Steffen Baumgart hat sich in einem Podcast an seine Köln-Zeit erinnert. Dabei ging es um seine legendäre Kabinenansprache – und eine Kaderbesprechung, die ihn bis heute prägt.
„Der ist nicht gut genug“Baumgart verrät Details aus erster Kaderanalyse beim FC

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Steffen Baumgart beantwortet bei einem Event die Fragen der Journalisten.

Steffen Baumgart hat gerade viel Zeit zum Nachdenken. Im April wurde der 54-Jährige bei Union Berlin freigestellt – wenige Stunden nach dem 1:3 beim Tabellenletzten Heidenheim, obwohl der Rostocker erst im Januar seinen Vertrag verlängert hatte.
In einer Podcast-Folge von „Behind Business“ mit dem Titel „Steffen Baumgart: So privat wie nie zuvor“ sprach der Fußballtrainer nun offen über das, was ihn als Coach geprägt hat – und erinnerte sich auch an seine Zeit beim 1. FC Köln.
Steffen Baumgart: „Es spielt vielleicht einer, der ein Arsch ist“
Um ein „typisches Beispiel“ beim Thema „Vertrauen“ zu nennen, erinnerte sich Baumgart an seine Ankunft am Geißbockheim. Die Lage war damals alles andere als komfortabel. Friedhelm Funkel hatte die Mannschaft gerade so in die Relegation gerettet.
Baumgart offen: „Und dann sitze ich das erste Mal in einer Kaderbesprechung – und es wird vor allem darüber gesprochen, was die Spieler alles nicht können. Der kann das nicht, der ist nicht gut genug.“
Ein Jahr später zog dieselbe Mannschaft in den Europapokal ein. Mit denselben Jungs, denen man anfangs das Niveau abgesprochen hatte, betonte Baumgart. Seine Erklärung: „Das hat viel mit Offenheit zu tun – und mit Vertrauen“, so der Trainer: „Jungs, die vorher vielleicht nicht mehr so viel Vertrauen hatten, haben angefangen zu vertrauen. Dadurch wurde die Leistung besser.“
Deswegen lerne er die Spieler lieber erst kennen, bevor er sich ein Urteil bilde. Dabei macht Baumgart eine klare Unterscheidung: „Der Mensch kommt immer vor dem Spieler. Beides zählt zwar – aber der Mensch ist das Wichtigste.“ Das bedeute jedoch nicht, dass Sympathie über Leistung entscheide. Er könne jemanden menschlich sehr schätzen und trotzdem nicht aufstellen. „Und es spielt vielleicht einer, der ein Arsch ist.“
Am Ende bleibe dem Coach vor allem eines wichtig: „Ich bin mir relativ sicher, dass mich die Spieler gut in Erinnerung haben. Dass sie mich anrufen können. Das machen viele Spieler, mit denen ich zusammengearbeitet habe, noch heute.“
Baumgart sprach auch über seine unvergessene Wut-Rede vor dem Derby gegen Borussia Mönchengladbach im Oktober 2022, die der FC in seiner Klub-Doku „24/7 FC“ veröffentlicht hatte und anschließend im Netz viral ging.
Der Trainer brüllte damals mit voller Wucht auf sein Team ein. Die Partie ging dennoch mit 2:5 verloren. Ob seine Ansprachen immer so seien? „Nein. Das hat sich auch verändert mit der Zeit. Du musst glaubwürdig sein“, klärte Baumgart auf. Seine Ansprachen seien bei Weitem nicht immer so abgelaufen.
Zumal: „Die Jungs wissen, was du rüberbringen willst – du kannst nicht jede Ansprache wiederholen.“ Manchmal wisse er 30 Sekunden, bevor er loslege, noch nicht, was er sagen werde. Denn: „Es muss zur Situation passen. Laut sein allein reicht nicht.“
