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Prozessauftakt in KölnTeenie als Auftragsmörder? Anwalt hat andere Meinung

Dezember 2025: In diesem Auto wurde ein 36-Jähriger in Dellbrück zum Opfer eines Attentats.

Copyright: Sascha Thelen/dpa

Dezember 2025: In diesem Auto wurde ein 36-Jähriger in Dellbrück zum Opfer eines Attentats.

Ein 18-jähriger Schwede muss sich seit Mittwoch vor dem Kölner Landgericht verantworten. Hinter verschlossenen Türen.

„Nicht öffentlich“ leuchtete an Saal 27 des Kölner Justizgebäudes – es ist ein tagtäglicher Vorgang für Prozesse, in denen Minderjährige beschuldigt sind und die zum Schutz der jungen Menschen komplett hinter verschlossenen Türen stattfinden. Geht es bei diesen Verhandlungen aber meist um jugendtypische Taten wie Ladendiebstähle, „Abziehen“ oder Schlägereien, saß am Mittwoch ein ganz anderes Kaliber auf der Anklagebank. Dem Schweden Justin R. (Name geändert) wird vorgeworfen, sich zu einem Auftragsmord in Köln bereiterklärt zu haben. Zielperson: Ein Rocker der „Hells Angels“.

Köln: Teenie soll als Auftragsmörder rekrutiert worden sein

Laut Anklageschrift von Staatsanwältin Sabrina Heimers wurde der damals 17-jährige Justin R. im September 2025 vom Betreiber eines kriminellen Netzwerks mit Spezialgebiet „Crime as a Service“ („Verbrechen auf Bestellung“) rekrutiert, er soll den Auftrag zur Tötung des Kölners Orhan A. (36) erhalten haben. Dazu habe er sich gegen Bezahlung bereiterklärt. Drei Hintermänner aus der Türkei sollen das Netzwerk kontaktiert haben, die den Kölner offenbar aus dem Weg räumen wollten. Das Motiv dazu taucht in der Anklage allerdings nicht auf. Im Raum stehen Streitigkeiten im Rockermilieu.

Kurz darauf ging die Tür zu: In Saal 27 wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Copyright: Hendrik Pusch

Kurz darauf ging die Tür zu: In Saal 27 wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Der junge Schwede soll nach der Auftragserteilung nach Deutschland gereist sein. Hier sollen ihm eine Wohnung und eine Schusswaffe bereitgestellt worden sein, dazu eine Maske aus Silikon. Auch ein Foto von Orhan A. und ein möglicher Aufenthaltsort wurden laut Anklage übermittelt. Bei zwei Gelegenheiten soll Justin R. mit geladener Pistole zu der ihm genannten Anschrift gefahren sein, die „Zielperson“ jedoch nicht angetroffen haben. Zu einem weiteren Aufsuchen sei es nicht mehr gekommen, nachdem schwedische Ermittler involviert waren und die deutsche Polizei informierten.

Der 17-Jährige wurde Mitte Oktober in der angemieteten Wohnung in Köln verhaftet, hier sollen die Schusswaffe und die Munition sichergestellt worden sein. Die Kölner Staatsanwaltschaft hatte die Festnahme und Ermittlungen gegen den Jugendlichen zunächst nicht öffentlich kommuniziert. Erst zwei Monate später informierte die Behörde nach Presseanfragen. Justin R. wurde im Februar in Untersuchungshaft sitzend volljährig. Für die Maßnahmen beim Prozess zählt aber allein das Alter zum Tatzeitpunkt. Daher blieb es am Mittwoch im Landgericht beim Ausschluss der Öffentlichkeit.

Köln: Nach Verhaftung tauchte ein neuer Attentäter auf

Dem Angeklagten drohen nach Jugendstrafrecht immerhin bis zu zehn Jahre Gefängnis. Sein Verteidiger Fin Keith Habermann sagte aber am Rande des Prozesses: „Der Vorwurf, mein Mandant habe sich zu einem Mord bereiterklärt, wird bestritten.“ Die Kammer des Vorsitzenden Richters Ansgar Meimberg muss nun also in einem strittigen Verfahren feststellen, welche Rolle Justin R. wirklich in dem Geschehen spielte und ob die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zutreffen. Es sind noch fünf Verhandlungstage vorgesehen. Ein Urteil will das Schwurgericht frühestens am 24. Juni fällen.

Orhan A. mit seinem Anwalt Sebastian Schölzel bei einem Prozess im Jahr 2019.

Copyright: Hendrik Pusch

Orhan A. mit seinem Anwalt Sebastian Schölzel bei einem Prozess im Jahr 2019.

Mit der Verhaftung von Justin R. war der Fall für „Zielperson“ Orhan A., der am Freitag als Zeuge aussagen soll, allerdings noch lange nicht vorbei. Kurz vor Weihnachten 2025 wurde der 36-Jährige tatsächlich zum Opfer eines Mordanschlags. Ein Attentäter trat in Dellbrück an das Auto des Rockers heran, als dieser gerade mit dem Handy telefonierte. Der Täter gab mehrere Schüsse ab und flüchtete. Die Frontscheibe des Autos wurde durchsiebt, die Kugeln trafen den Rocker an Kopf, Hals und Brust. Wie durch ein Wunder überlebte Orhan A. das Attentat. Er lag wochenlang im Koma.

Köln: Attentatsopfer berichtet von seinen Verletzungen

„Eine Patrone steckt noch in meinem Hinterkopf, die darf nicht entfernt werden, weil da mehr Schaden verursacht werden könnte“, hatte Orhan A. jüngst in einem anderen Verfahren vor dem Landgericht berichtet. Seit dem Attentat leide er unter Erinnerungslücken. Arbeiten könne er derzeit nicht, er habe seinen Autohandel aufgegeben. Angesprochen auf eine Mitgliedschaft bei den Hells Angels, sagte Orhan A., dass diese beendet sei: „Ich habe vor einem Monat meine Kutte abgegeben.“ Ob dabei womöglich die Geschehnisse um das Attentat eine Rolle spielten, dazu äußerte er sich nicht.

Als mutmaßlichen Attentäter ausgemacht hat die Staatsanwaltschaft einen 28-jährigen Syrer, der zuletzt im schwedischen Oxie bei Malmö lebte. Der Mann wurde im Februar in Schweden verhaftet und vor rund einem Monat nach Deutschland ausgeliefert. Nach polizeilichen Ermittlungen sollte der 28-Jährige als Auftragstäter den Kölner erschießen und dafür mehrere tausend Euro erhalten. Die Staatsanwaltschaft bereitet derzeit die Anklage gegen den Mann vor. Gegen den Erwachsenen würde öffentlich verhandelt – so könnten dann endlich alle Details zu der Auftragstat offenbart werden.

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