Vize Wettich über FC-Zoff & Krise „So kann kein normaler Bundesligist überleben“

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Konstruktive Gespräche: Carsten Wettich (r.) und Sportchef Horst Heldt.

Köln – Als Carsten Wettich (40) das Amt des kommissarischen Vizepräsidenten übernahm, stürmte der FC aus dem Keller. Jetzt aber gibt es Gegenwind: die Corona-Krise, Unruhe unter den Mitarbeitern, Brandbriefe von Alt-Internationalen. Auch Wettichs Kandidatur zum Vize sorgte für Kritik.

Im EXPRESS aber macht Wettich deutlich: Der FC hat nur einen Gegner und das ist die gegenwärtige Krise. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen will er den Klub da herausführen. Das Interview.

Carsten Wettich: „Ich erlebe Horst Heldt als sehr offen“

Carsten Wettich, in Donaueschingen sah man Sie im langen Gespräch mit Horst Heldt. Für all die Aufregung, die gerade herrscht, sah das aber sehr freundschaftlich aus.

Ja, wir arbeiten gut zusammen und auch in diesem Fall war es ein sehr konstruktives und harmonisches Gespräch. Es ging tatsächlich viel um Fußball. In den Runden mit der Geschäftsführung haben wir gemeinsam besprochen, was nötig ist, um sportlich konkurrenzfähig zu sein, wo vielleicht aber auch Grenzen sind, weil die wirtschaftliche Situation ist, wie sie ist. Das Trainingslager war eine Gelegenheit, das noch einmal in Ruhe zu besprechen. Ich erlebe Horst Heldt in diesen Dingen sehr offen, er versteht die wirtschaftlichen Zwänge.

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Carsten Wettich besuchte als komissarischer Vizepräsident auch das Trainingslager in Donaueschingen.

Wird der FC zum Saisonstart eine schlagkräftige Truppe zusammenhaben?

Die sportliche Leitung arbeitet noch an Verstärkungen, nachdem sie sich bislang primär um die Abgabenseite gekümmert hat. Wir haben einen zentralen Spieler verloren, haben aber auch ein paar dazu geholt. Es wird auf jeden Fall eine schwere Saison, aber ich bin zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen.

Die Schlagzeilen werden aber nicht vom Sport bestimmt, sondern es herrscht viel Unruhe. Zurzeit macht es den Eindruck, als prasselt es von allen Seiten auf den Vorstand ein. Wie erleben Sie das gerade?

Im Trainingslager habe ich etwas ganz anderes erlebt: Eine Mannschaft, die mit dem Trainerteam und allen anderen vor Ort hoch konzentriert arbeitet und zugleich Freude ausstrahlt. Hier herrschte Teamgeist und gute Stimmung. Das ist ein völlig anderes Bild als das, welches im Moment einige Außenstehende versuchen zu erzeugen. Ob das, was einige wenige hier tun, in der aktuell schwierigen Phase im Sinne des Vereins ist, muss jeder für sich selbst beantworten.

Im Kern geht es stets um die Streitfrage: Hat der Mitgliederrat beim 1. FC Köln zu viel Macht? Jetzt soll mit Ihnen einer aus dessen Mitte in den Vorstand rücken.

In jedem größeren Verein gibt es einen Aufsichtsrat, der den Vorstand berät und überwacht. Das ist für eine funktionierende Corporate Governance unerlässlich. In Köln heißt dieses Gremium Mitgliederrat. Früher hat beim FC der Vorstand den Verwaltungsrat vorgeschlagen und der dann wiederum den Vorstand. Der Verwaltungsrat war damals mächtiger als der Mitgliederrat heute, weil keine freie Wahl und damit keine Überwachung durch die Mitgliederversammlung bestand.

Und damit der Mitgliederrat nicht zu mächtig wird, haben die Satzungsmütter und -väter den Gemeinsamen Ausschuss gebildet, der die wesentlichen Entscheidungen der KGaA im wirtschaftlichen und sportlichen Bereich absegnet. Ich finde Köln hat eine der besten Satzungen in der Bundesliga.

Warum wird so viel gegen das Gremium geschossen?

Emotionen gehören zum Fußball. Ich fände es traurig, wenn hier nicht leidenschaftlich diskutiert würde. Es geht doch schließlich auch um was. Nur sollte immer der Respekt vor dem anderen gewahrt bleiben. Betrachtet man sich die Mitgliederversammlungen der letzten Jahre, zeigte sich auch dort, dass der Großteil der Mitglieder die Satzung befürwortet, so wie sie ist. Abseits dessen hat der 1. FC Köln eine große Tradition mit vielen Menschen, die mitreden wollen und die mit dieser alten Fußballära verbunden sind, die den FC geprägt hat. Mancher gerade im Fußballbusiness tut sich zudem mit Veränderungen schwer. Der Mitgliederrat wird demokratisch von den Mitgliedern gewählt. In ihm sitzen leidenschaftliche FC-Fans. Sie kommen aus der Mitte der Mitglieder und möchten Dinge verändern, um den FC wieder zurück zu erfolgreicheren Zeiten zu führen. Das ist schließlich auch das Ziel des Vorstands.

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Kritisch: Wolfgang Overath (2.v.r.) mit seinen Freunden Stephan Engels, Toni Schumacher, Wolfgang Weber und Kalli Thielen (v.l.)

Der Einwand, der immer kommt, ist aber: So kann man einen Bundesliga-Verein nicht führen, da muss einer sagen, wo es langgeht. Und der muss Ahnung vom Fußball haben.

Da bin ich anderer Meinung: Ich bin ein Anhänger der Demokratie und nicht der Diktatur. Das gilt für alle Bereiche unserer Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass eine Diktatur eine gute Lösung für den FC wäre. Alle erfolgreichen Clubs werden von einem Experten-Team geführt. Nicht einmal in Leipzig oder in Hoffenheim entscheidet einer allein. Nehmen Sie Bayern München: Der Verein verfügt wie der 1. FC Köln über ein dreiköpfiges Präsidium mit Präsident und zwei Vizepräsidenten, die alle aus der Wirtschaft kommen. Im neunköpfigen Aufsichtsrat sitzen neben Uli Hoeneß ebenfalls nur Wirtschaftsleute und Politiker. Man sieht, die Diskussion wird weitgehend von Emotionen bestimmt und leider zu wenig von Fakten. Und was die Geschäftsführung angeht: Alexander Wehrle und Horst Heldt haben die Entscheidungsfreiräume, die sie für ihre Tätigkeit brauchen. Sie nehmen den Vorstand gut mit und wir arbeiten in einer anderen Qualität als früher zusammen. Das Miteinander ist konstruktiv und gut.

Foto von Bayer-Kumpel aufgetaucht: Robin Hack, Wunschspieler des 1. FC Köln, schon in Köln?

Es gab die Trennung vom ehemaligen Kommunikationschef. Der klagt jetzt auf Wiedereinstellung. Wie sieht das der Jurist im Vorstand?

Personelle Veränderungen sind in jedem Verein etwas Normales – das gilt nicht nur für die Spieler auf dem Feld.

Die Folge war ein Brief der Abteilungsleiter.

Das Schreiben hat den Vorstand sehr betroffen gemacht. Wir glauben, dass der Brief Ausdruck von Missverständnissen ist, die möglichst rasch ausgeräumt werden müssen. Um das zu klären, werden wir das direkte, vertrauliche Gespräch mit allen Beteiligten nutzen. Der Brief ist sicherlich auch Ausdruck einer Sorge, vor dem Ungewissen und vor Veränderungen. Es ist eine schwierige Lage, gerade mit den Auswirkungen von Corona für den Club. Da müssen wir gewaltige Anstrengungen unternehmen und das führt zu Verunsicherung. Wir wollen und werden die Leute mitnehmen auf dem Weg.

Trotz all der Querelen weiter Lust auf den Job?

Ja. Maßstab ist für mich die Zusammenarbeit im Vorstandsteam, mit den Gremien, der Geschäftsführung und den Mitarbeitern am Geißbockheim, und die Ansprache der Mitglieder und Fans. Das erlebe ich als sehr positiv. So ist die Zusammenarbeit zwischen den Gremien von ganz anderer Qualität, seit der neue Vorstand im Amt ist. Wir haben schon viele Themen angepackt, auch Dinge, die man außen nicht sieht, weil sie vertraulich sind. Es macht mir insgesamt große Freude. Ich habe den Vorteil, dass ich die Mitglieder des Mitgliederrates und des Gemeinsamen Ausschusses gut kenne, mit der Geschäftsführung lange zusammengearbeitet und auch jetzt im Vorstand gut aufgenommen wurde. Ich glaube, ich bin ein ausgleichender Typ und das hilft in der Vereinsarbeit, gerade auch in unruhigen Phasen. Wir haben noch viel vor, aktuell bspw. die Arbeit an der Strategie oder im Dialog mit den Fans, wo es bereits deutliche Fortschritte gibt.

Und die Familie macht das Ganze mit – genauso wie die Partner in der Kanzlei?

Ich habe zum Glück eine Frau und eine Tochter, die ebenfalls vom FC-Virus befallen sind. Und meinem kleinen Sohn ergeht es gerade ähnlich. Ich habe das Amt nicht angestrebt, aber in der Zeit als kommissarischer Vizepräsident gemerkt, dass ich Beruf und die Aufgabe beim FC gut unter einen Hut bekomme. Eigentlich war mein Plan, ab Sommer meine Nachfolge einzuarbeiten. Aber dann kam Corona, eine gravierende wirtschaftliche Krise und eine Situation, die wir alle so noch nicht erlebt haben. Da ist der Vorstand noch einmal ganz anders gefragt als in normalen Zeiten. Alles, was wir jetzt entscheiden, hat Auswirkungen auf die nächsten Jahre. 

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Carsten Wettich (vorne) mit Vizepräsident Eckhard Sauren, Beiratschef Lionel Souque und Präsident Werner Wolf (v.l.)

Ich habe das Gefühl, dem FC mit meiner Sachkenntnis und meiner Erfahrung als Wirtschaftsanwalt jetzt in dieser schwierigen finanziellen Lage helfen zu können. Schließlich mache ich in meinem Job genau das tagtäglich: wirtschaftliche, juristische und strategische Beratung, Lösungen entwickeln, Unternehmen dabei helfen, Projekte voranzutreiben und Krisensituationen zu überstehen. Genau das ist die Aufgabe des Vorstands als Wegbegleiter der Geschäftsführung in der aktuellen Krise. Und deshalb habe ich mich nach vielen Gesprächen entschieden, mich trotz eigentlich anderer Lebensplanung den Mitgliedern zur Wahl zu stellen.

Carsten Wettich: „Ich wurde richtig gegrillt“

Es gab Kritik am Auswahlprozess. War ihre Nominierung ein abgekartetes Spiel?

Zum Verfahren darf ich mich als Beteiligter nicht äußern. Nur so viel: Durchgewunken wurde ich nicht. Im Gegenteil habe ich es so empfunden, dass der Mitgliederrat bei mir noch genauer hinschauen wollte, gerade weil ich vor der Entsendung dem Mitgliederrat angehörte. Ich wurde richtig „gegrillt“. Schaut man sich das Anforderungsprofil als Nachfolger für die Position von Jürgen Sieger an, bin ich ein beinahe deckungsgleicher Kandidat, deutlich jünger zwar, aber von den Qualifikationen, die ich einbringen kann, ist das sehr ähnlich. Das macht gerade in der jetzigen Situation Sinn. Mit meinen Kollegen im Vorstand bin ich Sparringspartner der Geschäftsführung, kann strukturell denken und in Wirtschaftsfragen beraten. Ich denke, das passt und ergänzt die durch Werner Wolf und Eckhard Sauren im Vorstand bereits vorhandenen Qualifikationen und Kompetenzen gut. Zudem ist es gerade in der Krise ein wichtiger Faktor, dass wir uns im Vorstand kennen und vertrauen.

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Carsten Wettich über Corona-Krise: Lange kann so kein Bundesligist überleben

Wie viel Sorgen muss sich der Fan um den 1. FC Köln in der Corona-Pandemie machen?

Das ist eine Frage, die man im Moment nicht seriös beantworten kann. Keiner weiß, wann wir wieder vor Zuschauern spielen, geschweige denn, wann das Stadion wieder komplett voll sein wird. Akut sind wir nicht existenzbedroht, wir haben unsere Kreditlinien, einen Eigenkapital-Puffer und bereits Gegenmaßnahmen eingeleitet. Aber klar ist auch: Längere Zeit unter diesen Bedingungen kann kein normaler Bundesligist einfach so überleben. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie werden wir noch lange spüren. Wie entwickeln sich die Sponsoring-Einnahmen, was ist mit der Nachfrage nach Business Seats und nach Tickets? Werden die Fans sich noch weiter in gleichem Maße Merchandisingartikel leisten können? Mit all diesen Fragen beschäftigen wir uns gerade intensiv.

Muss sich der FC also doch nach einem Investor umschauen?

Nein, muss er nicht. Wir als Vorstand sind weiterhin der Überzeugung, dass wir es ohne den Verkauf von Anteilen an der KGaA schaffen. Gerade in der jetzigen Situation wäre das der falsche Weg. Man würde für einen Preis unter Wert Anteile abgeben, nur um Löcher zu stopfen, das bringt dich nicht weiter. Wir müssen da aus eigener Kraft rauskommen. Es gibt viele andere gute Ideen. Wir haben Kreditinstitute und Partner, mit denen wir lange vertrauensvoll zusammenarbeiten. Das hilft dann schon in der Situation. Und wir erleben für diesen Weg eine breite Unterstützung der Mitglieder und Fans, die auch in der Krise zum FC stehen. Wenn ich mir beispielsweise die Verzichtsquoten bei den Dauerkarten anschaue, ist das überwältigend.

Und wann, glauben Sie, werden Sie auf einer Mitgliederversammlung gewählt?

Wir lassen derzeit intern alle Lösungen prüfen, also physisch wie bislang, virtuell oder eine Mischung aus beidem. Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir entscheiden.

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