Mehr als 450 Parkplätze sollen in der Kölner Innenstadt wegfallen. Es geht um die Breite der Straßen und die Rettungswege. Im Griechenmarktviertel sind 72 Parkplätze betroffen – Anwohner Christof Preiß hat mit Nachbarn nachgemessen.
Parkplatz-Kahlschlag in KölnAnwohner misst nach – und kann es kaum glauben

Copyright: privat
Mit Maßband, Kamera und Notizblock zogen Christof Preiß (l.) und Andreas Benez am 12. April 2026 – einen Tag vor dem angekündigten Rückbau – durch die betroffenen Straßen durchs Griechenmarktveedel.

Aktualisiert:
Seit Monaten sorgt das Thema für Diskussionen und Frust bei den Anwohnern! Im Kölner Stadtbezirk Innenstadt werden insgesamt 453 Parkplätze gestrichen – allein 72 davon im Griechenmarktviertel.
Die Anwohner wurden per Flugblatt im Hausflur am 27. März 2026 mit einer Vorlaufzeit von gerade mal zwei Wochen über den Beginn der Maßnahme in Kenntnis gesetzt. In einer Pressemitteilung hatte die Stadt bereits am 23. Februar online über die Maßnahme informiert. Die Umsetzung läuft mittlerweile auf Hochtouren, erste Rückbauarbeiten haben begonnen.
Im Griechenmarktviertel fallen 72 Parkplätze weg
Anwohner Christof Preiß (42) war skeptisch und hat zusammen mit seinen Nachbarn Andreas Benez (53) und Nadine Krachten (50) die Begründung der Stadt sofort überprüft und nachgemessen – sie kommen zu einem vernichtenden Ergebnis: Die Zahlen stimmen nicht, und alternative Maßnahmen wurden offensichtlich nicht überprüft oder gar in Erwägung gezogen.
Im Veedel sind laut Flugblatt folgende sieben Straßen betroffen: Am Rinkenpfuhl (13 Parkplätze), Große Telegraphenstraße (20 Parkplätze), Friedrichstraße (sieben Parkplätze), Frankstraße (14 Parkplätze), Huhnsgasse (sieben Parkplätze), Schartgasse (vier Parkplätze) und Alte Mauer am Bach (sieben Parkplätze).
Begründung der Stadt: Eine zwingend notwendige Mindestfahrbahnbreite von 3,05 Metern sei wegen der parkenden Autos nicht mehr gewährleistet, Rettungsfahrzeuge kämen im Notfall nicht mehr durch. Laut Straßenverkehrs-Ordnung (§ 12 Abs. 1 Nr. 1 StVO) ist das Halten, und infolgedessen auch das Parken, an „engen und unübersichtlichen Straßenstellen“ verboten.
„Die Stadt muss dort eingreifen, wo sie aufgrund von Markierungen oder Schildern suggeriert, es dürfe geparkt werden, obwohl die Restfahrbahnbreite nicht ausreichend ist. Aus diesem Grund wird die Parkregelung im Griechenmarktviertel angepasst. Die Umsetzung von baulichen Maßnahmen zur Anpassung der Fahrbahn- und Gehwegbreiten ginge zulasten der Fußgänger“, erklärt ein Sprecher der Stadt auf EXPRESS.de-Nachfrage.

Copyright: privat
Das Bild zeigt die jahrelang gültige Parkplatzsituation in der Großen Telegraphenstraße. Die Parkplätze sollen nun entfallen, obwohl die Durchfahrt auch für große Fahrzeuge möglich ist.
Ob die Rechtsprechung allerdings so eindeutig ist, stellt Preiß in Frage. Mit seiner Erfahrung als Planungsingenieur weiß er: „Richtlinien, Regelwerke und Rechtsprechungen werden häufig fehlinterpretiert.“
Die 3,05-Meter-Regel sei rechtlich nämlich längst nicht so wasserdicht, wie die Stadt Köln es darstellt. „Ich habe recherchiert und festgestellt, dass die Rechtslage in Deutschland bezüglich ‚enger und unübersichtlicher Straßen‘ und der angeblich notwendigen 3,05 Meter Mindestfahrbahnbreite eben nicht eindeutig ist“, sagt er im Gespräch mit EXPRESS.de.
Dass die betroffenen Straßen im Griechenmarktviertel grundsätzlich passierbar seien, zeige ein simples Indiz: „Die großen Müllfahrzeuge der AWB kommen problemlos durch, oftmals auch Reisebusse, mit welchen Gäste zu Veranstaltungen in die Wolkenburg anreisen“, so Preiß.
Ausreichend Platz, selbst wenn Autos parken
Das Ergebnis ihrer akribischen Vor-Ort-Begehung: In den meisten Fällen sei die Mindestfahrbahnbreite von 3,05 Metern bei ordnungsgemäß abgestellten Fahrzeugen sehr wohl gegeben gewesen.
Nur in wenigen Fällen von sehr breiten oder nicht ordnungsgemäß abgestellten Fahrzeugen wurden die 3,05 Meter lediglich um zwei bis vier Zentimeter unterschritten. Im Vergleich zu zahlreichen Rechtsprechungen, in denen 3 Meter ausreichend sind, wäre aber auch dies weiterhin unkritisch.
In der Großen Telegraphenstraße etwa messen Preiß und Benez an den meisten Straßenstellen Fahrbahnbreiten von mehr als 5 Metern! Ausreichend Platz, selbst wenn Autos parken.
Laut Preiß beträgt in der Friedrichstraße zwischen den Hausnummern 55 und 63 die verbleibende Restfahrbahnbreite bei beidseitig geparkten Fahrzeugen teilweise 3,10 bis 3,30 Meter – also mehr als die vorgeschriebenen 3,05 Meter. Lediglich an einer einzigen Engstelle am Ende der Straße Richtung Hohenstaufenring werden 3,01 Meter gemessen. Dort hat die Stadt allerdings selbst eine Fahrbahnverengung mit Temposchwelle gebaut. Trotzdem sollen sieben Parkplätze weg.

Copyright: Petition Christof Preiß
Diese Darstellung stammt aus dem Begehungsprotokoll der Anwohner und dokumentiert das Problem auf der Friedrichstraße. Die Straße ist durchweg breit genug. Die einzige Engstelle wurde von der Stadt selbst gebaut.
Weiteres Erstaunen bot sich Preiß bei der Auswertung der Vor-Ort-Begehung. Die Stadt gibt laut Flugblatt an, dass 72 Parkplätze im Griechenmarktviertel entfallen. Preiß kommt nach seiner Zählung der tatsächlich in den Parkzonen abgestellten Fahrzeuge auf mindestens 92! Noch pikanter: Er vermutet, dass in der gesamten Innenstadt dadurch nicht 450, sondern eher 550 Parkplätze entfallen.
Das sagt die Stadt Köln zu der Messung
Damit konfrontiert, sagt ein Stadtsprecher: „Die Datengrundlage basiert auf Messungen, die vor Ort durchgeführt wurden. Es handelt sich dabei um Messungen der konkreten Fahrbahnbreite. Die Fahrbahnbreite wurde an mehreren Stellen innerhalb der Straßen gemessen.“
Eine Befahrung der Straßen durch die Feuerwehr zur Überprüfung habe nicht stattgefunden.
Für die Breite der parkenden Fahrzeuge sei gemäß den geltenden technischen Regelwerken eine Breite von zwei Metern angesetzt worden. Zur Bestimmung der Anzahl betroffener Stellplätze sei die gemäß Regelwerk vorgesehene Länge von sechs Metern angesetzt worden. Die Stadt hält also an der bisherigen Planung fest.
Für die Nachbarn ist klar: Die Stadt handelt dabei oftmals unverhältnismäßig. „Eine Verknappung der Parkplätze ist in vielen Fällen ungerechtfertigt und sorgt dafür, dass gerade in den Abendstunden zahlreiche Bewohner lange durch die Innenstadt fahren, um einen Parkplatz zu finden, am Ende aus Verzweiflung doch falsch parken und durch das vermehrte Um-den-Block-fahren auch noch mehr Abgase ausgestoßen werden“, sagt Preiß.
Dabei kritisieren die Nachbarn nicht nur, sondern haben auch konkrete Lösungen erarbeitet. Für die Straße „Alte Mauer am Bach“ etwa schlagen sie vor, die Parkzone auf die gegenüberliegende Straßenseite zu verlegen und das Parken mit zwei Rädern auf dem Bordstein zu erlauben, wie es bereits im Kartäuserwall umgesetzt wurde. Solche baulichen Maßnahmen sind von der Stadt derzeit nicht geplant.
Anwohner bieten Lösungen an
Das Ergebnis laut ihrer Berechnung: Statt sieben wegfallender Parkplätze könnten dort sogar bis zu zehn entstehen – drei mehr als zuvor! In der Großen Telegraphenstraße könnte der abgesenkte Bordstein mittels Markierung auf dem Boden der Fahrbahn zugeordnet werden. In allen Beispielen wäre die Mindestbreite der Gehwege weiterhin gegeben.
Auffällig ist auch, dass Gehwegbreiten gegenwärtig vor allem durch Poller, Parkscheinautomaten, Schilder, Laternen und abgestellte Fahrräder und E-Scooter weitaus kritischer eingeschränkt werden als durch Autos, die nur wenige Zentimeter auf dem Bordstein stehen würden.

Copyright: privat
Parkplätze in Köln fallen weg: Anwohner Christof Preiß (rechts, Planungsingenieur in der Baubranche) war skeptisch und hat zusammen mit seinen Nachbarn Andreas Benez und Nadine Krachten nachgemessen.
Bei einem Entfall der Parkplätze in breiten und langen Straßen, wie der Großen Telegraphenstraße, befürchten die Nachbarn zudem eine Zunahme von zu schnell fahrenden Fahrzeugen. „Sofern alle Parkplätze wegfallen, lädt die Straße zu erhöhter Geschwindigkeit ein – eine optische Breite von fast 9,50 m von Hauswand zu Hauswand und eine kerzengerade Straße ohne parkende Autos. Die Folgen sind erhöhter CO₂‑Ausstoß, Lärmbelästigung und erhöhte Unfallgefahr“, sagt Andreas Benez.
Preiß hat eine Petition gestartet – und der Zuspruch ist enorm! Bereits mehr als 1400 Menschen haben unter openpetition.org/!nvrwz nach wenigen Wochen unterschrieben, knapp 1200 davon aus dem Kölner Innenstadtbezirk.
Die Petition richtet sich bei Erfolg an Bezirksbürgermeisterin Julie Cazier und die weiteren 18 gewählten Vertreter und Vertreterinnen des Innenstadt-Bezirks und fordert unter anderem, dass die Stadt zunächst organisatorische und bauliche Alternativen prüft und umsetzt, bevor Parkplätze einfach gestrichen werden.
