„GZSZ“-Star Wolfgang Bahro darf seine Kultrolle, den Soap-Fiesling Jo Gerner, für eine Weile ablegen: Der Schauspieler punktet als Profiler in „Haveltod - Ein Potsdam-Krimi“ (RTL). Woher sein Interesse an Kriminaltechniken und der Psyche des Menschen rührt, verrät er im Interview.
„Nur nett zu sein, ist schön, aber auch langweilig“Darum wagt sich „GZSZ“-Star Wolfgang Bahro an diesen Krimi

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Seit über 30 Jahren ist Wolfgang Bahro (65) bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ als Dr. Joachim Gerner zu sehen. Nun schlüpft er für den Auftakt der neuen Krimi-Reihe „Haveltod - Ein Potsdam-Krimi“ (“Im Kopf eines Killers“, 13. Januar bei RTL und RTL+), in die Rolle des Profilers Armin Weber. (Bild: RTL / Oliver Ziebe)
Seit über drei Jahrzehnten spielt er den Strippenzieher Jo Gerner bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, den Soap-Fiesling der Nation. Jetzt schlägt Wolfgang Bahro (65) vorübergehend ein neues Kapitel auf. Im RTL-Krimi „Tödlicher Dienst-Tag“, womöglich Auftakt einer neuen Reihe, überrascht der langjährige Serienstar als Profiler Armin Weber: ein kluger Kopf mit viel Empathie, der im ersten Teil des ambitionierten Formats „Haveltod - Ein Potsdam-Krimi“, „Im Kopf eines Killers“ (ab Dienstag, 13. Januar, 20.15 Uhr, bei RTL und im Stream bei RTL+), mit der Last vergangener Fehler ermittelt - inspiriert vom „Buddha der Kriminalisten“, Ernst Gennat (verstorben 1939). Im Interview spricht der gebürtige Berliner über den Reiz, aus dem Schatten der eigenen Kultrolle zu treten, über das Erforschen menschlicher Abgründe - und über seine ganz persönlichen Erfahrungen als Vater. Außerdem erzählt der leidenschaftliche Theaterspieler und Synchronsprecher, was es bedeutet, über Jahrzehnte hinweg in einer Serienrolle zu bleiben, und warum der Wechsel in ein neues Genre genau zur richtigen Zeit kam.
teleschau: Herr Bahro, für „Haveltod - Ein Potsdam-Krimi“ legen Sie eine „GZSZ“-Pause ein. Was hat Sie an dem Projekt so sehr gereizt, dass Sie Jo Gerner für eine Weile Ade gesagt haben?
Wolfgang Bahro: Ich bin Schauspieler geworden, weil ich es spannend finde, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Im Fernsehen war das nur begrenzt möglich - 30 Jahre Jo Gerner bei „GZSZ“ prägen das Bild natürlich. Im Theater konnte ich mehr Facetten zeigen, zum Beispiel als Charlie Chaplin im Schlossparktheater, eine meiner schönsten Rollen. Ich liebte es auch, politisches und literarisches Kabarett zu machen. Jetzt freue ich mich darauf, mit Armin Weber im Fernsehen eine ganz andere Figur zu spielen: einen Profiler, der Fälle aus einem ganz neuen Blickwinkel angeht.

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Im Interview verrät Wolfgang Bahro, warum es ihm besonders viel Spaß gemacht hat, einen Profiler zu spielen. Für die „GZSZ“-Drehpause fiel seine Figur Jo Gerner für mehrere Wochen ins Koma. (Bild: RTL / Stephan Rabold)
teleschau: Schauen Sie privat auch Krimis?
Bahro: Ja, auch. Hierzulande bietet das Programm ja allerhand Krimis, während „Profiling“ im Fernsehen noch eher selten ist. Einst synchronisierte ich im Dungeon Room in Berlin Ernst Gennat. Er war ein legendärer Berliner Kommissar aus den 1930er-Jahren. Er etablierte das Prinzip „Tatort sichern“ und war für seine einfühlsame Art bekannt. Anstatt Druck auszuüben, baute er Vertrauen auf, bot Verdächtigen Kuchen an und sprach mit ihnen auf Augenhöhe. So brachte er viele zum Reden. Ein spannender Ansatz, den ich nun in meiner neuen Rolle zumindest teilweise auch ausprobieren konnte.
„Ein Profiler geht viel tiefer in die Psyche des Täters als ein Kommissar“
teleschau: Konnten Sie im Zuge der Auseinandersetzung mit der Rolle einen neuen Zugang zur menschlichen Psyche gewinnen?
Bahro: Ich bekam vor allem einen neuen Zugang dazu, wie ein Mörder oder Serientäter tickt und wie er dahin kommt. Wir hatten mit Axel Petermann einen echten Profiler als Berater - früher Kriminalkommissar in Bremen, heute Buchautor. Ich habe mit ihm über seine Fälle gesprochen und einiges gelesen. Ein Profiler geht viel tiefer in die Psyche des Täters als ein Kommissar - das macht die Arbeit so besonders. Da geht es wirklich um das Warum, um das Hineinversetzen.

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Joachim Gerner (Wolfgang Bahro) ist auf dem Papier zwar ein unsympathischer Charakter. Er gilt als Antagonist, ist aber ein Publikumsliebling bei den „GZSZ“-Fans. Warum das so ist, weiß Bahro. (Bild: RTL / Oliver Ziebe)
teleschau: Miträtseln und sich hineinversetzen ... - Ist das der Grund, warum Krimi-Formate hierzulande so beliebt sind?
Bahro: Ich vermute, dass diese Kombination ausschlaggebend ist: Man kann sich entspannen, weil man einer Geschichte folgt, und gleichzeitig nachdenken, zum Beispiel darüber, wer es gewesen sein könnte. Also nicht nur berieseln lassen. Was Arztserien - unser zweites Dauer-Thema im TV - angeht, sind die „Götter in Weiß“ in Deutschland ja sehr beliebt - der Deutsche geht eben einfach gern zum Arzt.
„Kinder müssen auch eigene Erfahrungen machen, auch Negative“
teleschau: Armin Weber hat, wie Sie, einen Sohn. Inwiefern hat die Arbeit an dieser komplexen Vaterfigur Sie selbst zum Nachdenken gebracht?

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Armin Weber (Wolfgang Bahro) ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet: Er weiß genau, wie Täter ticken. In „Im Kopf eines Killers“ (ab 13. Januar bei RTL und RTL+), dem ersten Teil der „Haveltod“-Krimi-Reihe, stößt er allerdings nicht nur fachlich an seine Grenzen. (Bild: RTL / Stephan Rabold)
Bahro: Natürlich gibt es Parallelen, gerade wenn ich daran denke, wie ich mich in bestimmten Phasen als Vater verhalten habe. Schwierig wird es oft mit Beginn der Pubertät, wenn die Kinder ihr eigenes Ding machen wollen. Da dachte ich rückblickend: Vielleicht hätte ich manches anders machen und nicht immer versuchen sollen, ihn zu lenken. Aber das sind Dinge, die ich eben lernen musste. Ähnlich war es bei der Geschichte mit Armin Weber: Der Vater wollte seinen Sohn schützen und nahm ihm Entscheidungen ab - aus Sorge, er könne sie nicht selbst treffen. Aber Kinder müssen auch eigene Erfahrungen machen, auch negative. Nur so lernen sie.
teleschau: Ihr Sohn hat eine Ausbildung zum Erzieher gemacht, schnupperte aber auch schon einmal Schauspielluft. Würde er doch noch irgendwann in Ihre Fußstapfen treten wollen - wie fänden Sie das?
Bahro: Wenn er das machen möchte, würde ich ihn natürlich unterstützen. In dem Job könnte ich ihm aufgrund meiner Erfahrung viel mitgeben. Bei Fragen rund um seine Erzieherausbildung hat meine Frau mehr Erfahrung. Er interessiert sich aber auch für Katastrophenmanagement und studiert das parallel, aber auch da kann ich ihm fachlich nicht helfen (schmunzelt). Als Schauspieler hätte ich ihn besser unterstützen können, da gibt es viele Möglichkeiten: Synchron, Theater, Fernsehen, Hörspiel. Auch viele Moderatoren sind im Grunde Schauspieler. Das fand ich ein bisschen schade, dass er diesen Weg nicht gegangen ist.
„Ich hing das Studium an den Nagel - sehr zum Missfallen meines Vaters“
teleschau: Haben Sie sich jemals gefragt, ob sich Familie und Schauspielerei überhaupt vereinbaren lassen?

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Wolfgang Bahro (65, links) und Felix Kreutzer (32) harmonieren sowohl vor als auch hinter der Kamera, wie der „GZSZ“-Star im Interview anlässlich der Premiere von „Haveltod - Ein Potsdam-Krimi“ betont. (Bild: RTL / Stephan Rabold)
Bahro: Den Beruf aufzugeben, war nie eine Option. Ich wählte ihn bewusst - auch gegen den Willen meines Vaters, der meinte, Schauspielerei sei kein Beruf. Deshalb studierte ich zunächst Psychologie, Theaterwissenschaften und Germanistik. Nebenbei spielte ich im Schultheater, wo mich eine Schauspielerin entdeckte und mir den Weg an eine Schauspielschule in Berlin vermittelte. Also war ich vormittags an der Uni, nachmittags in der Schauspielschule - und irgendwann kam ein Theaterangebot. Ich spielte abends Theater, morgens Uni, dazu Klausuren - das war irgendwann zu viel. Also entschied ich mich irgendwann, ganz auf die Schauspielerei zu setzen.
teleschau: Und haben das Studium geschmissen?
Bahro: Ja, ich hing das Studium an den Nagel - sehr zum Missfallen meines Vaters. Bis zu seinem Tod sagte er immer wieder: „Junge, willst du nicht doch noch etwas Anständiges machen?“
teleschau: Und das, obwohl Sie eine Karriere als Kultdarsteller einer Serie vorweisen können ...

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Professor Dr. Dr. Hans-Joachim „Jo“ Gerner bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL) gilt als der Soap-Fiesling der Nation. Wie Wolfgang Bahro den intriganten Rechtsanwalt noch verkörpern will, verrät er im Gespräch anlässlich seines neuen Films. (Bild: RTL / Rolf Baumgartner)
Bahro: Ich darf mir aber nie zu sicher sein - auch wenn „GZSZ“ eine der langlebigsten Serien ist, vielleicht nur von der „Lindenstraße“ übertroffen. Ich habe neulich mit Jürgen Vogel darüber gesprochen - selbst er sagt, ich könne froh sein, Teil einer so erfolgreichen Serie zu sein. Denn viele Schauspieler, selbst gute, müssen ständig zwischen Engagements wechseln, oft mit Zeiten der Arbeitslosigkeit dazwischen. Gerade während Corona war das für Theaterschauspieler besonders hart - keine Auftritte, keine Einnahmen. Wir bei „GZSZ“ konnten immerhin weitermachen, wenn auch mit Einschränkungen. Aber generell ist dieser Beruf viel unsicherer, als viele denken. Erfolgreich und bekannt sind letztlich nur wenige.
„Ich würde auch wahnsinnig gerne mal Comedy machen“
teleschau: Wie lange wollen Sie Deutschlands wohl beliebtesten Bösewicht denn überhaupt noch verkörpern?
Bahro: So lange die Leute mich sehen wollen und die Serie läuft, bin ich gerne noch dabei. Rollen, die Jo Gerner zu ähnlich waren, habe ich allerdings meist abgelehnt.
teleschau: Warum das?

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Wolfgang Bahro (65) ist nicht nur Schauspieler, sondern auch leidenschaftlicher Synchronsprecher und Familienvater. (Bild: RTL / Rolf Baumgartner)
Bahro: Weil man in Deutschland schnell in einer Schiene feststeckt. Wer mal erfolgreich einen Arzt gespielt hat, bekommt nur noch Arztrollen. Ich habe zum Beispiel vor „GZSZ“ in der Serie „Durchreise“ einen schwulen Modeschöpfer gespielt - danach kamen nur noch vergleichbare Rollenangebote. Dabei bin ich Schauspieler geworden, um viele Facetten zeigen zu können. Deshalb fand ich den Profiler Armin Weber so spannend - er ist ganz anders als Jo Gerner. Wobei Jo auch altersmilde geworden ist. Ich würde auch wahnsinnig gerne mal Comedy machen, das habe ich im Theater oft gespielt. Aber da denkt wahrscheinlich keiner dran - weil alle nur Gerner im Kopf haben.
teleschau: Vielleicht ergibt sich für Sie nach „Haveltod“ ja eine Rolle als schwarzhumoriger Kommissar.
Bahro: Genau, und dann werde ich der neue Kommissar für die nächsten 30 Jahre (lacht).
teleschau: Warum sind Antihelden wie Jo Gerner eigentlich so beliebt?

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An welche Grenzen Wolfgang Bahro (65) als Vater eines Sohnes gestoßen ist, verrät er im Interview anlässlich des Starts einer neuen Krimireihe, die sich mit Vater-Sohn-Dynamiken beschäftigt, bei RTL. (Bild: 2010 Getty Images/Andreas Rentz)
Bahro: Ich denke, weil solche Figuren mehr Facetten haben. Immer nur nett zu sein, ist schön, aber auch langweilig. Der Mensch hat nun mal gute und schlechte Seiten, je nach Situation. Antagonisten sind oft spannender - bei „Krieg der Sterne“ ist beispielsweise Darth Vader beliebter als Luke, weil er das Böse verkörpert, sich am Ende aber doch für seinen Sohn entscheidet. Solche Figuren bieten dem Publikum einfach mehr.
„Wir haben nur dieses eine Leben, nur diese eine Erde“
teleschau: Gäbe es etwas, das Sie Ihrem jüngeren Ich mit dem Wissen von heute raten würden?
Bahro: Ich würde sagen: „Junge, leg dein Geld sehr gut an und kauf jetzt schon Bitcoins“ (lacht). Ansonsten: Mach alles genauso! Ich hatte viel Spaß, mache meinen Beruf immer noch sehr gern und liebe neue Projekte und Herausforderungen. Meine Frau fragt zwar manchmal: „Muss das jetzt auch noch sein?“ Aber ich freue mich über Angebote wie zuletzt ein Live-Hörspiel nach Edgar Wallace mit Brigitte Grothum und Debora Weigert. Da spiele ich mehrere Rollen. Was soll ich sagen?! Mir machen eben viele verschiedene Engagements großen Spaß.
teleschau: Wie gehen Sie mit all dem Druck, den Schattenseiten, um?
Bahro: Ruhe finde ich meist im Urlaub mit meiner Frau. Dann sagen wir: „So, und jetzt mal alles ganz entspannt.“ Sonst lerne ich abends oft noch Texte. Die Feiertage sind mit der Familie eher hektisch, aber das ist ein anderer, schöner Stress. Wir reisen gerne in Länder, die kaum jemand kennt, zum Beispiel Bhutan oder Tonga - weil meine Frau den dicken König sehen wollte (lacht). Sie ist sehr abenteuerlustig und sucht sich immer spannende Ziele heraus.
teleschau: Mit welchem Gefühl starten Sie ins neue Jahr?
Bahro: Ich blicke positiv auf das Jahr zurück: Beruflich lief es wunderbar und auch privat war es sehr schön. Gleichzeitig finde ich es traurig, dass viele Konflikte und wirtschaftliche Probleme weiterhin ungelöst sind. Für das nächste Jahr hoffe ich, dass mehr Vernunft einkehrt und wir aufhören, uns gegenseitig zu bekämpfen. Wir haben nur dieses eine Leben, nur diese eine Erde - warum nicht gemeinsam etwas daraus machen, statt immer nur an Profit zu denken?
teleschau: Und für Sie im Privaten?
Bahro: Ich hoffe natürlich, dass familiär alles gut läuft und wir obendrein nächstes Jahr einen weiteren Profiler-Film drehen können. (tsch)
