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Run auf Kölner RestaurantWie herzig! Hier kochen nur Omas

Eine Dame mittleren Alters mit markanter Brille, Dutt und Küchenschürze steht an einem Herd und rührt mit einem großen Schneebesen in einem Topf.

Copyright: Omagerichte

Oma Laura bei den Vorbereitungen auf ihren Abend als Gastgeberin.

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Ein ganz besonderes Restaurant in Köln bringt Fremde an einen Tisch  und ins Gespräch. Wir waren bei Oma essen - im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer bei „Omagerichte“ in Köln einen Abend verbringt, geht nicht „nur“ essen, sondern macht eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Was im Sommer 2022 mit einem Anruf begann, entwickelte sich in mehr als zweieinhalb Jahren zu einem erfolgreichen Konzept: Fremde Leute an einen Tisch, die gute, alte Hausmannskost gemeinsam genießen.

EXPRESS-Reporterin Olivia Gillner war „mitessen“ und erklärt, warum Genießen in netter Gesellschaft immer noch wichtig ist – und nicht vernachlässigt werden sollte.

„Omagerichte“ in Köln: Aus Fremden werden Freunde

Schon kurz nach 18 Uhr stehen die ersten Gäste vor dem Restaurant „Omagerichte“ an der Alteburger Str. 299 in Bayenthal. Die Türen öffnen sich erst in zwanzig Minuten, trotzdem warten bereits Menschen draußen. Drinnen stehen lange Gemeinschaftstische, an denen bis zu 65 Gäste jeden Abend zusammensitzen jeweils vier bis zwölf Personen an einem Tisch. Viele von ihnen kennen sich vorher nicht. Auch ich setze mich an einen Tisch mit mir zunächst völlig fremden Menschen. Wer online reserviert, merkt schnell: Hier bucht man keinen Tisch, sondern „nur“ seinen Platz.

Serviert wird nicht à la carte, es gibt auch kein Menü im klassischen Sinne. Die Gäste wählen schon bei der Online-Buchung zwischen einer vegetarischen Option und einer mit Fleisch, dazu ein passendes Getränkepaket. „Man isst das, was auf den Tisch kommt“, heißt es hier. Wie bei Oma eben. Und dann wird aufgefahren: Zwei, drei große Schüsseln kommen. Und siehe da, ich komme schon allein dadurch mit meinen „Mitessern“ ins Gespräch, als ich frage: „Kannst du mir mal die Kartoffeln geben?“ Auffällig: Ganz wenige Handys sind zu sehen, die Menschen unterhalten sich viel eher miteinander. Und auch ich „ertappe“ mich dabei, mein Handy den ganzen Abend nicht aus der Tasche zu holen. Nicht, weil es verboten ist, sondern weil ich es einfach vergessen habe – so gut habe ich mich mit meinem zunächst fremden Tischnachbarn unterhalten.

Eine Gruppe Menschen verschiedenen Alters sitzt um einen Tisch in einem Restaurant. Alle schauen fröhlich drein.

Copyright: Omagerichte

Ein Tisch mit einstigen Fremden, die einen lustigen Abend mit dem Oma- gericht von Oma Laura verbrachten. Auch EXPRESS-Reporterin Olivia Gillner (2. von rechts) war an diesem Abend dabei.

Mit unbekannten Menschen am Tisch zu sitzen, ist für viele zunächst eine Überwindung. Doch die Unsicherheit hält selten lange an, wie das Beispiel von Andra Picker aus Köln zeigt. Sie ist an diesem Abend zum zweiten Mal zu Besuch und erzählt uns: „Ich komme extra alleine hierhin, damit ich neue Leute kennenlerne.“ Reservieren muss man seinen Platz mindestens zwei Tage vorher. Denn gekocht wird nur für die Gäste, die vorab online gebucht und bezahlt haben. „Wir kaufen extra für den Tag ein und planen dann für die die genaue Anzahl an Leuten“, erklärt uns Axel Brinkmann, einer der Gründer. „Ein Nachschlag ist natürlich, ganz klassisch wie bei Oma, einkalkuliert. Wir achten darauf, dass nicht weggeworfen wird.“ Und falls doch etwas übrigbleibt? „Dann kommt es in Tupperdosen mit nach Hause. Ganz wie früher.“

Das Herzstück des Konzepts sind die „Omas“. Das ist hier kein biologischer Titel. „Unsere Oma steht bei uns als Synonym für Menschen mit Herz, Haltung und Geschichte“, erklärt Uwe Schlindwein, einer der weiteren Gründer. Wer mit Leidenschaft kocht, Wärme schenkt und etwas zu erzählen hat, darf hier Gastgeberin sein. Jeden Abend steht eine andere „Oma“ in der Küche, mit ihrem ganz persönlichen Lieblingsgericht und ihrer eigenen tollen Geschichte.

Vier Frauen mittleren Alters sitzen nebeneinander an einem Tisch und freuen sich.

Copyright: Omagerichte

Mittlerweile kochen sieben Omas bei „Omagerichte“ in Köln. Hier auf dem Bild zu sehen sind: Oma Sabine, Oma Lida, Oma Laura und Oma Monika (von links nach rechts).

Während die „Enkel“ (so heißen hier die Kellner) das Essen auf die Tische bringen, mischt sich die jeweilige Oma unter die Gäste und erzählt Geschichten. Lacht und hört zu. An diesem Abend ist es Laura Zonka. Geboren 1959 in Chicago und seit 1985 in Köln. Eine echte „US-Kölnerin“, wie sie selbst sagt. Obwohl sie selbst keine Oma ist, also keine Enkelkinder hat, kocht sie hier das Rezept ihrer Großmutter aus den 1930er-Jahren: Chicago-Style Meatloaf mit überbackenen Ofenkartoffeln und Eisbergsalat. „Für mich ist das pures Comfort-Food“, sagt sie. „Das war immer da.“

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Kurz vor Beginn des Abends wirkt Laura leicht angespannt. „Es ist wie bei einer Dinnerparty. Man ist aufgeregt und nervös. Man fragt sich: Wird alles funktionieren? Gefällt es allen? Und die wichtigste Frage: Wird es allen schmecken?“ Ganz wichtig: Keine Oma steht hier den ganzen Abend alleine am Herd. Ein erfahrener Koch skaliert die Rezepte, sodass sie für alle Gäste reichen. Aber gekocht wird strikt nach Omas Anleitung – und unter ihrer Aufsicht.

Ein Hackbraten liegt aufgeschnitten auf einer weißen Porzellan-Servierplatte.

Copyright: Gillner

Oma Lauras bekannter Chicago-Style Meatloaf, ein Hackbraten nach dem Rezept ihrer eigenen Großmutter aus den USA.

All das begann mit einem Anruf im Sommer 2022, mitten in der Corona-Pandemie. „Mein guter Freund Jochen rief mich an und sagte: ‚Ich koche heute Abend Schnippelbohneneintopf, also ein richtiges Oma-Gericht. Möchtest du vorbeikommen?‘“, erinnert sich Geschäftsführer Axel Brinkmann. Er nahm die Einladung an und sagt heute rückblickend: „Es war eine verrückte Zeit. Man wusste nicht, mit wie vielen Leuten man sich offiziell treffen durfte. Ob man zu dritt oder zu fünft in den Supermarkt darf.“ An dem besagten Abend wurde gelacht, gekocht und natürlich lecker gegessen. Und plötzlich fiel der Satz: „Mensch, Oma-Gerichte... Daraus müsste man doch eigentlich mal einen Laden machen.“ Gesagt, getan. Noch am selben Abend sicherte sich Axel die Domain. Einen größeren Plan gab es da noch nicht.

Was als spontane Idee begann, wurde über zweieinhalb Jahre weitergedacht. „Wir haben uns wirklich viele Gedanken gemacht, bevor wir am 8. August 2025 eröffnet haben“, sagt er. Das Ziel war klar: „Wir wollten nicht einfach noch ein Restaurant eröffnen. Wir wollten einen Ort schaffen, der ein bestimmtes Gefühl vermittelt.“ Dieses Gefühl ist Nostalgie pur: „Du fühlst dich hier wirklich wie bei Oma zu Hause.“ Mitgründer Uwe Schlindwein beschreibt die Emotionen, die „Omagerichte“ auslösen, so: „Hier fühlt man sich, als würde man mit vielen Fremden auf der Hochzeit seines besten Freundes sitzen. Man kennt sich am Anfang des Abends nicht, aber trotzdem weiß man einfach, dass es coole Leute sind und man gemeinsam einen tollen Abend haben wird.“

Und dieser tolle Abend endet gegen 21.30 Uhr. „Wenn alle Leute beim Herausgehen unsere Oma umarmen, wissen wir, dass es ein guter Abend war“, sagt Axel. Und tatsächlich behält er Recht. Jeder Gast nimmt Oma Laura zum Abschied einmal fest in den Arm. Und geht mit einem wohligen Gefühl, einer Wärme im Bauch und einem Lächeln nach Hause. Wie nach einem Besuch bei Oma.

Warum Essen so viel mehr ist als Nahrungsaufnahme

„Großmutters Küche transportiert das Urvertrauen einer sicheren und behüteten Kindheit: umgeben von mehreren Generationen und familiären Geschichten“, erklärt uns Expertin Sabine Loch vom rheingold Institut, warum das Konzept funktioniert. Während früher selbstverständlich, gemeinsam gekocht und gegessen wurde, ist es für viele Familien heute längst keine tägliche Routine mehr. Heute wird immer weniger gemeinsam gegessen. Da immer mehr Menschen laut Statistischem Bundesamt allein leben (rund 20,6 Prozent in 2024), bedeutet das für viele: Essen wird zur Nebensache, der Teller wird auf dem Sofa beim Netflixschauen geleert.

Dabei wurde Essen historisch nie nur als reine Nahrungsaufnahme gesehen. In vielen Kulturen ist der Esstisch der zentrale Ort des Hauses, hier werden Neuigkeiten geteilt, Konflikte gelöst und Entscheidungen getroffen. „Der Esstisch ist traditionell ein Ort von Gemeinschaft und Zugehörigkeit“, so Sabine Loch. „Sich Mahlzeiten zu teilen, signalisiert Zugehörigkeit und gegenseitiges Vertrauen. Allein ohne mediale Teilhabe (TV gucken etc.) zu essen, ist für die meisten eine sehr traurige Vorstellung“, erklärt uns Sabine Loch. Studien zeigen gleichzeitig, dass gemeinsames Essen positive Effekte auf das soziale Miteinander, die Kommunikation und auf das psychische Wohlbefinden hat. Besonders Kinder profitieren davon, wenn regelmäßig gemeinsam gegessen wird: Sie entwickeln ein bewussteres Essverhalten, erleben familiären Austausch und lernen ganz nebenbei Kochtraditionen kennen. Genau das geht sonst verloren.

Unter anderem gehörten Schnitzel zum Angebot in der „Speisekammer“ (Symbolfoto).

Aus nach 18 Jahren

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