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Wie bereit ist Deutschland?„Ein unmittelbarer Krieg wäre dann unvermeidbar“

Der russische Präsident Wladimir Putin verlässt die Große Halle des Volkes in Peking.

Copyright: Maxim Shemetov/Pool Reuters/dpa

Der russische Präsident Wladimir Putin verlässt die Große Halle des Volkes in Peking.

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Drohnenangriffe, Sabotageakte, verschärfte Spannungen: Zwei Experten warnen vor einer wachsenden Gefahr aus Russland – und zweifeln daran, dass Deutschland optimal darauf vorbereitet ist.

Die Nachrichten klingen wie Vorboten: Drohnenalarme über dem Baltikum, Litauens Außenminister warnt Russland offen wegen seiner Streitkräfte in Kaliningrad, Selenskyj warnt vor einer neuen russischen Front im Norden der Ukraine. Und mitten in dieser angespannten Lage zieht US-Präsident Donald Trump 5000 Soldaten aus Deutschland ab und verzichtet auf die Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern. Ist das der Moment, auf den Putin gewartet hat?

Zwei Sicherheitsexperten haben sich in dieser Woche eindringlich mit dieser Frage beschäftigt – und kommen zu einem beunruhigenden Befund.

„Putin gehen die Optionen aus“

Hanna Notte, die das Eurasien-Programm des James Martin Center for Nonproliferation Studies leitet und Senior Associate am Center for Strategic and International Studies (CSIS) ist, warnt in einem Gastbeitrag für „DIE ZEIT“ vor einer verbreiteten Fehleinschätzung. Die Gefahr eines russischen Angriffs auf Europa wachse – aber nicht, weil Russland sich überlegen fühle. Sondern weil dem Kreml die Optionen ausgehen.

„Ein Angriff wäre somit der versuchte Befreiungsschlag eines Russlands, dem die Optionen ausgehen, nicht eines sich überlegen wähnenden“, schreibt Notte. Denn militärisch steckt Russland in der Ukraine fest: Nach Geländegewinnen Ende 2025 sind die russischen Truppen fast zum Stillstand gekommen. Ein ukrainischer Drohnenwall verhindert Großangriffe. Russland könne Gebiete „nur noch mit kleinen Soldatenteams infiltrieren“, so Notte.

Gleichzeitig nehme die Unzufriedenheit in der russischen Gesellschaft zu. Ein Deal mit den USA ist nicht in Sicht. Die Ukraine hat sich von Trump weitgehend emanzipiert. Und Selenskyjs Drohnenangriffe tief ins russische Hinterland – bis in den Ural – verlagern den Krieg zunehmend auf russisches Territorium.

„Hinterland gegen Hinterland“

Helmut W. Ganser, Brigadegeneral a.D. und früherer Strategie-Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr, greift im „Journal für Internationale Politik und Gesellschaft“ denselben Gedanken auf und schärft ihn. Er warnt, dass der vorherrschende Diskurs in Deutschland fast ausschließlich auf eine russische Großoffensive gegen die NATO ab 2029 fixiert ist – und dabei deutlich naheliegendere Szenarien übersieht.

Denn Moskau könne auch unterhalb dieser Schwelle eskalieren: Sabotageakte gegen militärische Transporte, Anschläge auf kritische Infrastruktur, Angriffe auf Produktions- und Ausbildungsstätten mit Ukraine-Bezug.

„Im Extremfall könnten sogar Luft- oder Drohnenangriffe gegen Infrastruktur auf NATO-Gebiet Teil einer kalkulierten russischen Eskalationsstrategie werden“, schreibt Ganser. Notte hat diese Dynamik als „Hinterland gegen Hinterland“ beschrieben. Der NATO-Bündnisfall – und damit ein unmittelbarer Krieg zwischen Russland und der NATO – „wäre dann unvermeidbar“, so  Ganser.

Deutschland agiert wie ein Schwergewicht – ohne die dazugehörigen Kräfte

Denn dass Deutschland Ziel wäre, halten beide für wahrscheinlich. Ganser zufolge stünden „Deutschland, Polen und die baltischen Staaten dabei vermutlich im Fokus“. Begründung: Die wachsende deutsch-ukrainische Rüstungskooperation – insbesondere bei weitreichenden Drohnen und Raketen – dürfte Moskau „zunehmend als direkten Bestandteil der ukrainischen Kriegsführung“ wahrnehmen.

Gleichzeitig ist Deutschland auf eine solche Eskalation nach Einschätzung beider Experten nur sehr begrenzt vorbereitet. „Zentrale Bereiche der zivilen kritischen Infrastruktur – Energieversorgung, Gesundheitswesen, Verkehr und digitale Netze – sind hochgradig verwundbar“, schreibt Ganser. Eine territoriale Luftverteidigung gegen Drohnen und ballistische Raketen fehle weitgehend. Selbst das künftig geplante Arrow-4-System gegen ballistische Mittelstreckenraketen werde „frühestens in einigen Jahren voll einsatzfähig sein und könnte ohnehin nur einen Teil der Bedrohung durch Marschflugkörper, Drohnen und Raketen abfangen.“

Hinzu kommt die offene Frage nach der US-amerikanischen Beistandspflicht. Biden hatte Europas Ukrainepolitik noch „glaubwürdig militärisch abgesichert“, so Ganser. Unter Trump hingegen ist „offen, wie weit die Rückendeckung der Trump-Regierung in einem solchen Eskalationsfall tatsächlich reichen würde.“

Abschreckung durch Rhetorik reicht nicht

Beide Autoren kritisieren, dass Deutschlands politische Führung zwar zunehmend offensiv auftritt – ohne jedoch die militärischen Grundlagen dafür geschaffen zu haben. „Abschreckung funktioniert nicht durch Rhetorik allein“, stellt Ganser klar. „Wer geopolitisch eine Führungsrolle beansprucht, muss auch glaubwürdig vermitteln können, dass er die Konsequenzen einer möglichen Eskalation im Verbund mit den Bündnispartnern tragen und kontrollieren kann.“

Sein Fazit ist unmissverständlich: „Das eigentliche Risiko besteht womöglich nicht in einer russischen Großoffensive gegen NATO-Territorium, sondern in einer schrittweisen Eskalation gegen Europas verwundbares Hinterland. Wer sicherheitspolitisch wie ein Schwergewicht auftreten will, muss auch die Kräfte und Fähigkeiten besitzen, einen solchen Schwergewichtskampf durchstehen zu können – ohne zu Boden zu gehen.“ (mg)

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