Wird es der Start einer großen Trainerkarriere beim 1. FC Köln? René Wagner (38) geht in seine erste Saison als Chefcoach, nachdem er am Ende der Saison als Interimstrainer den Klassenerhalt geschafft hatte. Das erste Chef-Interview mit Wagner:
Hier spricht der ChefFC-Trainer Wagner: „Ist mir wichtiger als alles andere“

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Kölns neuer Cheftrainer René Wagner im Trainingslager in St. Johann/Tirol mit Jonathan Friemel und Youssoupha Niang auf dem Platz.

Im Trainingslager versprüht der 1. FC Köln Aufbruchstimmung und Optimismus. Die Mannschaft zeigt auf dem Platz, dass sie bereit ist, hart zu arbeiten. Erstmals ist René Wagner dabei als Cheftrainer verantwortlich für eine Vorbereitung.
EXPRESS.de gab der 38-Jährige im Teamhotel in Kitzbühel sein erstes Interview als Chefcoach. Wagner spricht über seine Ziele und Wünsche, die Pfiffe am Ende der vergangenen Saison und seine Führungs-Idee als junger Cheftrainer. Ein großer Strafenkatalog spielt bei ihm dabei übrigens keine übergeordnete Rolle.
René Wagner ist von der Mannschaft im Trainingslager begeistert
René, wie zufrieden, bist du mit dem Verlauf des Trainingslagers? Es war ja zuletzt schon intensiv beim internen Test.
René Wagner: Es hat bisher viel Spaß gemacht, mit der Mannschaft zu arbeiten und den Jungs zuzuschauen. Ich finde die Mentalität gut, die Jungs sagen sich auch mal die Meinung. Da ist viel Wettkampf zu sehen, ohne dass einer übertreibt.
Wie haben sich die neuen Spieler einsortiert?
Wagner: Ich denke, dass die Gruppe in der kurzen Zeit schon gut zusammengefunden hat. Mit den U21-Spielern und den Neuzugängen Paul Okon-Engstler, Reigan Heskey, Luka Lochoshvili, Martin James und Gideon Mensah sind es schon einige Jungs, die das erste Mal dabei sind. Auch das Team-Event am Samstag hat da geholfen. Das sieht man auch auf dem Platz.
Du hast den Konkurrenzkampf schon angesprochen, im internen Test gab es schon ein paar verbale Auseinandersetzungen zwischen den Spielern. Wo liegt da bei dir die Grenze und du schreitest ein?
Wagner: Es ist ein gesunder Konkurrenzkampf gerade. Wo die Grenze liegt, ist immer abhängig von der Situation. Das sind alles erwachsene Männer – nur prügeln sollten sie sich nicht. So weit wird es aber nicht kommen – auch, wenn das im Fußball schon mal passiert ist. (lacht)
Für dich ist es die erste Vorbereitung als Cheftrainer. Wie bereitet man sich auf eine Vorbereitung vor?
Wagner schmunzelt: Ich habe ja eine Fußballtrainer-Ausbildung genossen. Und ich habe die Erfahrung aus sechs Vorbereitungen in Deutschland, und zuvor durfte ich auch in den USA schon Teams betreuen. Vom Ablauf einer Vorbereitung unterscheidet sich eine Regionalligamannschaft nicht von einer Bundesligamannschaft. Aber wir dürfen dabei das schönere Hotel genießen und haben die besseren Spieler und einen größeren Staff, um gute Dinge umzusetzen. Am Ende geht es darum, die Jungs fit zu machen und eine Gruppe zu formen. Im Vorfeld haben wir natürlich einen Plan erstellt, bei dem wir festgelegt haben, welche Ziele wir zu welchem Zeitpunkt erreicht haben möchten. Da geht es nicht nur um fußballerische Themen, sondern auch um die Gruppendynamik.
Wagner will, dass niemand der FC-Mannschaft schadet
Früher gab es einen Strafenkatalog. Hast du auch einen erstellt, oder verfolgst du andere Methoden, um eine Mannschaft zu formen und zu führen?
Wagner: Die Jungs haben unter sich einen Strafenkatalog, den sie befolgen. Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass sie sich so verhalten, dass sie nicht der Mannschaft schaden. Natürlich gibt es für gewisse Verstöße eine Geldstrafe. Aber ich glaube einfach, dass ein emotionaler und gruppendynamischer Druck entstehen muss, um gemeinsam Dinge einzuhalten. Ich gebe nicht viele Sachen vor. Bisher sehe ich auch keine Mannschaft, die die Leitplanken austestet. Aber wenn mal einer drüberspringt, dann muss ich da sein. Das ist viel, viel wichtiger als ein großer Strafenkatalog. Wenn jemand weiß, dass ein Vergehen 100 Euro kostet und die stören ihn nicht, dann verliert ein Strafenkatalog seine Wirkung. Es geht eher darum, dass die Jungs verstehen müssen, dass sie der Mannschaft niemals schaden dürfen.
Wie wird man eigentlich Trainer im Profibereich ohne große Spielerkarriere? Hat sich die Bundesliga da in den vergangenen Jahren geöffnet? War das für dich ein schwieriger Weg, um zu zeigen: Hier bin ich?
Wagner: Es war nicht mein Karriereziel, mit 38 Jahren Cheftrainer in der Bundesliga zu sein. Mein Ziel war es, so hoch wie möglich im Fußball zu arbeiten, egal ob als Co-Trainer oder in anderen Bereichen. Ich habe im Jugend- und Amateurbereich in Amerika gearbeitet und im College-Fußball. Dann kam in der Coronazeit die Möglichkeit, nach Paderborn zu gehen. Das war die Tür in den deutschen Fußball. Von da ging es dann sehr schnell. Ich bin jemand, der viel arbeitet, aber das tue ich gerne. Denn ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Aber um im Profibereich zu landen, gehören auch eine gewisse Portion Glück dazu und der Wille, sich immer wieder zu hinterfragen und dazuzulernen.
Hast du dich schon als Trainertyp gefunden?
Wagner: Man entwickelt im Laufe der Zeit seinen Weg. Ich fühle mich zu hundert Prozent wohl mit dem, was ich tue, und bin der festen Überzeugung, dass die Mannschaft mir diese Autorität nur abnimmt, wenn sie mir glaubt und sieht, dass ich der bin, der ich sein möchte. Aktuell habe ich das Gefühl, dass das bei der Mannschaft ankommt. Aber ich weiß auch, dass schwere Entscheidungen dazukommen. Und dann wird man sehen, ob das stark ist und hält.
Als Cheftrainer muss man harte Personalentscheidungen treffen…
Wagner: Ja, und ich hoffe dann, wenn es mal kritisch wird und ich harte Entscheidungen treffen muss, die Jungs immer wissen: Da steht jemand, der es ernst mit mir meint. Der hat gerade nur eine andere Entscheidung getroffen. Das wird im Fußball immer vorkommen. Dass der Spieler und ich erhobenen Hauptes aus so einem Gespräch rausgehen, ist mir wichtiger als alles andere.
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Es hat den Eindruck, als kommt auch ein neues Wir-Gefühl und eine neue Mentalität mit dir in den Klub. So etwas kann auch eine Mannschaft durch schwierige Phasen tragen. Wie wichtig ist dir das?
Wagner: Wenn wir als Mannschaft in die gleiche Richtung gehen, haben wir einfach eine größere Chance, Bundesligaspiele zu gewinnen. Und generell ist es im Teamsport ja ein Wir. Das funktioniert nur zusammen. Deshalb arbeiten wir hier nicht nur an fußballinhaltlichen Themen, sondern auch ganz viel neben dem Platz, wo wir uns um die Gruppe kümmern. Beim Anpfiff des ersten DFB-Pokalspiels werden wir dann sehen, wie gefestigt wir sind. In sechs Wochen kann nicht alles entstehen. Wir müssen schauen, dass wir gut in die Saison starten, aber wir müssen der Mannschaft auch Zeit geben. Auf der ein oder anderen Position haben wir junge Spieler dabei, die sich entwickeln müssen. Aber in der Kette und im Mittelfeld haben wir einige Spieler mit Erfahrung, da wollen wir ein starkes Gerüst bilden. Über allem gibt es eine große Säule, an der wir uns festhalten wollen: Es geht nur gemeinsam!
Du hast angesprochen, dass die Mannschaft Zeit braucht. Für dich ist es auch die erste Station als Cheftrainer. In der vergangenen Saison konntest du als Interimstrainer in sieben Spielen den Klassenerhalt perfekt machen. Es gab aber auch Unmut von den Fans, mit Pfiffen nach dem Spiel gegen Heidenheim. Wie gehst du damit um? Es werden ja vielleicht schon zu Saisonbeginn Phasen kommen, in denen man nicht jedes Spiel gewinnt.
Wagner: Das kann ich maximal nachvollziehen. Ich habe mich nach dem 2:2 bei Union Berlin auch geärgert, dass das Spiel so verlaufen ist. Dafür gab es Gründe und die haben wir aufgearbeitet. Jeder Fan hat das Recht, seinen Unmut zu äußern, wenn er unzufrieden ist. Ich würde mir nur einfach wünschen, dass wir der Mannschaft das Gefühl geben, dass wir hinter ihr stehen. Das tun unsere Fans auch zu hundert Prozent.

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René Wagner (1. FC Köln, l.) im Gespräch mit EXPRESS.de-Reporter Uwe Bödeker im Trainingslager in Kitzbühel.
Gegen Heidenheim hatte man nicht das Gefühl, weil der Einsatz nicht so stimmte…
Wagner: Dass wir es gegen Heidenheim zu Hause nicht geschafft haben, den Fans, dem Verein und der Mannschaft, den Saisonabschluss zu schenken, den wir uns mit dem Klassenerhalt eigentlich verdient hatten, darüber war ich auch maximal enttäuscht. Die Saison war schwer. Und auch deshalb ist bei den Jungs nach dem feststehenden Klassenerhalt ein unfassbarer Ballast abgefallen. Das soll keine Entschuldigung für die Leistung gegen Heidenheim sein. Aber auf der anderen Seite stand eine Mannschaft, die noch um alles gekämpft hat. Und wenn in der Bundesliga nur ein halber Prozentpunkt fehlt, dann hat man es schwer. Das ist auf der einen Seite menschlich, aber darüber sprechen wir auch mit der Mannschaft.
Union und Heidenheim waren also auch für dich und die Spieler ein großer Lerneffekt?
Wagner: Absolut, das sind genau die Themen, die wir angehen. In solchen Phasen müssen wir noch ein Fünkchen mehr Griffigkeit zeigen. Mir ist wichtig, dass wir das der Mannschaft rüberbringen. Natürlich ist jeder Fan enttäuscht, wenn wir ein 2:0 in Berlin hergeben und nur 2:2 spielen. Uns geht es da nicht anders. Ich kann die Fans verstehen. Der Unmut und die Pfiffe motivieren mich aber eher. Wir wollen schaffen, dass so etwas nicht mehr passiert, dass die Fans immer spüren: Da ist eine Mannschaft, die alles gibt. Dann verzeiht man auch mal, wenn man nach einer 2:0-Führung nur 2:2 spielt. Ich wünsche mir einfach für die neue Saison, dass wir weniger Gründe liefern, die zu Unzufriedenheit bei den Fans führt. Aber ich wünsche mir auch, dass die Fans verstehen, dass da elf Menschen auf dem Platz stehen, die auch mal einen Scheißtag haben können.
Du hast lange in den USA und dort auf Hawaii gelebt. Wie sehr hat dich das geprägt?
Wagner: Die Kultur ist schon anders. Ich bin da als etwas engstirniger Mensch hingegangen und mein Horizont hat sich enorm erweitert. Die Erfahrungen auf Hawaii waren schon krass. Wenn man mit einer anderen Sprache irgendwo ankommt, verliert man erstmal seine Persönlichkeit, weil man sich am Anfang noch nicht so ausdrücken kann. Das hilft mir jetzt, wenn es darum geht, unsere Spieler zu verstehen. Ich kann verschiedene Perspektiven einnehmen, weil ich mit vielen verschiedenen Kulturen in einigen Wohngemeinschaften gelebt habe. Da war wirklich alles vertreten und ich habe viele Lehren daraus gezogen.
Auf Hawaii hast du auch deine Frau Mandi kennengelernt?
Wagner: Ja, auf Oahu. Wir haben dort an derselben Universität studiert.
Was sind deine größten Stärken?
Wagner schmunzelt: Gute Frage, das können andere viel besser einschätzen. Aber eine meiner Stärken ist es und muss es auch sein, junge Menschen aus verschiedensten Kulturen zu verstehen und zu verbinden. Natürlich muss ich Fußballinhalte gut vermitteln können, aber die menschliche Komponente ist viel wichtiger. Es ist auf jeden Fall gut, dass ich zwei Sprachen spreche, das hilft enorm bei der Kommunikation – und ich denke, ich habe ein gutes Gespür für die Gruppe. Das Zwischenmenschliche ist mir wichtig, aber ob das eine richtige Stärke wird, werden wir sehen. Das müssen wir während der Saison unter Beweis stellen, wenn es mal stressig wird.
Ist das beim 1. FC Köln auch ein spannendes Projekt, weil etwas entsteht? Ein Trainer, der die Karriere startet: Thomas Kessler ist frisch in der Chefposition als Sportgeschäftsführer und in der Mannschaft gibt es viele junge Talente.
Wagner: Es ist ja nicht so, dass wir nur mit 18-, 19-Jährigen arbeiten. Aber wir wollen weiter Talente einsetzen und besser machen. Mit Luka und Gideon sind zwei 28-Jährige dazugekommen. Mit Luca Waldschmidt, Marius Bülter, Ragnar Ache, Jan Thielmann oder Marvin Schwäbe sind aber auch Spieler dabei, die schon länger hier sind. Ich denke aktuell, dass die Mischung viel Spaß macht. Und was ich im Klub erlebe, mit allen Geschäftsführern und der Mannschaft: Wir denken alle in eine Richtung. Das fühlt sich unfassbar gut an. Ich habe das Gefühl, jeder möchte das Gleiche. Nicht jeder hat die gleiche Meinung, aber wir wollen das Gleiche erreichen. Im Fußball ist aber am Ende das Ergebnis am Wochenende entscheidend. Da hoffe ich, dass wir die Zeit bekommen, um über gute Ergebnisse etwas aufzubauen. Wir arbeiten hier in einem der größten Vereine Deutschlands. Der Klub hat es in den vergangenen Jahren leider nicht geschafft, außer unter Peter Stöger, sich mal mehr als drei, vier Jahre in der Bundesliga zu stabilisieren. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir in fünf Jahren hier sitzen und darüber sprechen, dass es funktioniert hat. Aber da gehört am Anfang eine Menge Arbeit und auch ein bisschen Glück dazu.
Bist du eigentlich ein Typ, der seine Karriere mit Weitblick plant? Hast du das Ziel, in zehn Jahren mal in der Premier League zu arbeiten? Oder willst du sogar mal Bundestrainer werden?
Wagner: Ich will Erfolg mit dem 1. FC Köln haben. Alles andere spielt in meinem Kopf gerade keine Rolle.
Du arbeitest viel und gerne – musst du dich da auch ab und zu selbst schützen und mal Pause machen? Oder zieht deine Frau dich mal raus? Wobei entspannst du?
Wagner: Fußball fühlt sich für mich nicht wie Arbeit an. Es ist meine Leidenschaft. Aber es gibt als Cheftrainer schon Themen, die sich wie Arbeit anfühlen. Entspannen kann ich abends auf dem Sofa oder frühmorgens beim Sport. Es macht mir auch unheimlich viel Spaß mit meinem Staff zu arbeiten. Wir sind fleißig, haben aber auch unheimlich viel zu lachen.
Gibt es einen Lieblingsort von dir in Köln?
Wagner: Wir wohnen frisch in Sülz, da habe ich noch keinen Lieblingsort gefunden. Aktuell ist es das Stadion in Köln. Generell bin ich aber überall gerne. Ich spaziere auch jeden Tag zur Arbeit ans Geißbockheim. Diese 25 Minuten tun mir auch immer richtig gut.


