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Vier Jugendliche totAnwaltin erhebt schwere Vorwürfe: Ist die Straße eine Gefahr?

Ein Autowrack steht auf der Dürschtalstraße bei Kürten-Dürscheid.

Copyright: Guido Wagner

Der verunglückte Pkw ist völlig zerfetzt. Vier Insassen (14 bis 19) sterben bei dem Horror-Unfall am frühen Samstagmorgen (16. August 2025) bei Kürten-Dürscheid.

Vier junge Menschen tot. Vor dem Prozess gegen den Fahrer (17) rückt die Unfallstraße in den Fokus: War sie eine Todesfalle?

Vier junge Leben ausgelöscht: Ein 17-Jähriger muss sich demnächst für den Horror-Unfall in Kürten-Dürscheid verantworten. Doch kurz vor Prozessbeginn gerät die Unglücksstraße selbst ins Visier der Ermittlungen.

Neue Fragen zur Verkehrssicherheit sind aufgetaucht. Unter anderem fehlen in der Todeskurve seit 2021 die Schutzplanken.

Angeklagter saß am Steuer – zum Unfallzeitpunkt war er 16

Ein milder Abend im August 2025. Eine Clique von Teenagern und jungen Leuten kommt in einem Garten zusammen. Sie haben eine gute Zeit, bis sie in den Wagen der Mutter eines 16-jährigen Freundes steigen. Dieser setzt sich hinter das Lenkrad, obwohl er keinen Führerschein besitzt.

Ihre Tour führt sie auch zu einem Supermarkt. Nach einem kurzen Stopp geht die Fahrt weiter, wieder mit dem Jugendlichen am Steuer. Offenbar fühlte sich niemand unsicher.

Nur Augenblicke danach mündet die Ausfahrt in einem Desaster. In einer Linkskurve im Dürschtal gerät der Toyota außer Kontrolle des jungen Fahrers. Das Fahrzeug verlässt die Straße, kollidiert mit einem Baum und überschlägt sich mehrfach.

Für vier der Mitfahrenden endet die Nacht tödlich: zwei weibliche Teenager, 14 und 16 Jahre alt, sowie zwei junge Männer im Alter von 19 Jahren. Der Fahrer selbst kommt mit schweren Verletzungen davon.

Eine Gedenkstätte im Wald erinnert an den Tod von vier Teenagern auf der benachbarten Dürschtalstraße am 16. August 2025.

Copyright: Guido Wagner

Schutzplanken fehlen an der Dürschtalstraße an mehreren Stellen: Auch in der Kurve, in der vor gut einem Jahr vier junge Menschen bei einem Unfall ums Leben kamen.

Über ein Jahr ist vergangen, und nun soll das Amtsgericht in Bensberg die Umstände des Unglücks aufklären. Es geht um die strafrechtliche Schuld des jugendlichen Fahrers. Der Prozess gegen den mittlerweile 17-Jährigen startet am Donnerstag, dem 3. September. Die zentrale Anklage lautet auf fahrlässige Tötung.

Da der Beschuldigte zum Unglückszeitpunkt 16 Jahre alt war, findet die Verhandlung nach Jugendstrafrecht statt. Die Öffentlichkeit wird deshalb wohl gänzlich ausgeschlossen sein.

Neue Fragen kurz vor Prozess: Ist die Straße eine Gefahrenquelle?

Unmittelbar vor dem Gerichtsverfahren kommen jedoch neue Aspekte ans Licht. Diese beziehen sich nicht allein auf die fatale Fahrt, sondern auch auf den Zustand der Dürschtalstraße, die zwischen Kürten-Dürscheid, Overath und Bergisch Gladbach verläuft. Diese gewundene Landstraße ist seit Langem als Risikostrecke bekannt. Nach einer Modernisierung im Jahr 2021 fehlen an diversen Abschnitten Leitplanken. Aus diesem Grund wurde das Tempolimit auf 50 km/h herabgesetzt.

Aber wird dieses Tempolimit den Verkehrsteilnehmern auch klar genug kommuniziert? Nähert man sich dem späteren Unglücksort aus der gleichen Richtung wie der Toyota in der besagten Nacht, fällt einige hundert Meter vor der Kurve eine merkwürdige Beschilderung auf: Ein Schild für Tempo 50 befindet sich fast direkt hinter einem Vorfahrt-gewähren-Schild. Von weitem wird das Tempolimit durch das vordere Schild fast vollständig verdeckt. Das runde Schild mit der 50 wird erst im allerletzten Augenblick erkennbar.

Die Anwältin des jungen Mannes bekräftigt diesen Eindruck auf Nachfrage. Dr. Eva K. Günther, eine Rechts- und Strafverteidigerin mit Kanzlei in der Bensberger Schloßstraße, ist die Route selbst bei Nacht gefahren und hat die Szene vom Beifahrersitz gefilmt. „Wenn ich dort normal entlangfahre, habe ich wenig Chance, das zweite 50-Schild zu entdecken, zu lesen und zu verstehen“, äußert sie. „Bei Dunkelheit schon gar nicht.“

Ein Vorfahrtschild verdeckt an einer Straße ein Tempo-50-Schild.

Copyright: Guido Wagner

Erst im letzten Moment wird beim Vorbeifahren das davor von einem Vorfahrtschild verdeckte Tempo-50-Schild sichtbar (rundes Foto). Wenige hundert Meter danach: die Landstraßen-Kurve ohne Außenschutzplanke, in der im August 2025 vier junge Menschen starben.

Zugleich betont sie: „Das entschuldigt nicht allein die überhöhte Geschwindigkeit.“ Die Anwältin möchte keinesfalls die Tatsache aus den Augen verlieren, dass bei der rechtlichen Klärung vier junge Menschen im Fokus stehen, die gestorben sind. Die immense Tragödie des Vorfalls werde absolut nicht verharmlost, so Günther. Die Verteidigung empfinde tiefes Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer.

Wie die Redaktion erfuhr, betrauern viele gemeinsame Freunde die Opfer. Gleichzeitig machen sie sich aber auch Gedanken über die Zukunft des angeklagten Fahrers.

Seit 2021 fehlen Leitplanken – auch am Unglücksort

Die Anwältin bestreitet nicht, dass der 16-Jährige erheblich schneller als die erlaubten 50 km/h fuhr. Sie wirft jedoch die wichtige Frage auf, ob die Straßengestaltung und die Schilder einem Fahrer die lauernde Gefahr nur wenige hundert Meter entfernt eindringlich genug vor Augen führen.

Das verdeckte Geschwindigkeitsschild ist nämlich nicht das einzige Problem. Entlang der Route gibt es Warnhinweise auf „fehlende Schutzeinrichtungen“. Laut Günther macht diese Wortwahl einem Fahrer aber nicht klar, dass in einer tückischen Kurve die komplette Leitplanke fehlt. Auch die restlichen Schilder würden die extreme Gefährlichkeit der Lage nicht angemessen signalisieren. „Das Gefahrenpotenzial ist aus meiner Sicht nicht erkennbar“, so die Juristin.

Dass die Dürschtalstraße schon lange vor dem fatalen Crash als Sorgenkind galt, war bekannt. Seit 2021 ist das Fehlen der Leitplanken ein Thema, das, wie oft gemeldet, Ämter, Politiker und Anwohner beschäftigt. Nach der Erneuerung der Straße war es aufgrund von Versorgungsleitungen im Erdreich nicht möglich, die Schutzvorrichtungen überall wieder anzubringen. Daher wurde die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf 50 km/h gesenkt.

Schon vor dem tragischen Ereignis belegten Messungen, dass viele Fahrzeugführer dort erheblich zu schnell fuhren. Das führt zu einer weiteren Überlegung: Sind allein die Fahrer schuld – oder leistet eine unzureichende Beschilderung einen Beitrag, weil sie die Gefährlichkeit der Strecke nicht richtig darstellt?

Angeklagter (17) hatte vor dem Unfall eine saubere Weste

Die tatsächliche Geschwindigkeit des Toyota in der Unglücksnacht wird ein zentraler Punkt im Prozess sein. Anwältin Günther widerspricht der Darstellung, ihr Mandant sei mit über 120 km/h durch das Dürschtal gerast. Welche Messwerte am Ende standhalten und welche Abweichungen einkalkuliert werden müssen, soll das Gerichtsverfahren zeigen.

Laut seiner Anwältin war der heute 17-Jährige vor dem Crash nie polizeilich in Erscheinung getreten. Auch im Nachhinein gab es keine weiteren Vorfälle. Er hatte schon vor dem Unglück die Zusage für einen Ausbildungsplatz. Sein zukünftiger Chef zeigte sich auch nach der schrecklichen Tat sehr verständnisvoll. Der junge Mann konnte seine Lehre beginnen und setzt diese bis heute fort.

Ab Donnerstag steht er nun vor Gericht. Im Bensberger Amtsgericht wird es hinter vermutlich geschlossenen Türen nicht nur um die Frage gehen, wie schnell der damals 16-Jährige unterwegs war. Geklärt werden muss, welche Faktoren zusammenspielten und wie diese juristisch einzuordnen sind – bevor ein milder Sommerabend für vier junge Menschen im Tod endete und eine Katastrophe auslöste. (red)

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