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„Wir müssen weg vom Karnevalsverein” Interims-Vize Wettich erklärt seine FC-Pläne

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Carsten Wettich, hier beim Heimspiel gegen Union Berlin im November 2020, möchte den 1. FC Köln professioneller aufstellen.

Köln – Der 1. FC Köln steht einige Tage vor der virtuellen Mitgliederversammlung (Donnerstag, 17. Juni) vor wegweisenden Entscheidungen. Einer, der den Weg des Kölner Erstligisten zum kritischen Status Quo begleitet hat, ist Vorstandsmitglied Carsten Wettich (41). Im EXPRESS erklärt er, wie das Präsidium den Klub raus aus der Misere führen will und wofür ein moderner 1. FC Köln in Zukunft stehen soll.

  • 1. FC Köln: Carsten Wettich im EXPRESS-Interview
  • Carsten Wettich sieht bei 1. FC Köln wirtschaftlich Handlungsbedarf
  • Ex-Sportchef Horst Heldt hatte klärendes Gespräch mit Carsten Wettich

Im zweiten Teil des exklusiven EXPRESS-Interviews spricht der aktuelle Interims-Vize über die wirtschaftliche Situation des FC, Ex-Sportchef Horst Heldt (51), die Zukunft am Geißbockheim sowie die 50+1-Regel. 

1. FC Köln: Carsten Wettich im EXPRESS-Interview

Herr Wettich, hätten Sie die engagierte Mitgliederschaft auf dem Weg zur 7-Jahres-Strategie mehr mitnehmen müssen? Laut Philipp Herpel, Anführer der Mitglieder-Initiative „100% FC – Dein Verein“, sei die Strategie rein zahlengetrieben, weil die Unternehmensberater zu datenbasiert arbeiten würden.

Natürlich spielen Zahlen eine wichtige Rolle, schließlich möchten wir mehr Einnahmen erzielen. Ebenso spielt bei der Strategie eine wichtige Rolle, wie wir das Geld besser als in der Vergangenheit investieren. Hierzu bedarf es beispielsweise nachhaltiger Strukturen. Wir haben neben all dem aber auch eine Vision, eine Mission und einen Wertekatalog erarbeitet. Denn als FC haben wir eine gesellschaftspolitische Verantwortung, zu der stehen wir. Wir haben eine bunte, laute Mitgliederschaft. Wir setzen uns ein für einen Fußball, bei dem Sport und Fans im Mittelpunkt stehen und der nahbar für die Menschen ist. Es geht um Themen wie Vielfalt und Nachhaltigkeit. Die Strategie geht also weit über Zahlen hinaus. Diese Themen wollen wir auf der Mitgliederversammlung vorstellen. Im Anschluss werden wir in den kommenden Monaten in den Dialog mit der Mitgliederschaft gehen und diese in einzelne Projekte einbinden.

Das sind alles grundsätzliche Debatten. Aber in Wirklichkeit kämpft der 1. FC Köln ums wirtschaftliche Überleben. Wie wollen Sie verhindern, dass dem FC nichts anderes übrig bleibt, als sich vielleicht schon im Herbst an einen Investor zu verkaufen?

Die finanzielle Situation ist sehr schwierig. Gemeinsam mit der Geschäftsführung und den weiteren Gremien kämpfen wir seit Monaten dagegen an. Genussrechte spielen eine Rolle, die Landesbürgschaft ebenso. Unsere Dauerkarteninhaber, Business-Kunden, Sponsoren und Partner helfen uns sehr. Hier zahlt sich die besondere Identität des 1. FC Köln aus. Der Verkauf von Anteilen an Investoren in der Krise wäre hingegen die schlechteste Lösung.

Die derzeitige Lage sähe noch viel prekärer aus, gäbe es nicht die Bürgschaft des Landes NRW. Wie ist es Ihnen gelungen, die 20-Millionen-Euro-Sicherheit zu bekommen?

Der 1. FC Köln hat massive Umsatzeinbrüche. Daher haben wir gemeinsam die Gespräche mit dem Land über eine Bürgschaft geführt und das Verfahren durchlaufen. Das war ein sehr gutes Zusammenspiel zwischen Geschäftsführung, den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle, die in vielen Nachtschichten die Daten und Zahlen zusammengetragen haben, und dem Vorstand, der ein paar Türen öffnen konnte. Hier war ich intensiv beteiligt. Im Ergebnis haben wir die Landesbürgschaft bekommen, die uns sehr hilft. Dafür sind wir dem Land sehr dankbar. Wichtig ist aber auch: Das Darlehen kommt von unseren Hausbanken, nicht vom Land oder Steuerzahler.

Carsten Wettich: Gespräche mit Horst Heldt „nicht einfach, aber persönlich”

Die Konkurrenz wittert beim FC derzeit leichte Beute. Ex-Manager Jörg Schmadtke etwa bietet angeblich für Sebastiaan Bornauw gerade mal acht Millionen Euro. Muss der FC seine Spieler unter Wert verkaufen?

Zu möglichen Transfers äußere ich mich als Vorstand nicht. Aber durch den Klassenerhalt können wir aus einer Position der Stärke agieren. Es gibt keine Ausstiegsklauseln, die mich schlecht schlafen lassen würden.

Die derzeitige Situation ist auch Konsequenz der Misswirtschaft der beiden letzten Sportchefs. Warum hat der FC bei der jeweiligen Auswahl so falsch gelegen? Bei Horst Heldt waren Sie als damaliger Mitgliederrat ja schon sehr skeptisch und haben dagegen stimmt. Was sind die Lehren daraus?

Zu meinem Abstimmverhalten äußere ich mich grundsätzlich nicht öffentlich. In beiden Fällen hat der FC sicherlich unter zeitlichem Druck gestanden, direkt einen Nachfolger zu finden. Das ist diesmal anders. Vielmehr haben wir mit Jörg Jakobs eine sehr gute Interimslösung gefunden. Das gibt uns die nötige Zeit, in Ruhe und mit der gebotenen Sorgfalt einen Geschäftsführer zu suchen, der zum 1. FC Köln passt und der uns hilft, den Klub nachhaltig aufzustellen.

Nach den Attacken von Ex-Sportchef Horst Heldt, die ja im Hintergrund noch viel harscher ausfielen als letztlich öffentlich geworden, haben Sie persönlich das Gespräch mit ihm gesucht. Hat er die Gründe für die Entscheidung jetzt verstanden?

Richtig ist, dass ich mit Horst Heldt ein langes Gespräch hatte. Es war nicht einfach, aber sehr persönlich. Über Inhalte äußere ich mich nicht. Wenn es dazu beigetragen haben sollte, dass er seinen Frieden gefunden hat, dann freut mich das.

Carsten Wettich: „Steffen Baumgart ist Teil dieser Aufbruchsstimmung”

Steffen Baumgart hat sich nach der Heldt-Trennung enttäuscht gezeigt. Wie ist die Situation jetzt?

Wir haben mit Steffen Baumgart gesprochen, es war ein guter Austausch. Wir sind alle überzeugt davon, dass er mit seiner Energie, seiner Ausstrahlung und seinem fachlichen Können der Richtige für den Job ist.

Der 1. FC Köln braucht dringend eine neue Aufbruchsstimmung. Wie wollen Sie die erzeugen?

Es fehlte in den letzten 15 Monaten das gemeinsame Erlebnis, das Miteinander bei den Spielen. Zur neuen Saison werden wir hoffentlich wieder Zuschauer im Stadion haben. Das wird bereits die Stimmung deutlich verbessern. Der neue Trainer ist ein Teil dieser Aufbruchsstimmung. Zudem freuen wir uns als Vorstand auf viel mehr Dialog mit den Mitgliedern und Fans, um auch der Polarisierung entgegenzuwirken, die wir momentan an vielen Stellen im und um den Verein herum erleben. Wir wollen die Menschen an einen Tisch bringen, damit wir mit- und nicht übereinander reden.

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1. FC Köln „wie kaum ein anderer Klub von der Corona-Pandemie betroffen”

Sie stellen sich am 17. Juni zur Wahl. Für was wollen Sie als Vizepräsident des 1. FC Köln stehen? Welche Themen liegen Ihnen am Herzen?

Ich will Teil des bestehenden Vorstandsteams bleiben, deshalb gibt es kein neues Wahlprogramm. Wir wollen den 1. FC Köln finanziell stabilisieren, das ist die wichtigste Aufgabe, denn wir sind wie kaum ein anderer Klub von der Corona-Pandemie betroffen. Als Wirtschaftsanwalt, der auch strategisch und wirtschaftlich berät, kann ich mich hier einbringen. Wir wollen den 1. FC Köln zu einem modernen, professionell geführten und nachhaltig wirkenden Bundesliga-Klub entwickeln, der zugleich seine Identität und Emotionalität behält. Wir müssen weg vom Karnevalsverein, als der wir wahrgenommen werden. Als Vorstand wollen und müssen wir den Leistungsgedanken vorleben. Wir müssen eine positive Fehlerkultur finden, und da fange ich bei mir selbst an. Wir müssen die Menschen besser mitnehmen, das umarmende FC-Gefühl wieder stärken und einen Beitrag leisten, um die Nach-Corona-Stimmung in unserem Land zu verbessern. 

Das Bundeskartellamt hat gerade ein Urteil in Sachen „50+1“ gefällt. Es heißt: Entweder die Regel abschaffen oder die Ausnahmen wie Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg…

Das wird eine spannende Diskussion in Fußball-Deutschland. Ich habe eine klare Meinung dazu: Verhältnisse wie in England kann hier niemand wollen. Wir stehen unverrückbar zu 50+1. Daher freut es mich, dass das Bundeskartellamt die sportpolitischen Ziele akzeptiert, mit der Regelung, den Einfluss von Investoren zu begrenzen und den vereinsgeprägten Charakter zu erhalten. Das ist prägend für den deutschen Fußball. Das werden aber schwierige Gespräche in den nächsten Monaten. Die müssen wir aktiv begleiten und mutig unsere Position vertreten. In dem vom Vorstand neu eingeführten FC-Fandialog gibt es hierzu bereits regen Austausch.