RTL zelebriert den „Schwarz, Rot, Klopp“-Kult - dann tritt einer auf die Euphoriebremse

Laura Wontorra: Sichtlich hingerissen vom neuen Bundestrainer Jürgen Klopp. (Bild: RTL)

Copyright: RTL

Laura Wontorra: Sichtlich hingerissen vom neuen Bundestrainer Jürgen Klopp. (Bild: RTL)

Nach Jürgen Klopps erstem Länderspiel ist Lothar Matthäus zufrieden und der Bundestrainer gutgelaunt. Nur Rudi Völler hält sich mit Lob vornehm zurück.

Ja, ist denn heut scho' Weihnachten? Das erste Länderspiel von Jürgen Klopp als Bundestrainer wurde ungefähr so sehnsüchtig erwartet wie die Ankunft des Heilands. „In Klopp we trust“ war auf einem Banner am Nürnberger Flughafen zu lesen. Drunter geht's nicht: Klopp, der Retter des deutschen Fußballs, der Demokratie - ach was! - des Weltfriedens.

Ein bisschen wundert man sich also, dass die ARD zum Nations-League-Auftakt gegen die Niederlande keinen Brennpunkt sendet. Dafür beginnt RTL mit seiner Übertragung aus Amsterdam bereits 65 Minuten vor Anpfiff. Eine XXL-Sendung, passend zum XXL-Kader. TV-Experte Lothar Matthäus, der mit Laura Wontorra an der Seitenlinie steht, findet es übrigens gut, dass Jürgen Klopp 44 Spieler nominiert hat. Klar, schließlich soll ja ein Umbruch eingeleitet werden. Kurzer Blick auf die Mannschaftsaufstellung: In der Startelf steht - tataa! - genau ein Debütant. Nämlich Philipp Treu von Freiburg. Ja, ist denn scho' Karfreitag?

Klopp kanzelt Wontorra ab

Rudi Völler (links) bremste zum Auftakt die Euphorie um Nationaltrainer Jürgen Klopp. (Bild: 2026 Getty Images/Alexander Hassenstein)

Copyright: 2026 Getty Images/Alexander Hassenstein

Rudi Völler (links) bremste zum Auftakt die Euphorie um Nationaltrainer Jürgen Klopp. (Bild: 2026 Getty Images/Alexander Hassenstein)

Bis endlich der Bundesmessias vor die Kamera tritt, müssen die Zuschauer eine Menge KI-generierter Bilder von Kimmich, Tah und natürlich von Klopp über sich ergehen lassen. Offenbar durfte sich da ein RTL-Praktikant beim Prompten austoben. Immerhin werden so zusammengerechnet ungefähr acht Minuten Sendezeit gefüllt.

Und dann, endlich, ist er da, der „Eine von 83 Millionen“. Und Laura Wontorra will vor allem eines wissen: Hat Julian Nagelsmann angerufen? Klopp lächelt die Frage weg (ein Witz über Zähne wäre an dieser Stelle zu billig): „Bully Herbig hat angerufen. Und Campino.“

Beinahe hätte es sich die Moderatorin mit „König Klopp“ schon kurz zuvor verscherzt. Da nämlich wünscht sie dem neuen Bondscoach Xavi im Vorbeigehen viel Glück. „Was soll das denn?!“, ereifert sich der neue Bundestrainer. Er ist jedenfalls schon im Kampfmodus.

Und betont noch einmal, worum es ihm in diesem Spiel geht: „Wir müssen die Mannschaft werden, die wir einmal sein wollen.“ Der Loddar hängt bei so viel Verheißung selig lächelnd an seinen Lippen. Bevor der Jürgen dann aufbricht, um seine Spieler anzuzünden, für sie durchs Feuer zu gehen und aus einem „kleinen Grillfeuer“ einen echten Flächenbrand zu machen, verspricht er noch: „Das Gespräch nach dem Spiel wird gehaltvoller, und ich hoffe, ich habe Spaß dabei.“ Matthäus spricht derweil der Mannschaft auf ganz eigene Weise Mut zu: „Verlieren ist nicht verboten. Aber nicht erlaubt.“

Manches ist haarsträubend

Erwarten mindestens ein Grillfeuer: Lothar Matthäus (links), Jürgen Klopp und Laura Wontorra (Bild: RTL)

Copyright: RTL

Erwarten mindestens ein Grillfeuer: Lothar Matthäus (links), Jürgen Klopp und Laura Wontorra (Bild: RTL)

Was die Forderung des RTL-Experten angeht, ist die nicht so ganz runderneuerte DFB-Elf voll im Soll: Rund 44 Werbeunterbrechungen später steht es 1:1. Das ist so ein bisschen, als hätte man zu Weihnachten statt der hübschen Halskette, die man sich schon seit zwei Jahren sehnlichst wünscht, eine Packung Staubsaugerbeutel bekommen. Kann man gebrauchen, ist halt nicht hübsch.

Lothar Matthäus will sich davon nicht die Laune verderben lassen. Das sei ein „guter Anfang“ gewesen, stellt er fest. Auch Jürgen Klopp kann noch grinsen. Den Vorbereiter des niederländischen Ausgleichstreffers Ruben van Bommel lobt er für seine Technik - die der Knabe aber eher nicht von seinem Vater, Bayern-Legende Mark van Bommel, geerbt hat: „Der Außenrist muss von der Mutter kommen!“ Die Diskussion, ob sein Team den Führungstreffer auf eine etwas unfaire Weise erzielt hat, moderiert er sachlich weg.

Laura Wontorra, mit dem untrüglichen Gespür dafür, was ihr Publikum am meisten interessiert, will jetzt noch wissen, warum sich Co-Trainer Pepijn Lijnders bei der niederländischen Hymne hingesetzt hat. Kloppo aber würde lieber über seine Haare sprechen, die ihm schon vor den haarsträubenden Fehlern in der deutschen Abwehr zu Berge standen: „Was soll das denn?“ Die Antwort darauf fällt dem Zeitdruck zum Opfer. Nicht nur Pressesprecherin Franzi drängt, sondern auch der nächste Werbekunde.

Völler über Klopp: „Wir haben uns vertragen“

Etwas interessanter, jedenfalls, wenn man zwischen den Zeilen liest, wird es, als Rudi Völler vors Mikro tritt. Der hat gerade mit seiner Frau telefoniert und richtet dem Loddar schöne Grüße aus. Von Wontorras Begeisterung für den neuen Bundestrainer will sich der DFB-Sportdirektor nicht anstecken lassen. „Die Aufbruchsstimmung ist da“, stellt er zwar fest - aber nur, um gleich hinterherzuschieben, dass dies bei Julian Nagelsmann zu Beginn ja auch so gewesen sei.

Und auch noch nach der EM. So ganz hat er Klopp seinen „Noch“-Spruch bei der WM also offenbar noch nicht verziehen. Auch wenn er beteuert: „Wir haben uns vertragen.“ Zu einem kleinen Lob lässt er sich dann aber doch noch hinreißen: „Wird schon.“ Wenn der Rudi das sagt, dann geht es ab jetzt ganz gewiss bergauf mit dem deutschen Fußball. In Rudi we trust. (tsch)