mir diese Chance ermöglichen. Ich hoffe, dass die Jungs das auch ohne mich weiterhin so gut machen und ihren Weg erfolgreich weitergehen werden.

Steffen Baumgart respektiert Entscheidung von Rafael Czichos

Wie hat Steffen Baumgart Ihre Entscheidung aufgenommen?

Czichos: Der Trainer wusste seit dem ersten Gespräch mit Chicago im Herbst Bescheid. Er war von Anfang an eingeweiht, wir waren da immer offen und ehrlich zueinander. Er hat mir freie Hand gelassen, weil er meine Situation total verstehen kann. Er ist natürlich traurig, dass es jetzt so gekommen ist, aber er akzeptiert und respektiert meine Entscheidung. Ohne seine Einwilligung wäre dieser Transfer niemals über die Bühne gegangen. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir diese Chance ermöglicht. Die meisten Trainer hätten mir wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. Ich habe ihm daher auch persönlich gesagt, dass ich selten so einen aufrichtigen Menschen im Fußball-Geschäft kennengelernt habe. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mit ihm zusammenarbeiten durfte.

Wie schwer fällt Ihnen der Abschied von Ihren Mannschafts-Kollegen und wie groß war das Verständnis für Ihre Entscheidung?

Czichos: Der Abschied von den Jungs fällt mir sehr schwer. Ich habe mich im Kreis der Mannschaft sehr wohlgefühlt und echte Freunde gefunden. Mit Louis Schaub habe ich privat wohl am meisten gemacht, aber auch Luca Kilian ist mir in der kurzen Zeit echt ans Herz gewachsen. Ich werde die Jungs vermissen. Ich bin auch sehr froh darüber, dass sie Verständnis für meine Entscheidung haben. Ich weiß, dass einige in der Zukunft sogar ähnliche Pläne haben, weil sie die USA genauso reizvoll finden wie ich. Sie haben sich sehr für mich gefreut, weil ich ihnen oft erzählt habe, dass es mein großer Traum ist. Ich bin sehr stolz, dass ich Teil dieser Mannschaft sein durfte. Ich bin froh, dass ich das letzte halbe Jahr so erleben durfte, und das FC-Kapitel nicht mit einer Krisen-Saison wie der letzten beende.

Hätte der FC gerne mit Ihnen verlängert?

Czichos: Es gab eindeutige Signale seitens des Vereins, mit mir verlängern zu wollen. Ich bin den Verantwortlichen auch dankbar für diese Wertschätzung. Deshalb ist es mir auch noch mal ganz wichtig zu betonen, dass es keine Entscheidung gegen den FC war, sondern für die USA. Ich bin erleichtert, dass es jetzt raus ist. Das Thema hat mich den ganzen Urlaub über begleitet. Ich war doch sehr angespannt die letzten Wochen und bin jetzt sehr froh mit meiner Entscheidung.

Rafael Czichos verlässt 1. FC Köln

Sie haben in Ihren dreieinhalb Jahren am Geißbockheim viel erlebt. Was sind Ihre drei einprägsamsten FC-Momente?

Czichos: Zuallererst ist da natürlich der unvergessliche Aufstieg in meiner ersten Saison. Es war ein großartiges Gefühl, als wir dieses Ziel erreicht haben. Ich habe mir damit meinen eigenen Traum erfüllt. Deshalb werde ich auch nie mein erstes Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg (Anm. der Red.: 1:2 am 17. August 2019) vergessen. Auf diesen Tag hatte ich meine ganze Karriere lang hingearbeitet. Und der letzte FC-Moment liegt noch gar nicht so lang zurück. Es war das 4:1 im Derby gegen Borussia Mönchengladbach. Das war ein überragendes Erlebnis vor den eigenen Fans.

Wie behalten Sie die Karriere-Station 1. FC Köln insgesamt in Erinnerung?

Czichos: Es waren intensive und emotionale dreieinhalb Jahre für mich. Meine Familie und ich haben uns immer sehr wohlgefühlt, obwohl es nicht immer leicht für mich war und die Akzeptanz nicht immer so da war, wie ich es mir gewünscht hätte. Nichtsdestotrotz ist der FC ein toller Verein, und ich werde den Klub in sehr guter Erinnerung behalten.

Rafael Czichos applaudiert den Fans

Abschied nach dreieinhalb Jahren: Rafael Czichos (l.), hier miT ondrej Duda nach dem Spiel bei Arminia Bielefeld am 4. Dezember 2021, geht in die MLS.

Sie sprechen die Kritik der Fans an. War die fehlende Akzeptanz mit ausschlaggebend für den Wechsel?

Czichos: Nein, das war kein Punkt in der Abwägung. Dennoch habe ich mich oft gefragt, warum ich so kritisch gesehen wurde und wie es gewesen wäre, wenn ich unter anderen Umständen gekommen wäre. Ich bin allen beim FC dankbar, dass ich mir hier den Traum von der Bundesliga erfüllen konnte. Ich glaube, dass ich den ein oder anderen Kritiker beziehungsweise Skeptiker in den dreieinhalb Jahren auch von mir überzeugen konnte. Diejenigen, die ich bis jetzt nicht überzeugt habe, hätte ich auch in den nächsten Jahren nicht auf meine Seite ziehen können. Ich gehe im Guten und bin stolz darauf, was ich beim FC erreicht habe. Das ist für mich die Hauptsache.

Sie gehen mit Ihrer Frau und Ihrem kleinen Sohn Ben rüber. Wie sehr freuen Sie sich als kleine Familie auf dieses neue Abenteuer?

Czichos: Meine Frau stand dem Thema von Anfang an sehr offen gegenüber, sonst hätte ich das auch nie gemacht. Für mich war klar, dass ich nur mit meiner Familie gehe oder gar nicht. Für den Kleinen wird es am Anfang natürlich ungewohnt sein, aber ich denke, dass er sich ganz schnell eingewöhnen wird. Es ist sicher kein Nachteil für ihn, dass er die nächsten drei Jahre zweisprachig aufwachsen wird. Wir freuen uns jetzt als Familie, dass wir das machen können.

Sie haben in Chicago einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Was nehmen Sie sich für die Zeit vor?

Czichos: Es ist wohl die letzte große Herausforderung in meiner Karriere. Chicago bringt mir mit diesem langfristigen Vertrag ein sehr großes Vertrauen entgegen. Das möchte ich mit Leistung zurückzahlen. Die letzten zehn Jahre lief es für Fire nicht besonders gut. Bastian Schweinsteiger hat es einmal mit dem Verein in die Playoffs geschafft. Dort sind sie dann in der ersten Runde rausgeflogen. Ich will nun dabei helfen, dass die nächsten Jahre erfolgreicher werden für das Team. Ich will als Führungsspieler vorangehen und etwas erreichen. Dafür wurde ich geholt.

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Rafael Czichos: „Gab keine Gespräche mit Schweini“

Hatten Sie im Vorfeld Kontakt mit Schweinsteiger oder wie entstand der Draht nach Chicago?

Czichos: Nein, es gab keine Gespräche mit Schweini im Vorfeld. Vielmehr hat mein ehemaliger Mitspieler Kenneth Kronholm (Anm. d. Red.: Beide spielten zusammen bei Holstein Kiel) etwas damit zu tun. Er hat bis zuletzt für Fire gespielt. Ich glaube, dass es zwischen ihm und der sportlichen Leitung einen Austausch über mich gab. Er wusste von meinem USA-Traum, und dass Chicago einen erfahrenen Verteidiger gesucht hat – und so sind beide Seiten dann zusammengekommen. Ich muss sagen, dass sich der Klub und der neue Trainer Ezra Hendrickson sehr um mich bemüht haben. Ich bin froh, dass es geklappt hat. Chicago ist eine tolle und vor allem fußballverrückte Stadt, in der es sich sehr gut leben lässt.

Wie ist jetzt Ihr Zeitplan in den nächsten Tagen und Wochen?

Czichos: Ich werde mich nun in den nächsten zwei Wochen fit halten und dann wahrscheinlich am 14. Januar rüberfliegen. Am 16. beginnt dann dort die Vorbereitung auf die neue Saison mit einem Trainingslager in Orlando. Der erste Spieltag ist am 26. Februar gegen Inter Miami. Ich fiebere diesem Spiel schon extrem entgegen, bin sehr gespannt, wie es in der MLS zugeht. Die Regular Season läuft bis Oktober. Ich hoffe, aber, dass wir die Playoffs erreichen werden und noch einen Monat länger spielen werden. Das ist mein Ziel für diese Saison.

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