Ein erster Prozess um die Attentatspläne auf den früheren Rocker startet am Landgericht. Ein 18-jähriger Schwede ist angeklagt.
Attentat-Opfer aus Köln spricht„Eine Patrone steckt noch in meinem Kopf“

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Dezember 2025: In diesem Auto wurde Orhan A. (36) in Dellbrück zum Opfer eines Attentats.
Wenn Schwerkriminelle sich die Finger nicht schmutzig machen wollen, dann greifen sie immer öfter zu einer Methode, die Ermittler „Crime as a Service“ („Verbrechen auf Bestellung“) nennen. Wie im Fall des Rockers Orhan A. (36), der im November in Dellbrück zum Opfer eines Attentats wurde. Mehrfach wurde auf den im Auto sitzenden Mann geschossen, wie durch ein Wunder überlebte er. Der mutmaßliche Attentäter, ein 28-jähriger Schwede, soll hierbei als „Ersatzmann“ fungiert haben. Zuvor wurde laut Anklage bereits ein 17-Jähriger nach Köln geschickt – aber rechtzeitig gestoppt.
Köln: Jugendlicher aus Schweden auf der Anklagebank
Am Mittwoch muss sich zunächst der Teenager vor dem Kölner Landgericht verantworten. Obwohl der Beschuldigte im Februar seinen 18. Geburtstag gefeiert hat und ab diesem Alter grundsätzlich öffentlich verhandelt wird, sind Zuschauer und Presse von der Verhandlung ausgeschlossen. So sieht es das Jugendgerichtsgesetz vor – denn zum Tatzeitpunkt war der junge Mann noch minderjährig. Vorgeworfen wird dem ebenfalls aus Schweden stammenden Angeklagten, sich zu einem Mord bereiterklärt zu haben. Auch wird ihm ein zweifacher Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt.
Zwei Männer aus der Türkei sollen den Auftrag zur Tötung des damaligen Hells-Angels-Rockers Orhan A. gegeben haben – bei einer schwedischen „Agentur“, die sich gegen Bezahlung auf das Rekrutieren von Personen zur Begehung von Tötungsdelikten oder Sprengstoffanschlägen im In- und Ausland spezialisiert haben soll. Der Boss des Netzwerks soll den 17-jährigen Beschuldigten laut Anklage der Kölner Staatsanwaltschaft Ende September 2025 engagiert haben – und der Teenager soll sich bereiterklärt haben, für eine Geldzahlung nach Köln zu reisen und Orhan A. zu erschießen.

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Orhan A. mit seinem Anwalt Sebastian Schölzel beim Prozess um die Schießerwei in der Innenstadt im Jahr 2019.
In Deutschland sei dem Teenager eine Wohnung und eine Schusswaffe zur Verfügung gestellt worden. Auch wurden ihm laut Anklage ein Foto von Orhan A. und dessen möglicher Aufenthaltsort übermittelt. Bei zwei Gelegenheiten soll sich der Angeklagte mit geladener Pistole zur ihm genannten Anschrift begeben, die „Zielperson“ aber nicht angetroffen haben. Zu einem weiteren Aufsuchen soll es nicht gekommen sein, nachdem schwedische Ermittler Wind von der Sache bekamen und die deutschen Kollegen alarmiert hatten. Das führte schließlich zur Verhaftung des 17-Jährigen in Köln.
Köln: „Ersatzmann“ führte Attentat in Dellbrück aus
Während der Jugendliche in Untersuchungshaft auf seine Anklage wartete, ereignete sich im vergangenen Dezember tatsächlich ein Attentat auf Orhan A. Diesmal soll ein 28-jähriger Schwede nach Köln gereist sein und den Rocker in Dellbrück überrascht haben. Der Attentäter trat an das Auto von Orhan A. heran, als dieser gerade telefonierte. Er gab mehrere Schüsse ab und flüchtete. Die Frontscheibe des Autos wurde durchsiebt, die Kugeln trafen den Rocker an Kopf, Hals und Brust. A. überlebte nach wochenlangem Koma. Der Tatverdächtige wurde im Februar in Schweden verhaftet.
Am Montag musste Orhan A. in anderer Sache als Zeuge vor dem Landgericht erscheinen – bereits zum zweiten Mal, nachdem die Vorsitzende Richterin zunächst wegen fehlender Akteneinsicht des Angeklagten zunächst von einer Vernehmung abgesehen hatte. Zeugenbeistand Sebastian Schölzel kritisierte das mit Verweis auf die anhaltenden Beschwerden seines Mandanten. Orhan A. berichtete von drei Schüssen am Kopf, zwei am Hals und zwei am Oberkörper: „Eine Patrone steckt noch in meinem Hinterkopf, die darf nicht entfernt werden, weil da mehr Schaden verursacht werden könnte“.
Köln: Attentatsopfer als Zeuge in anderem Prozess
Seit dem Attentat leide er unter Erinnerungslücken, berichtete Orhan A. weiter. Arbeiten könne er derzeit nicht, seinen Autohandel habe er aufgegeben. Zu den möglichen Hintergründen des versuchten Auftragsmordes wurde der Zeuge nicht befragt, da sie am Montag nicht Thema waren. Auch die Anklage gegen den 17-jährigen Schweden spricht von ungeklärten Motiven. Im Raum stehen mögliche Konflikte im Rockermilieu. Angesprochen auf eine Mitgliedschaft bei den Hells Angels, sagte Orhan A., dass diese mittlerweile beendet sei, „ich habe vor einem Monat meine Kutte abgegeben“.
Thematisiert wurden am Montag im Landgericht – der Prozess richtete sich gegen den früheren Bandidos-Boss Aykut Ö. – zwei andere Vorfälle mit Schussabgaben, in die Orhan A. und seine Familie verwickelt waren. So hatte der heute 36-Jährige sich im Januar 2019 in der Kölner Innenstadt eine Schießerei mit Aykut Ö. geliefert. „Da habe ich nur einen Warnschuss abgegeben“, sagte A. dazu. Später am Tag wurde auf das Lokal seiner Mutter in Buchheim geschossen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Ö. der Auftraggeber war und fordert aktuell die Sicherungsverwahrung.
