Von der Baustelle auf die Bühne Kerstin Ott war mit 18 Jahren spielsüchtig

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Zum Interview haben wir uns mit Kerstin Ott am Flughafen Köln/Bonn getroffen. 

Köln – So eine Karriere gab es noch nie. Sie ist Malerin und Lackiererin, schrieb 2002 den Trost- und Mutmach-Song „Die immer lacht“ für eine Freundin. Der landete durch Zufall bei YouTube und war später dann erfolgreichster deutscher Song seit 1975.

Da wechselte Kerstin Ott (37) von der Baustelle in die Schlagerwelt. Mit uns sprach sie über ihr Leben in Heimen, ihre Spielsucht und Homosexualität in der Provinz.

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Kerstin Ott und EXPRESS-Reporter Horst Stellmacher.

Wie war es, mit Mitte 30 von der Baustelle plötzlich in die Heititei-Schlager-Welt zu wechseln?
Kerstin Ott:
Sehr gewöhnungsbedürftig, in diese mir rätselhafte Welt einzutauchen. Immer Küsschen links und Küsschen rechts. Doch trotz meiner etwas anderen Art, in der ich sage, was mir passt und was nicht, wurde ich gut aufgenommen. Ich werde nicht gezwungen, mit jedem Bussi-Bussi zu machen.

Was schützt Sie vor Höhenflügen?
Ich befolge einen ganz einfachen Satz, den ich als Kind mal gelernt habe: „Vergiss nie, wo du herkommst.“ Ich kann mir deswegen nicht vorstellen, dass ich mal auf einer kleinen Wolke durch die Gegend schwebe und denke, dass ich der liebe Gott persönlich sei. Aber ich weiß, das passiert. In den drei Jahren, in denen ich dabei bin, habe ich viele gesehen, die der Meinung waren, dass es so toll war, was sie da gerade machten, und jetzt spricht keiner mehr von ihnen.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages wieder auf einer Baustelle zu arbeiten?
Bis vor kurzem hätte ich noch mit „Ja“ geantwortet. Aber wenn ich die nächsten Jahre noch auf der Bühne bin und fast zehn Jahre aus dem Job raus wäre, würde es mir sicher sehr schwerfallen, da noch mal rumzukrebsen und wieder schwere, körperliche Arbeit zu leisten. Wenn es mit der Karriere nicht mehr gehen sollte, würde ich mich neu orientieren – vielleicht Texte für andere schreiben.

Hatten Sie früher jemals das Ziel, Popstar zu werden?
Da habe ich nie drüber nachgedacht. Erst nachdem „Die immer lacht“ zum Hit wurde und uns klar war, dass ein großer Deal auf uns wartet, wurde es anders. Ich dachte erst, es wird eine One-Hit-Nummer bleiben. Ich habe mich auch gesträubt, auf die Bühne zu gehen, weil ich befürchtete, da vor Angst umzukippen. Es hat lange gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe.

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Mit Regina Luca tanzte Kerstin Ott bei „Let’s Dance“ mit, schied in Runde 5 aus. Darüber war sie dann aber glücklich, sie fühlte sich dort fehl am Platz. 

Ihr erster Song „Die immer lacht“ ist das erfolgreichste deutschsprachige Lied in den deutschen Singlecharts. Ist es schwer, immer an diesem Erfolg gemessen zu werden?
Das ist zum Glück nicht mehr so, ich werde also nicht die nächsten 60 Jahre nur diesen Song singen. Ich habe mich auch mit „Scheißmelodie“ und „Regenbogenfarben“ gut platzieren können. Jetzt werde ich am meisten auf „Regenbogenfarben“ angesprochen…

… das ist ein Song auf Ihrem neuen Album, den Sie mit Helene Fischer singen, und bei dem es um Toleranz geht …
Ich finde es sehr wichtig, dass man dieses Thema heute noch anspricht, das leider Gottes immer noch aktuell ist.

Lesen Sie hier: Woran sich Schlager-Star Kerstin Ott nie gewöhnen möchte

Sie leben in einer Provinzstadt in einer Frau-Frau-Ehe. Ist das auf dem Land schwieriger als in einer Stadt?
Nein. Grundsätzlich wird immer und überall über andere geredet und gelästert. Ob du bekannt oder nicht bekannt bist, lesbisch oder nicht lesbisch, einen zu kurzen oder zu langen Rock anhast. Ist alles egal, du bist immer und überall – in der Stadt und auf dem Land – Gesprächsthema.

In Ihrer Autobiografie „Die fast immer lacht“ schneiden Sie einige bewegende Punkte aus Ihrer Vergangenheit an…
Ich habe in jede Grube reingeguckt und habe mich aus jeder wieder rausgeguckt.

Was war bei Ihnen anders als bei den meisten anderen?
Erst mal, dass ich nicht zu Hause aufgewachsen bin und auf dem Weg von Heim zu Heim vieles erlebt habe. Da habe ich ja auch herausgefunden, dass ich Mädchen toll finde. Und das war zu einer Zeit, als es noch nicht so toll war, das für sich rauszufinden. Damals gab es ja noch einen Aufschrei, wenn man nur Hand in Hand ging.

Haben Ihnen da Vorbilder aus dem Show-Bereich geholfen, die sich geoutet haben?
Ich habe mich nie an irgendwelche Fernseh-Figuren geklammert, weil die für mich unerreichbar waren. Was hätte ich sagen sollen? „Ich bin genau wie die aus dem Fernsehen?“ Das war keine Möglichkeit für mich, damit besser umzugehen.

Im Buch schreiben Sie über Ihre Spielsucht, in die Sie mit 18 Jahren reinrutschten – und aus der Sie erst sieben Jahre später rauskamen. Wie schafften Sie das?
Ich habe mir in den Spielhallen selbst Spielverbot erteilt. Ich habe Zettel mit meinem Namen und einem Passfoto ausgedruckt, sie in jeder Spielhalle im Umkreis von 50 Kilometer abgegeben und mir selbst Hausverbot gegeben. Am Ende siegte mein Stolz – es wäre mir peinlich gewesen, da wieder reinzugehen.

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?
Bei mir ist die Gesundheit ein großes Thema, ich versuche gerade, mit dem Rauchen aufzuhören. Mir geht es tierisch auf die Nerven, immer zwischen Tür und Angel ganz schnell noch eine zu rauchen. Man stinkt und hat überall Asche – finde ich mittlerweile nur noch schlimm. Vor ein paar Jahren habe ich gedacht, dass ich das nie aufgeben werde. Aber jetzt habe ich keine Lust mehr dazu.

Von der Baustelle auf die Bühne

Kerstin Ott (geboren am 17. Januar 1982 in West-Berlin) lebt seit ihrer Kindheit in Heide (Holstein). Sie ist gelernte Malerin und Lackiererin, arbeitete nebenbei als DJ.

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Kerstin Ott und ihre Frau Karolina Köppen bei der Verleihung des Musikpreises Echo.

2002 kam „Die immer lacht“ heraus. 2016 wurde der Song dann als Remix von Stereoact veröffentlicht (125 Millionen YouTube-Views, über 1 Millionen verkaufte Exemplare).

Kerstin ist mit Karolina Köppen verheiratet, deren beide Kinder haben Otts Nachnamen angenommen. 2018 erschien ihre Autobiografie „Die fast immer lacht“. Ihre aktuelle CD heißt „Mut zur Katastrophe“. Sie tritt am 22. November in Düsseldorf (Mitsubishi Electric Hall) auf. 

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