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Offener Protest gegen Stadt-Pläne„Gelingt dann doch hier erst recht nicht“

An Balkonen hängen Bettlaken mit Aufschriften wie Kinder brauchen Schutz.

Anwohnende protestieren gegen das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben.

Aktualisiert

Eine heikle Standortfrage bewegt die Menschen im Pantaleonsviertel. Die Stadt will ein neues Suchthilfezentrum zwischen Perlengraben und Wilhelm-Hoßdorf-Straße einrichten und stößt dabei auf großen Widerstand der Anwohnerinnen und Anwohner. EXPRESS.de hat sich vor Ort umgesehen.

Aus mehreren Fenstern hängen Transparente. „Hilfe für Betroffene: Ja – Dieser Standort: Nein“ steht auf einem. „Hinterrücks“ sei es, wie die Stadt hier agiere, ruft der Anwohner herunter – alles sei längst geplant, ohne die Leute im Viertel frühzeitig zu informieren: „Das gesamte Veedel hier ist absolut ungeeignet. Vor allem, weil es rundherum mehrere Schulen gibt.“ Die fußläufig zwei Minuten entfernte Severinstraße sei außerdem jetzt schon ein Brennpunkt für Drogenkriminalität.

Am Standort, einer von Bäumen umsäumten Grünfläche, die der Stadt gehört, sollte eigentlich mittelfristig ein Spielplatz entstehen. Jetzt will sie dort noch in diesem Jahr – in Modul- oder Containerbau – ein Suchthilfezentrum (SHZ) errichten.

Anwohnerinnen und Anwohner sind auf dem Baum. Bei einer Anwohnerversammlung am Montagabend (12. Januar) mussten bis zu 200 Personen abgewiesen werden, weil die Aula bereits rappelvoll war. Für Dienstag (20. Januar) hat die Stadt zum Infoabend eingeladen. „Ich vermute, da wird es auch heiß hergehen“, so EXPRESS.de-Leserreporter Oliver P.

Durch das neue Suchthilfezentrum „soll die Situation an öffentlichen Plätzen, wie dem Neumarkt und den angrenzenden Wohngebieten, entlastet werden, da sich Menschen mit Drogenabhängigkeit im Suchthilfezentrum aufhalten und nicht mehr in der Öffentlichkeit konsumieren“, heißt es. 

An einem Zaun hängen Protest-Banner.

Der Protest ist überall sichtbar.

Die Sorge der Anwohner ist daher, dass sich künftig die dramatische, von schwerem Elend geprägte Wirklichkeit vom Neumarkt ins bislang ruhige Veedel verlagert. „Wenn Stadt und Behörden die Ordnung an einem so öffentlichen Platz wie dem Neumarkt nicht hinbekommen haben, dann gelingt das doch hier, wo abends gar nichts mehr los ist, erst recht nicht“, befürchtet Paul, ein langjähriger Anwohner der Wilhelm-Hoßdorf-Straße. Sein Schlafzimmerfenster blickt genau auf das geplante SHZ. Der Friseur hatte am Montag auch an der Anwohnerversammlung teilgenommen.

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Am 5. Februar entscheidet der Stadtrat über das erst im Dezember von Oberbürgermeister Torsten Burmester verkündete Perlengrabenprojekt – die großen Fraktionen wollen zustimmen. In der „ziemlich kurzen Zeitspanne“ sehen Anwohner wie Jannis (50), Vater von zwei Kindern (10 und 16), Kalkül. Im Viertel würden sich wegen der rasanten Entwicklung alle „etwas ohnmächtig“ fühlen. Die Gefahr sei, dass das Zentrum auch Dealer anziehe, die ganze Szene könne sich in den umliegenden Straßen ausbreiten: „Das Modell, das die Stadt etablieren will, ist nicht vertrauenerweckend. Man hat den Eindruck, es gilt die Devise: Hauptsache, die Szene kommt weg vom Neumarkt.“

Das Suchthilfezenzentrum ist ein ambitioniertes Vorhaben und soll unter einem Dach mehrere Angebote an die suchtkranken Menschen umfassen: Ein Drogenkonsumraumangebot „für inhalativen und intravenösen Konsum“ einen sogenannten Kontaktladen, ein Aufenthalts- und Ruheangebot, ein Angebot zur Grundversorgung und Überlebenssicherung (Versorgung mit Essen und Getränken, Toiletten und Duschen, Wäsche waschen, Kleiderkammer), ein Angebot zur Vermittlung und Beratung, medizinische Grundversorgung und ein Beschäftigungsangebot. Es soll auch einen Außenbereich mit Sichtschutz geben. Das Zentrum soll rund um die Uhr geöffnet sein und den Drogenkonsumraum am Neumarkt ersetzen, der geschlossen wird.