Eine scheinbar harmlose Begegnung entpuppte sich für Zeina als Horror-Szenario: Ein Mann nahm die junge Frau ohne ihr Wissen auf - mit sogenannten Smart Glasses. Dagegen vorzugehen, sei oft schwierig, wie eine Juristin in der SWR-Doku „Heimlich gefilmt - online gedemütigt“ erklärt.
Smarte Brille filmte sie heimlich30-Jährige erzählt, wie sie Bikini-Video von sich online fand

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Zeina wurde heimlich gefilmt. In der „team.recherche“-Doku schildert sie, wie sie sich wehrte. (Bild: SWR)
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Als Zeina sich im Sommer 2024 mit ihrer Freundin am Alsterufer sonnt, spricht ein Mann sie an. „Einfach nur eine unschuldige Begegnung“, denkt sie, als der Unbekannte sie nach ihrer Telefonnummer fragt.
Zeina verneint und sagt, sie sei vergeben. Der Mann verabschiedet sich - und die Frauen messen dem Gespräch keine weitere Bedeutung zu. Bis Zeina einige Zeit später Aufnahmen von sich selbst bei TikTok entdeckt.
Mit Freundin im Bikini heimlich gefilmt
„Ich bin auf dem Video mit meiner Freundin im Bikini und wir unterhalten uns mit dieser Person, die uns filmt“, sagt die 30-Jährige in der neuen SWR-Doku „team.recherche: Heimlich gefilmt - online gedemütigt“. Allein: „Man sieht nicht, wer filmt - aber man sieht alles aus der Perspektive dieser Person.“
Zeina kann sich nicht erinnern, gefilmt worden zu sein. Inzwischen weiß sie: Der Mann verwendete wohl sogenannte Smart Glasses, mit denen er die Frauen heimlich aufnahm.

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Journalistin Lisa Hüttl testet die sogenannten Smart Glasses. (Bild: SWR)
Seit rund drei Jahren gibt es die intelligenten Brillen, mit der man Video- und Tonaufnahmen erstellen kann, auch hierzulande zu kaufen. Eigentlich soll ein blinkendes Licht am Brillenrand auch für Außenstehende signalisieren, dass gerade gefilmt wird. Im Netz finden die SWR-Reporterinnen jedoch zahlreiche Anleitungen, die erklären, wie man das Lämpchen abklebt und trotzdem aufnehmen kann.
„Wir haben aktuell eine Gesetzeslücke im Strafrecht“
Andere Menschen zu filmen, ist in Deutschland zwar nicht erlaubt, aber auch nicht strafbar. „Wir haben aktuell eine Gesetzeslücke im Strafrecht, wenn gefilmt wird im öffentlichen Raum, weil es strafrechtlich in aller Regel nicht belangt werden kann“, erklärt die Juristin Indra Spiecker im Film. „Ich muss Unterlassen fordern, ich muss Löschen fordern, ich muss möglicherweise Schadensersatz fordern. Das Problem ist: Sie müssen das tun, Sie müssen das alleine tun, und Sie müssen es - je nachdem, wie hartnäckig der andere ist - auch bis zum Gericht treiben.“ Die Plattformen selbst hätten „aus eigener Motivation sehr wenig Interesse, solche Inhalte zu entfernen, weil sie damit ihr Geld verdienen. Das ist ihr Geschäftsmodell.“
Für Zeina wurde der unfreiwillige TikTok-Auftritt zur Belastung. „Warum bin ich jetzt in so einer verletzlichen Situation im Internet und jeder sieht das?“, habe sie sich gefragt. „Wie viel Content ist denn von mir da draußen, von dem ich nichts weiß?“ Das Video sei „auf jeden Fall viral gegangen“. Die oftmals sexistischen Kommentare darunter hätten „auch sehr wehgetan“, offenbart die junge Frau. „Am meisten wehgetan hat zu wissen, dass so viele Menschen dich so sehen können - ohne deine Zustimmung.“

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Juristin Indra Spiecker hält Zeinas eigenes Video für „eine sehr kluge Reaktion“. (Bild: SWR)
Weil eine Beschwerde bei der Plattform ergebnislos blieb, wehrte sich Zeina mit einem eigenen Clip. „Der Macker hat einfach mich und meine Freundin im Bikini gefilmt, ohne uns Bescheid zu geben“, sagt sie darin. Die große Resonanz gab ihr das Gefühl, die Kontrolle zurückzuerlangen: „Wenn jemand mich ohne meine Erlaubnis willkürlich im Internet hochladen kann, fühl ich mich sehr stark, wenn ich weiß: Ich kann darauf reagieren und selbst bestimmen, wie das Narrativ jetzt verläuft.“
„Leute mit Brillen haben es jetzt sehr schwer bei mir“
Juristin Indra Spiecker hält den Upload eines eigenen Videos für „eine sehr kluge Reaktion“, weil es die User erreiche, „die auch das erste Video erreicht hat“. Auch der Ersteller des Originalclips sah Zeinas Beitrag. „Sorry, dass ich euch hochgeladen habe, ohne zu fragen“, schrieb er ihr daraufhin. Er bot ihr an, das Video offline zu nehmen - und tat dies schließlich auch.
Ein mulmiges Gefühl bleibt dennoch, wie Zeina erklärt: „Was wäre, wenn ich das nicht gesehen hätte und nicht die Kontrolle wieder ergriffen hätte über die Situation? Dann wäre das Video vielleicht heute, eineinhalb Jahre später, immer noch im Internet und würde immer noch so fragwürdige Kommentare bekommen - und ich würde nichts wissen.“
Heute sei sie „vorsichtiger“, sagt sie. „Leute mit Brillen haben es jetzt sehr schwer bei mir, weil ich wirklich darauf achte, ob heimlich irgendwas aufgenommen wird.“ Es sei die richtige Entscheidung gewesen, sich mit einem eigenen Video zu wehren, findet Zeina. Das bestätigt Indra Spiecker. Die Chance darauf, dass die heimlichen Aufnahmen entfernt würden, seien auf diese Art „sehr viel größer“, weiß die Rechtswissenschaftlerin: „Und es geht sehr viel schneller als das, was wir an klassischen rechtlichen Instrumenten haben.“
Zu sehen gibt es die Dokumentation „team.recherche: Heimlich gefilmt - online gedemütigt“ in der ARD Mediathek. (tsch)
