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Tabuthema AltersarmutRalf Richters Sohn: „Mein Vater hatte kein Geld“

Maxwell Richter und sein Vater Ralf Richter bei der Weltpremiere von „Nicht mein Tag“ 2014 in Bochum.

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Maxwell Richter und sein Vater Ralf Richter bei der Weltpremiere von „Nicht mein Tag“ 2014 in Bochum.

Nach dem Tod von Schauspieler Ralf Richter bat sein Sohn um Spenden für die Beerdigung – und erlebte eine Welle des Hasses. Jetzt packt Maxwell über das Tabu-Thema Altersarmut bei Stars aus.

Nach dem Tod von TV-Legende Ralf Richter (†69) bat seine Familie um Spenden für die Beerdigung – und erntete puren Hass. Jetzt bricht sein Sohn Maxwell (44) das Schweigen über ein Tabu-Thema in der Glamour-Welt: Altersarmut!

Ein Job mit Al Pacino und Kiefer Sutherland in Paris, Regie führt Luc Besson – für Maxwell Richter ein Traum. In „Father Joe“ spielt er einen Killer. „Ein wunderbares Erlebnis“, sagt der Kölner in einem Ehrenfelder Café.

Altersarmut bei Schauspiel-Stars „ziemlich verbreitet, aber niemand spricht drüber“

Sein Manager Kais Setti, Chef der Agentur Urbanactors, stellt direkt klar: Reichtum sieht anders aus. „Viele denken dann sofort: der sahnt richtig ab. Das stimmt aber natürlich nicht: Maxwell hatte als Lakai des Mafia-Bosses Al Pacino zwei Drehtage und es wurde verhandelt nach dem Motto: Sei froh, dass Du dabei sein kannst, friss oder stirb.“

Die beiden sind hier, um Klartext zu reden. Über ein Thema, das seit dem Spendenaufruf für die Beerdigung von Maxwells Vater Ralf Richter („Das Boot“, „Bang Boom Bang“) brodelt: Altersarmut bei Schauspielern. „Ziemlich verbreitet, aber niemand spricht drüber“, sagt Setti.

Beka Bediana von der Schauspiel-Gewerkschaft legt die knallharten Fakten auf den Tisch: „60 Prozent der Schauspieler in Deutschland verdienen weniger als 25.000 Euro brutto im Jahr. Das weiß allerdings fast niemand.“

Zuerst lief alles super. 20.000 Euro kamen für die Beerdigungskosten zusammen, Fans zeigten riesige Anteilnahme. Doch dann kippte die Stimmung. Ein gewaltiger Shitstorm brach über die Familie herein. Der Vorwurf in Dutzenden Kommentaren: Sie würden den Tod von Ralf Richter ausnutzen, um Kasse zu machen. Mehr als 20 Hass-Mails landeten allein bei Manager Kais Setti. Die Spendenaktion für die Beeerdigung von Ralf Richter wurde gestoppt.

Kais Setti, Maxwell Richter und Beka Bediana (von links) sprechen über die prekäre finanzielle Situation im Schauspielgewerbe.

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Kais Setti, Maxwell Richter und Beka Bediana (von links) sprechen über die prekäre finanzielle Situation im Schauspielgewerbe.

Setti zückt sein Handy, liest fassungslos vor: „Wie schamlos ist das denn. Wenn der Familie ein Todesfall eintritt, stehen Millionen von Menschen vor überteuerten Beerdigungskosten. Andere sorgen rechtzeitig vor, um die Kosten stemmen zu können.“

Andere Kommentare sind noch persönlicher: „Es gibt offenbar Menschen wie Maxwell Richter, die keinen Anstand besitzen und den Tod seines Vaters zu Geld machen wollen. Sie sollten sich schämen.“ Und: „Wo ist das ganze Geld hin?“

Kais Setti hatte die Familie schon auf Instagram verteidigt, jetzt wird er im Café lauter. „Da stirbt ein Mensch, die Familie bittet in einer Schwarmaktion um Spenden – und Leute schreiben sogar dreist: Soll er doch seinen goldenen Mercedes verkaufen. Dabei war das ein Filmrequisit! Wie übel ist das denn!“

Der Grund für den Hass? „Die Leute leider keine Ahnung haben, wie hart es ist, von der Schauspielerei zu leben. Die denken: Da hat einer zwei, drei erfolgreiche Filme gemacht und ist Millionär.“ Meist sei es aber umgekehrt, nach ein paar Hits kämen kaum noch gute Rollen. Altersarmut sei „ein strukturelles Problem“.

Heinz Hoenig ist einer der wenigen bekannten Schauspieler, bei denen bekannt wurde, dass sie insolvent sind.

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Heinz Hoenig ist einer der wenigen bekannten Schauspieler, bei denen bekannt wurde, dass sie insolvent sind.

Kaum ein Schauspieler redet offen darüber, wie schwer es ist, von dem Job zu leben. Ein Schock war vor zwei Jahren die Nachricht, dass Heinz Hoenig („Das Boot“) pleite war und keine Krankenversicherung hatte. Als seine Familie für eine lebenswichtige Herz-OP um Spenden bat, erntete sie – genau wie jetzt die Richters – auch massive Empörung.

Maxwell Richter selbst ist ein ruhiger Typ, ganz anders als die Bösewichte, die er oft spielt. Er bestätigt die Geschichte mit dem goldenen Mercedes 560 SEC, den sein Vater mal kurz besessen habe. Produzenten einer Auto-Sendung hatten ihm angeboten, ein Auto im Stil von „Bam Boom Bang“ zu tunen – der Mercedes war die Gage. „Den hat mein Vater allerdings schnell wieder an einen Bekannten verkauft – wir konnten ihn danach aber noch für Videodrehs nutzen“, erzählt Maxwell Richter. Doch für die Öffentlichkeit war klar: Richter fährt einen dicken, goldenen Benz.

Die Verwechslung von Rolle und Realität traf den Vater noch härter als den Sohn. Bis zuletzt grölten Fans auf der Straße „Kalle“, den Proll-Gangster aus „Bam Boom Bang“. Dass Ralf Richter privat ein sensibler, nachdenklicher Mensch war, wussten nur wenige. Wie es um seine Finanzen stand, wusste fast niemand.

Nach dem Shitstorm meldeten sich viele Kollegen zu Wort. Charles M. Huber („Der Alte“) schrieb auf Social Media: „Wenn Schauspieler, die man seit Jahrzehnten kennt, plötzlich in finanzielle Not geraten, sind einige überrascht. Mein alter Kumpel Ralf Richter ist hier nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.“ In der Branche gebe es „weder Loyalität noch Mitleid.“ Huber schlägt einen Fonds für Künstler vor, „die dem Publikum viel Freude bereitet haben“.

Schauspieler Ralf Richter kommt zur Premiere des Kinofilms „Vorstadtkrokodile“ in den Cinedom.

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Ralf Richter verbanden viele Fans bis zuletzt mit der Figur des Gangsters Kalle Grabowski aus dem Film „Bam Boom Bang“.

Die meisten Betroffenen schweigen, so Huber, „wegen des gesellschaftlichen Drucks“. „Wem das Stigma der Armut anhaftet, der wird auch nicht mehr beschäftigt.“ Wer das nicht selbst erlebt habe, könne es kaum verstehen. „Ich schon. Und es wird Zeit, dass sich hier etwas ändert.“

Maxwell Richter sieht sich selbst als „vergleichsweise privilegiert“, weil er eine Agentur im Rücken hat. Trotzdem ist die Schauspielerei „natürlich ein ständiger Kampf“. Meist ist er nur für wenige Tage angestellt. „Das heißt, ich bin immer nur für ein paar Drehtage angestellt und zahle in die Rentenkasse ein. Daraus ergeben sich gewaltige Lücken.“ Manager Setti fügt hinzu: „Wenn dann für den ganzen Monat Renten-, Sozial- und Pflegeversicherung abgezogen wird, hat man deutlich weniger netto.“

Gewerkschafter Bediana erklärt, dass „viele Schauspieler“ nie Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 haben, „weil sie schlicht nicht genug Drehzeit sammeln, um einen Anspruch aufzubauen“. Zwar zahlen inzwischen auch private Sender in eine Pensionskasse, aber das System sei zu kompliziert. „Das Sozialversicherungssystem müsste aber deutlich vereinfacht werden“, fordert Bediana. Von allen Schauspielern in Deutschland seien im Schnitt täglich nur 5500 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. „Der Rest fährt in der Zwischenzeit oft Taxi oder geht kellnern.“

Was macht ein Schauspieler wie Christian Kahrmann heute?

Christian Kahrmann, der „Benny Beimer“ aus der „Lindenstraße“, spielte auch in „Bam Boom Bang“ mit. Als vor 15 Jahren die Rollen knapp wurden, eröffnete er eine Espresso-Bar in Berlin. Dann der nächste Schock: eine schwere Covid-19-Erkrankung, drei Wochen Koma. Er musste Sprechen und Gehen neu lernen. „Du wirst schwer krank – und dann hast Du über Monate und Jahre keine Einnahmen.“

Er hatte vorgesorgt, aber sagt auch: „Aber natürlich gibt es in unserem Business auch die, die nicht viel haben oder sogar zeitweise Stütze bekommen, weil sie nur ein paar Drehtage im Jahr haben, aber da nicht gerne drüber reden.“ Er selbst arbeitet heute viel als Synchronsprecher.

Auch Maxwell Richter sichert sich so ab. „Ich mache Moderationen, lese Hörspiele ein, drehe kommerzielle Filme für Unternehmen. So komme ich einigermaßen über die Runden.“ Mehr nicht. Und dann der Satz, der alles sagt: „Natürlich hatte mein Vater am Ende seines Lebens kein Geld.“

Sich aufzuregen, sei wohl ein Zeitgeist-Phänomen, glaubt Maxwell Richter. Die Wut wegen der Spendenaktion findet er aber nicht nur schlimm. „Im Gegenteil: Ich bin froh, wenn dadurch jetzt eine öffentliche Debatte über unseren Beruf entsteht“, sagt er. Sein letzter Satz ist ein Appell: „Es ist nur schade, dass man sich heute oft zuerst aufregt, bevor man sich informiert.“ (red)