Nicht nur Influencer fahren drauf ab: Supplements, also Nahrungsergänzungsmittel, sind im Trend. Zu (Un-) Recht? EXPRESS-Experte und Gesundheitskolumnist Doc Esser ordnet ein.
Supplement voll im TrendWas taugt Nahrungsergänzung, Doc Esser?

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Pillen und Penunsen: Die Sozialen Medien sind großer Umschlagplatz für Supplements. Einmal angeschaut, spucken die Algorithmen immerzu ähnliche Inhalte aus. Und der „Klick“ auf den „Kauf“-Button der jeweiligen Influencer-Seiten ist kinderleicht.
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Vom Ringlicht perfekt ausgeleuchteter Strahle-Teint, Zahnpasta-Lächeln und das Geheimnis für Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden in Händen: Influencer preisen auf TikTok und Co. Pillen, Dragees und Pülverchen an allesamt der angebliche heilige Gesundheits-Gral. Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel (NEM) boomt insbesondere im Netz. Was ist dran am Hype, wie (un-)sinnig sind Supplements? EXPRESS-Gesundheitsexperte Dr. Heinz-Wilhelm Esser ordnet den Trend ein.
Nahrungsergänzungsmittel seien zunächst einmal eine gute Sache. „Es gibt Menschen, die Makro- und/oder Mikronährstoffe nicht über Speisen, Getränke oder die Haut aufnehmen können. Das kann am Alter liegen oder an chronischen Erkrankungen. Schwangere beispielsweise brauchen Folsäure, Frauen mit starker Menstruation profitieren von Eisen-Gaben, Veganer von Vitamin B12. Patienten auf Intensivstationen nutzen Supplements wie Vitamin D etc.“, erläutert Doc Esser, der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Pneumologie ist. Aber: „Problematisch ist, dass uns Werbung und Marketing suggerieren, dass der gesunde Mensch ebenfalls von NEM profitieren würde!“
Was sind Mikronährstoffe und Makronährstoffe?
- Nährstoffe werden nach Bedarf unterschieden: Makro steht für hohen, Mikro für niedrigen Bedarf.
- Die drei Makronährstoffe sind Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße.
- Mikronährstoffe sind Vitamine sowie Mineralstoffe, letztere lassen sich unterteilen in Mengenelemente (z. B. Kalzium) und Spurenelemente (z. B. Eisen).
- „Wir wissen, dass NEM wegen ihrer Darreichungsform schlechter verstoffwechselt werden als die Nährstoffe, die wir durch Nahrungsmittel aufnehmen. Und von Nahrungsmitteln bekomme ich seltenst eine Überdosierung“, so Doc Esser, der rät: „Statt der 70-Euro-Kur lieber die Gemüsekiste abonnieren, frisch kochen und sich Fit- oder Wellness gönnen!“
Dem Bundesinstitut Risikobewertung (BfR) zufolge brauchen gesunde Menschen, die sich ausgewogen ernähren, in aller Regel keine NEM. Eine BfR-Studie aus dem Herbst 2024 aber zeigt: 77 Prozent der Befragten hatten in den letzten zwölf Monaten NEM genommen, 63 Prozent davon wöchentlich. 45 Prozent gaben an, durch Influencer oder soziale Medien an die Supplements gekommen zu sein. „Auch im Netz werden Gesundheitsversprechen, sogenannte Health Claims, ausgegeben: Mit NEM sei man vitaler, kognitiv fitter, leistungsfähiger. Und es wird oft Schindluder getrieben mit unserem Immunsystem. Da werden Aussagen getroffen wie stärkt das Immunsystem, was übrigens verboten ist“, sagt Doc Esser.
Es gebe unheimlich viele Health Claims, aber kaum Studien, die zum einen die Wirksamkeit nachweisen und zum anderen belegen, dass „Supplementierung bei gesunden – ich betone: gesunden – Menschen sinnhaft wäre.“ Aus seiner Sicht „zäumen wir das Pferd aus der falschen Richtung auf. Statt den Menschen klarzumachen, was gesunde Ernährung ist, was man an Nährstoffen braucht, wie man sich diese jeden Tag zuführen kann und was man getrost weglassen kann, suggeriert man eher: Schmeiß dir sieben Pillen ein, damit hast du dein Tagwerk erreicht.“ Ist ja auch einfacher, als sich zu bewegen und mit dem Klicken des Bestellbuttons auf des Influencers süßlichbunte Supplementseite fällt auch der „lästige“ Arztbesuch weg …
Bequem, unbedenklich und dann noch gesund?! Naja. „Supplements sind eine Blackbox“, so der Mediziner. Denn: Wie sind Langzeitwirkungen? Stimmen die Dosierungen? Ist die Qualitätssicherung korrekt (manchmal ist viel zu viel Wirkstoff drin)? Warum blind supplementieren sollte ich einen Mangel nicht überhaupt erst mal feststellen lassen? Feststellen und zwar richtig. „Da wird in Sachen Mikronährstoffe teilweise ein Quatsch bestimmt – und nicht auf die zirkardianen Rhythmen geachtet“, so Doc Esser und nennt ein Beispiel aus dem weiten Feld der Hormone: „Testosteron ist bei uns Männern morgens skyhigh, abends total tief. Darum liegt der Mann gerne schnarchend auf dem Sofa. Wenn ich den Hormonwert nur abends abnehme, resultiert daraus ein Mangel, der keiner ist!“
Wer Nahrungsergänzungsmittel sagt, denkt derzeit sicher an Vitamin D, das u. a. den Kalziumstoffwechsel reguliert und die Knochen stärkt – und bei dem Hype, der um Vitamin D gemacht wird, mag man schnell glauben, einen Mangel zu haben. Doch mit bloßem Glauben kommt man in der Medizin nicht weit. Doc Esser: „Ich richte als Arzt meine Behandlung nicht nur nach Werten. Heißt im konkreten Fall: Wenn der Mensch doch kerngesund vor mir sitzt und keine Beschwerden hat, würde ich nicht supplementieren. Kämen aber Symptome wie Unlust, Antriebslosigkeit oder Infektanfälligkeit hinzu, würde es sich lohnen, Vitamin D zu geben.“

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Mediziner und EXPRESS-Gesundheitskolumnist Dr. Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser.
Und: „Bei Vitamin-D-Mangel hat das weibliche Geschlecht gerade in der (Prä-)Menopause ein großes Risiko für Osteoporose wenn da Vitamin D indiziert ist, gebe ich das natürlich! Aber nicht bei einer kerngesunden 32-Jährigen.“ Bei Vitamin-D-Supplements hat Mark Lohmann, Experte des Bundesamtes für Risikobewertung, Überdosierungen festgestellt die teilweise um das 60-fache über der empfohlenen Tageshöchstmenge lagen. Mögliche Folge: Niereninsuffizienz durch erhöhte Kalziumkonzentration im Blut.
Verblüffend in dem Zusammenhang: Es gibt aus der Wissenschaft Hinweise darauf, dass bei einigen Menschen der Vitamin-D-Spiegel genetisch bedingt unterhalb der jetzt als erforderlich festgelegten Konzentrationen liege diese Zeitgenossen seien dennoch kerngesund. „Man muss das Vitamin-D-Thema differenziert betrachten. Was in Zeiten von TikTok, Instagram & Co. leider kaum noch möglich ist“, bedauert der Facharzt. „Wir Mediziner sind ja nicht dagegen. Aber wie bei jedem anderen Mittelchen braucht man eine Indikation. Ich verschreibe ja auch kein Antibiotikum ohne bakteriellen Infekt!“
Da isses wieder! Das Dauerthema Longevity
Longevity (Langlebigkeit) wird in einem Atemzug mit Supplements genannt und bedeutet, möglichst lange gesund und vital zu bleiben. Die Studienlage ist derzeit sehr dürftig. Doc Esser: „Ich will nicht ausschließen, dass wir in Zukunft ein Medikament haben, das alle Menschen ab 50 nehmen und das gesund altern lässt. Da gibt es mit Metformin schon gute Ansätze, das ist ein uraltes Mittel gegen Diabetes aufgrund der langen Beobachtungszeit von knapp 80 Jahren wurde festgestellt, dass diejenigen, die es nehmen, ein geringeres Risiko für Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen haben. Jetzt laufen in den USA zum ersten Mal Studien an Gesunden.“ Bei Longevity gehe es auch um Zellerneuerung, diesen Autophagozytose genannten Reinigungsprozess gibts auch gratis: „Machen Sie eine Nahrungspause und fasten Sie, da haben Sie Autophagozytose vom Feinsten. Bei Frauen kommt es nach zwölf Stunden, bei Männern ab 14 Stunden Nahrungskarenz zur Zellerneuerung.“ Braucht halt etwas Disziplin ...
Supplements: Pillen & Pulver, aber keine Medikamente
Gewusst?! Nahrungsergänzungsmittel gelten als Lebensmittel, brauchen – anders als Arzneimittel – keine behördliche Zulassung, so das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Gesetzliche Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe gebe es nicht, wohl aber Empfehlungen vom BfR. „Supplements unterstehen nicht der gleichen Qualitätssicherung wie Medikamente, werden aber oft von den gleichen Unternehmen hergestellt. Sie sind nicht apothekenpflichtig, werden im Netz und in Drogerien verkauft. Sie vermitteln aber aufgrund der medikamentenähnlichen Verpackung, dass sie wie Arzneimittel geprüft wurden“, sagt Esser.


