Düstere Aussichten? Nach Hochwasser: Wie sich unser Leben in 30 Jahren verändern könnte

Autos stehen auf der überfluteten Bundesstraße 265 in Erftstadt im Wasser.

Autos stehen nach dem Hochwasser am 17. Juli 2021 auf einer überfluteten Straße in Erftstadt (Nordrhein-Westfalen). Extremwetter könnte durch den Klimawandel in Zukunft häufiger auftreten.

Nach der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands stellt sich die Frage: War das Hochwasser eine Folge des Klimawandels? Und wenn ja: Was droht uns in der Zukunft? Experten sehen auch in ganz anderen Bereichen unseres Lebens große Veränderungen auf uns zukommen.

Berlin. Nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands entbrennt auch eine neue Diskussion ums Thema Klimawandel. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren in den Fluten rund 170 Menschen ums Leben gekommen, Tausende haben alles verloren, was sie besaßen.

Die Katastrophe hat nun neuen Druck im Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel erzeugt. Kurz zuvor hatte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Auftrag der Deutschen Bahn eine Analyse zu klimatischen Veränderungen in der Bundesrepublik vorgelegt.

Demnach wird es hierzulande etwa bis 2060 deutlich mehr Hitzetage und weniger harte Winter geben. Innerhalb der EU ist man sich weitgehend einig, dass man bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein will. Die Folgen des Klimawandels aufhalten wird man damit laut Experten nicht – höchstens abmildern. Wie es in Deutschland bis dahin aussehen könnte, zeigen Klimaforscher und andere Fachleute.

Klimawandel: Expertin rechnet mit viel mehr heißen Tagen in Deutschland

HITZE: Dass langanhaltende hohe Temperaturen mit dem menschengemachten Klimawandel verbunden sind, daran gibt es in der Fachwelt kaum Zweifel.

Für die Zukunft wird das die Menschen vor große Herausforderungen stellen, wie Daniela Jacob betont. Sie ist Meteorologin und Direktorin des German Institute for Climate Services (Gerics) in Hamburg.

„Um 2050 müssen wir damit rechnen, dass die Sommermonate deutlich heißer und trockener sind“, so Jacob. Etwa für den Oberrheingraben bei Karlsruhe lasse sich schon heute projizieren, dass sich dort bis zur Mitte des Jahrhunderts die Zahl der heißen Tage im Vergleich zum Zeitraum von 1970 bis 2000 circa verdoppeln werde.

Hitzewellen werden stärker auf die Gesundheit schlagen

GESUNDHEIT: Entgegen der Vorstellung von strahlendem Sonnenschein und Urlaubsatmosphäre kann „warmes Wetter“ sehr schlecht für unsere Gesundheit sein. „Wenn die Temperatur auch nachts nicht unter 20 Grad fällt, bedeutet das, dass wir uns nicht richtig ausruhen können und weniger leistungsfähig sind“, erklärt Jacob.

Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig geht davon aus, dass die Hitze das Gesundheitssystem zusätzlich belasten wird. So könne es etwa zu mehr Kreislauferkrankungen kommen. Frankreich habe zum Beispiel 2003 eine große Hitzewelle gehabt und als Folge dauerhaft hoher Temperaturen damals gut 35.000 zusätzliche Todesfälle.

Deutschland sei in dem Jahr weitgehend verschont geblieben, weswegen es hierzulande schlechtere Warnsysteme für Hitzewellen gebe. Bis 2050 werde sich das wahrscheinlich ändern, sagt Marx.

Klimawandel wird Lebensmittel-Produktion vor Herausforderungen stellen

LANDWIRTSCHAFT: Anhaltende Hitze und langer, starker Regen wird Experten zufolge auch eine Umstellungen für diejenigen bedeuten, die sehr auf das Wetter angewiesen sind.

„In der Landwirtschaft müssen wir auf Sorten setzen, die mit diesen starken Temperatur- und Feuchtevariationen zurechtkommen“, sagt Forscherin Jacob. Ein Problem ist demnach auch, dass Wasser bis 2050 knapper wird. „Die Landwirtschaft muss sich so umstellen, dass sie die Böden nicht so oft bewässern muss“, ergänzt sie. Darüber hinaus sollten Landwirte die Böden aber auch möglichst nicht zu stark austrocknen lassen.

Ein Landwirt fährt mit einem Traktor und angehängter Drille über ein Feld und wirbelt dabei viel Staub vom trockenen Boden auf.

In der Landwirtschaft hat man heute schon immer öfter mit Trockenheit zu kämpfen. Das Foto entstand am 16. September 2020 auf einem Feld in Schöneiche (Brandenburg).

Allgemein sei es wichtig, die in der Landwirtschaft erzeugten Lebensmittel auch sorgsam zu konsumieren, betont der Vorsitzende des Deutschen Klima-Konsortiums, Mojib Latif. Schon heute würden viel zu viel Lebensmittel weggeschmissen. „Da wird eine Menge Energie und Rohstoffe unnötigerweise verschwendet. Das kann einfach nicht angehen.“

Hochwasser: Katastrophen wie im Juli 2021 könnten sich öfter wiederholen

HOCHWASSERSCHUTZ: Als Folge des menschengemachten Klimawandels werde Hochwasser mit Blick auf das Jahr 2050 vor allem in Gebieten in Nord- und Westeuropa zunehmend eine Bedrohung darstellen, sagt Ralf Merz. Der Hydrologe arbeitet am Standort Halle an der Saale des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung.

Diese Entwicklung hänge vor allem mit dem sogenannten Jetstream zusammen. Dieser treibt in der oberen Atmosphäre die Hoch- und Tiefdruckgebiete über Europa hinweg, wie der Wissenschaftler erklärt.

Wegen des Klimawandels habe sich der Strom verändert, so dass Hoch- oder Tiefdruck-Systeme länger an einem Ort stehen bleiben. „Und das ist auch jetzt wieder passiert bei dem Tiefdruckgebiet ‚Bernd‘.“ Demnach wäre früher ein solches Tief nach zwei Tagen weitergezogen, jetzt ist es an einem Ort stehengeblieben – mit verheerenden Folgen.

Mittelmeer könnte wegen Klimawandel als Urlaubsziel unattraktiv werden

TOURISMUS: Die Themen Tourismus und Klimawandel sind heute schon eng verbunden. Zur Mitte des Jahrhunderts werden sich unsere Urlaubsziele nach Einschätzung der Meteorologin Jacob verändert haben. Nord- und Ostsee könnten damit rechnen, dass die Sommer dort einmal wärmer und stabiler werden. Die Bedrohung durch den steigenden Meeresspiegel sei dort bis 2050 gering – die deutschen Küsten darauf also „relativ gut vorbereitet“.

Menschen sonnen sich und schwimmen am Strand von Arenal auf Mallorca.

Südeuropa könnte zukünftig als Urlaubsregion unattraktiv werden, weil zu befürchten ist, dass die Temperaturen hier im Sommer unerträglich werden. Das Foto entstand am Strand von Arenal auf Mallorca.

Kritischer werde das jedoch bis zum Ende des Jahrhunderts. Andere Regionen werden laut Experten unter dieser Entwicklung leiden. „Ich glaube, der Mittelmeerraum wird in Zukunft nicht mehr so attraktiv sein“, sagt etwa auch der Vorsitzende des Klima-Konsortiums, Latif. Laut Jacobs werden dort über 40 Grad in den Sommermonaten herrschen. „Das ist für Urlaub zu warm. Diese Regionen gehören dann zu den Verlierern im Tourismus.“

Städte müssten in Zukunft anders aussehen

WOHNEN: Wenn es draußen unerträglich warm ist, flüchten wir uns auch schon heute gerne in kalte Innenräume. Dass diese auch energieintensiv mit Klimaanlagen runtergekühlt würden, verschärfe das Problem des menschengemachten Klimawandels, sagt Jacob.

Wissenschaftler Marx, Mitglied der Helmholtz-Klima-Initiative, empfiehlt daher, Gebäudehüllen wesentlich besser zu dämmen, „dann hat das auch im Sommer den Effekt, dass Hitze nicht so schnell ins Haus kommt.“ Gerade deutsche Städte müssen seiner Einschätzung nach neu gedacht werden. „Wir brauchen in der Stadt grüne und blaue Infrastruktur, das heißt Parkanlagen und Gewässer.“

So könne man für deutliche Abkühlung in heißen Häuserschluchten sorgen. „Das liegt daran, dass Pflanzen Wasser verdunsten und dabei Energie weggeführt wird.“

Experten: Klimaziele können noch eingehalten werden

Dass mehr getan werden müsse, um den Anstieg des Klimawandels zu bremsen, betonen die Experten im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Wir verlassen gerade den Wohlfühlbereich“, warnt etwa Klimaforscher Latif. „Wie viele Jahrhundertfluten hatten wir eigentlich in den letzten 30 Jahren?“

Es sei aber immer noch möglich, die Pariser Klimaziele einzuhalten – auch wenn das einer „Herkulesaufgabe“ gleiche. Nach Einschätzung des Hydrologen Merz ist der Klimawandel zwar fortgeschritten, „aber wir stehen hoffentlich immer noch vor dem Kipppunkt, an dem sich das Klima auf Dauer stark verändert. Das heißt, wir müssen jetzt die Entwicklung aufhalten, bevor es zu spät ist.“ (dpa)

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