Deutschland trifft auf Ghana. Julian Nagelsmann will beim Spiel in Stuttgart Nick Woltemades Torkrise therapieren. Kommentator Philipp Sohmer verarbeitet immer noch sein EM-Trauma. Und Deniz Undav ist treffsicher - nicht nur vorm Tor, sondern auch im Interview.
ARD-Reporter tobt nach Handelfmeter„Junge! 633 Tage zu spät!“

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Kommentator Philipp Sohmer hat das EM-Viertelfinale noch nicht überwunden. (Bild: ARD)
Deutschland empfängt Ghana. Zuletzt haben sich die beiden Teams in der Gruppenphase der WM 2014 getroffen. Damals wurde Bastian Schweinsteiger in der 70. Minute eingewechselt. Heute kommentiert er das Geschehen von der Seitenlinie. Ganz anders Jordan Ayew: Auch der war damals „Ergänzungsspieler“, nun führt der inzwischen 34-Jährige die „Black Stars“ als Kapitän aufs Feld.
2014 war die Partie gegen Ghana übrigens das zweite Gruppenspiel der DFB-Auswahl, und das läuft ja bekanntlich nie nach Wunsch. Am Ende gab's ein 2:2. Mit so einer knappen Kiste rechnet heute niemand, schließlich ging Ghana am Freitag mit 1:5 gegen Österreich unter.
Nagelsmann will glaubwürdig bleiben

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Bundestrainer Julian Nagelmann (M.) spricht mit Esther Sedlaczek und Bastian Schweinsteiger über Rollen. (Bild: ARD)
Zwei Themen beherrschen das Spiel im Vorfeld. Deniz Undav steht nicht in der Startelf. Undav. Der Stürmer mit den 18 Bundesligatoren. Mehr hat nur Harry Kane (zugegeben, sehr viel mehr). Muss man sich leisten können, so einen auf der Bank hocken zu lassen. Finden jedenfalls die Zuschauer im Stadion, die ab Anstoß „Deeeenizzzzz Undavvvv“ skandieren.
Julian Nagelsmann sieht den Stuttgarter aber in einer anderen Rolle. Er habe nämlich mit jedem einzelnen Spieler „Rollengespräche“ geführt, erklärt er Esther Sedlaczek und Bastian Schweinsteiger. „Und wenn ich mich nicht daran halte, geht meine Glaubwürdigkeit flöten!“ Undavs Rolle ist - kurzgefasst - die, dem Gegner den Rest zu geben, wenn der sich müde gelaufen hat. Und was soll man sagen: Es läuft nach Drehbuch für die DFB-Elf. Also wenigstens, was das Rollenspiel angeht.
Ausgerechnet Attwell
Das zweite Thema in Stuttgart: Vor genau 633 Tagen, so hat Kommentator Philipp Sohmer nachgerechnet, wurde Deutschland beim EM-Viertelfinale ein klarer Handelfmeter verweigert. Und damit irgendwie auch der fest eingeplante EM-Titel. Im VAR-Keller saß damals der Mann, der heute das Spiel pfeift: Stuart Attwell. „Die UEFA hat Humor“, findet Sohmer und hat auch gleich noch einen weiteren Beweis für Attwells verheerende Inkompetenz parat, nämlich ein Phantomtor, das der Mann einmal in der Partie Watford gegen Reading gegeben hat. „Kann man mal googeln“, schlägt Sohmer vor. Ist hiermit geschehen: Das Spiel war 2008. Man möchte dem Reporter zurufen „Komm drüber weg!“ Wenn man allerdings Nürnberg-Fan ist, weiß man: Solche Wunden heilen nie. Mit schönen Grüßen an Thomas Helmer.

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Torschütze Deniz Undav (r.) hat bei Alex Schlüter etwas zu sagen. (Bild: ARD)
Doch zurück zum Spiel. Bei Deutschland steht Nick Woltemade in der Startelf. Weil er sich Selbstvertrauen holen soll. Da muss nun doch die Frage nach Julian Nagelsmanns Glaubwürdigkeit erlaubt sein, denn der hat ja mal behauptet, er würde seine Mannschaft nach dem „Momentum“ aufstellen. Womit wir und die Leute im Stadion wieder bei Deniz Undav wären. Der Mann, der laut Philipp Sohmer „Kulturgut in Stuttgart“ ist, erhebt sich ob der nicht endenden Jubelstürme und winkt ins Rund, als sei er gerade zum Papst gewählt worden. Demnächst fährt er mit dem Deniz-Mobil zum VfB-Training.
Schweinsteiger ist enttäuscht von Undav
Das Spiel beginnt munter und wird dann irgendwann vogelwild, weil Deutschland die zahllosen Torchancen einfach nicht reinmacht. Mal ist Pascal Groß „nicht groß genug für den Ball“, mal scheitert Florian Wirtz, der gegen die Schweiz noch das schönste Tor seiner Karriere geschossen hat, am Aluminium, mal wird Kai Havertz von Jonas Adjetey ausgehebelt. Für Bastian Schweinsteiger eine glasklare rote Karte. Für Ghanas Trainer Otto Addo nicht einmal ein Foul. Der VAR jedenfalls greift nicht ein. Dafür aber in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, da wird Stuart Attwell in die Review-Area geschickt, um ein - Obacht! - mögliches ghanaisches Handspiel im Strafraum zu überprüfen. Ausgerechnet.
Und dann gibt der Mann, der ganz alleine Deutschlands EM-Titel auf dem Gewissen hat, tatsächlich den Elfmeter. „Junge!“, tobt Philipp Sohmer in seiner Kommentatorenkabine. „633 Tage zu spät!“ Und wieder möchte man ihm zurufen: „Komm drüber weg!“ Jedenfalls steht es nun 1:0 für Deutschland, und dann ist erst einmal Halbzeit. Also Zeit, nochmal über Undav zu reden. „Ich war ein bisschen enttäuscht, dass er sich nicht selbst eingewechselt hat“, meint Bastian Schweinsteiger. Günter Netzer lächelt müde.
Undav macht Undav-Sachen
In Halbzeit zwei zieht sich Deniz Undav dann endlich die lange Hose aus und sofort wird es ein ganz anderes Spiel. Vor allem, weil Ghana plötzlich mitspielt. Und den Ausgleich schießt. „Da muss man dran sein“, analysiert Bastian Schweinsteiger später das schlechte Verhalten der deutschen Abwehr und zeigt Esther Sedlaczek auch gleich, wie es richtig geht: „Wie ich jetzt bei dir.“
Während des Spiels erinnern sich die Zuschauer indes daran, dass der Bastian ja schon mit einem „komischen Bauchgefühl aufgewacht ist“ und man fürchtet kurz, dass dieser Test ganz vielen DFB-Kicker den letzten Rest ihres mageren Selbstvertrauens rauben könnte. Aber dann schaut sich Deniz Undav in der 88. Minute noch einmal seine Rollenbeschreibung an, liest dort „Jokertor“ und macht halt eins.
Undav: „Man sollte hinter der Mannschaft stehen!“
Natürlich ist er damit der Spieler des Spiels. „War das eine Zehn von zehn?“, will Alex Schlüter im Interview von ihm wissen. Undav ist ziemlich zufrieden. Nur nicht so ganz mit seiner Rolle. Aber vielleicht könne er die noch ändern, sagt er, wenn er entsprechend Leistung bringt. Und empfiehlt sich dann auch gleich für eine weitere Rolle, nämlich für die des Kapitäns.
Als er deutliche Worte findet für das Verhalten einiger sogenannter Fans, die Leroy Sané bei seiner Einwechslung mit Pfiffen bedacht haben. „Ich hoffe und ich bitte da jeden Fan, dass man, wenn Leroy oder ein anderer beim nächsten Mal reinkommt, nicht buht“, sagt er ganz ruhig und dennoch sichtlich angefasst. „Man sollte hinter der Mannschaft stehen. Es ist wichtig, dass wir als Mannschaft und mit den Fans zusammen eine Einheit werden.“ Ganz ehrlich? Egal, ob Undav nun 18 Tore schießt oder keins - so einen wie ihn braucht die Nationalelf. (tsch)

