Monatelanges Warten, Praxen brechend voll: Kölns Psyche leidet. Jetzt wird den Therapeuten und Therapeutinnen auch noch das Geld gekürzt.
Kölns Seelen in NotTherapeuten-Kollaps droht – Praxen hoffnungslos überbucht

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Psychotherapeutin Nora Hallberg in ihrer Praxis in der Kölner Innenstadt.
Wer in Köln psychologische Hilfe braucht, kennt diese frustrierende Situation. Man wählt eine Nummer, doch statt einer helfenden Stimme ertönt nur der Anrufbeantworter. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir derzeit keine neuen Patientinnen und Patienten aufnehmen können“, lautet die ernüchternde Nachricht.
Für unzählige Menschen in Köln ist die Suche nach einem Therapieplatz längst eine zermürbende Routine. Eine Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Ab dem 1. April müssen die Therapeuten und Therapeutinnen mit weniger Geld auskommen.
Krankenkassen drehen den Geldhahn zu
„Die Praxen geraten unter wirtschaftlichen Druck“, erklärt die Psychotherapeutin Nora Hallberg aus Köln. Sie betreibt mit einem Partner eine Praxis auf der Mittelstraße im Herzen der Stadt. Ihre 26 Plätze für Einzeltherapien sind hoffnungslos überbucht. Jede Woche landen 30 bis 40 neue Hilferufe bei ihr.
Doch wer einen Platz ergattern will, braucht einen langen Atem: Die Wartezeit beträgt aktuell neun Monate. Ein Ausbau der Angebote wäre dringend nötig. Doch die beschlossene Kürzung sei ein herber Dämpfer, meint sie.
In Berlin fiel am 11. März eine folgenschwere Entscheidung. Der Erweiterte Bewertungsausschuss, besetzt mit Vertretern von Ärzteschaft, Kassen und neutralen Mitgliedern, drückte eine Kürzung der Psychotherapeuten-Honorare um 4,5 Prozent durch – gegen die Stimmen der Mediziner. Die Krankenkassen pochten auf Sparzwänge und forderten ursprünglich sogar eine Reduzierung um zehn Prozent. Ihre Begründung laut einer Mitteilung ihres Spitzenverbands: Die Therapeuten und Therapeutinnen hätten zuvor übermäßig gut verdient.
Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) kontert diesen Vorwurf heftig. „Die Honorarkürzung zulasten der psychotherapeutischen Versorgung ist absolut inakzeptabel“, teilt die Kammer auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit. Weiter heißt es: „Hier wird zulasten der psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten gespart, die sich am wenigsten dagegen wehren können.“
Die Bezahlung der Therapeuten sei ohnehin schon deutlich geringer als bei anderen Fachärzten. Vor einem Jahrzehnt lagen die Einkünfte sogar unter der gesetzlichen Mindestgrenze. Das Bundessozialgericht musste einschreiten und festlegen, dass ihr Verdienst sich an dem von Fachärzten im unteren Lohnsegment orientieren müsse. In der Praxis bekommen sie aber nur rund die Hälfte der Honorare von Hausärzten.
Auch die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPTV) ist empört: „Wir sind bei vergleichbarem Zeiteinsatz schon immer die am schlechtesten verdienende Arztgruppe.“ Der Verband wirft den Kassen vor, das vom Gericht festgelegte Mindesthonorar einfach zu einer Obergrenze umzufunktionieren. Ein weiterer Haken: Die Mindestbezahlung für das Jahr 2026 soll sich an den niedrigeren Einnahmen von Vergleichsärzten aus 2024 orientieren – ein klarer Nachteil für die Therapeuten.
Hohe Kosten, wenig Anreiz: Wer will noch Therapeut oder Therapeutin werden?
Die Kölner Therapeutin Hallberg listet die Belastungen auf, die Praxen schultern müssen: Inflation, explodierende Mieten und die Löhne für das Personal. „Ich kann nicht zu meinen Angestellten sagen: Du bekommst jetzt 4,5 Prozent weniger.“ Und dann kommt der Hammer: Um in Köln überhaupt eine Praxis aufmachen zu dürfen, müssen Therapeuten eine hohe fünfstellige Summe für die Zulassung hinblättern. Obendrauf kommen die immensen Ausbildungskosten von über 50.000 Euro für Kurse, Lehrtherapie und Supervision.
„Irgendwann ist das nicht mehr attraktiv“, warnt Hallberg. Viele ihrer Kollegen überlegten sich zweimal, ob sie unter diesen Umständen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen oder den Beruf überhaupt ergreifen sollen. Es fehle schlicht an Sicherheit für die Zukunftsplanung. Die BPTK fürchtet eine Abwanderung: Therapeuten könnten sich auf den Coaching-Markt verlagern oder bevorzugt zahlungskräftige Privatpatienten annehmen. Das Angebot für gesetzlich Versicherte würde schrumpfen – und die normalen Patienten wären die Leidtragenden.
Dabei schreit der Bedarf nach mehr, nicht weniger Hilfe. Eine DAK-Studie aus dem Jahr 2024 belegt: Noch nie fehlten so viele Arbeitnehmer in NRW wegen seelischer Leiden. Es entfielen 337 Fehltage auf 100 Versicherte. Die Ausfallzeiten aufgrund dieser Leiden überstiegen das Niveau von vor einem Jahrzehnt um 43 Prozent. Besonders alarmierend: Immer jüngere Menschen sind betroffen. „Gerade unter Kindern und Jugendlichen haben psychische Probleme spätestens seit der Corona-Pandemie zugenommen“, stellt die DPTV fest. Auch wenn es keine exakten Zahlen für Köln gibt, ist von einer ähnlichen Entwicklung in der Domstadt auszugehen.
Die BPTK will das nicht hinnehmen und kündigt Widerstand an. Der Verband hat das Bundesgesundheitsministerium aufgefordert, den Beschluss zu kassieren. Eine juristische Stellungnahme wurde zusammen mit anderen Verbänden an Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) übermittelt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die DPTV gehen sogar noch einen Schritt weiter und bereiten Klagen vor. „Wir werden uns gegen die massive Benachteiligung der Psychotherapeuten und ihrer Patientinnen und Patienten wehren“, macht KBV-Chef Andreas Gassen deutlich. (red)
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