6

+++ EILMELDUNG +++ Großeinsatz in Köln Mehrere Schüsse gefallen – Fahndung läuft

+++ EILMELDUNG +++ Großeinsatz in Köln Mehrere Schüsse gefallen – Fahndung läuft

Ein Kölner Veedel sagt DankePfarrer Meurer geht – letzte Messe gelesen

Das soziale Gewissen Kölns sagt Adieu: Pfarrer Franz Meurer hielt nach 34 Jahren seine letzte Messe in Vingst.

Nach 34 Jahren ist es so weit: Franz Meurer geht in den Ruhestand. In Vingst nahm seine Gemeinde Abschied mit einem Gottesdienst, der genau wie er selbst war: einfach und direkt.

Elisabeth Horz fand die passenden Worte: „Du hast die Botschaft Jesu nicht nur gepredigt, sondern auf die Straße gebracht.“ Statt einer Predigt kamen bei der Abschiedsfeier für Franz Meurer engagierte Mitglieder der Gemeinde zu Wort.

Eine Frau steht am Ambo in einer Kirche. Hinter ihr sind der Chor, der Pfarrer und Messdiener zu sehen.

Copyright: Martina Goyert

Statt jeglicher Predigt: Elisabeth Horz berichtet, warum es ihr eine Freude ist, sich in ihrer Gemeinde zu engagieren. Später tun es ihr andere Gemeindemitglieder gleich.

„Wir wurden ernst genommen und wertgeschätzt“, sagte Horz. An anderen Orten der Kirche habe sie das anders erfahren, und ohne den Geistlichen hätte sie sich vermutlich schon lange von der Glaubensgemeinschaft abgewandt.

Der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Markus Willemsen, erzählte, wie er ursprünglich wegen seiner Kinder nach Vingst kam, obwohl er in Heumar wohnte. Eine seiner Töchter wollte dem Chor beitreten, die andere als Messdienerin aktiv werden.

Durch das Engagement der Kinder fand er selbst immer stärker in die Gemeindearbeit. Mit Blick auf die Zukunft nach Meurers 34-jähriger Aufbauleistung in Vingst erklärte Willemsen, dass es nun an der Gemeinde sei, verstärkt Verantwortung zu tragen.

Ein Mann steht am Ambo im Altarraum einer Kirche, auf Sesseln im Vordergrund sitzen zwei Herren, einer trägt die Albe, das Messgewand des Priesters.

Copyright: Martina Goyert

Während Jürgen Becker lobende Worte spricht, tuscheln Martin Stankowski und Franz Meurer.

Ein älterer Herr, extra aus Pulheim gekommen, der Meurer noch als Kaplan kannte, erinnerte sich, dass früher kaum jemand nach Vingst wollte. Gisela Edel fühlt sich dem Geistlichen ebenfalls seit langer Zeit verbunden. „Über einen Freund habe ich von seinen guten Projekten erfahren. Wir waren dann so eine Clique aus Leuten in Müngersdorf und Braunsfeld, die dem Pfarrer regelmäßig Geld spendeten. Dafür bekamen wir dann zweimal im Jahr ein Buch geschickt“, erzählt die Nippeserin.

Sie war zudem immer beeindruckt, wie schlicht Meurer sein Gotteshaus eingerichtet hat. „Der Fußboden ist ganz einfacher Straßenbelag, die Bänke sind aus Sperrholz, die Betonwände schmucklos. Der Kreuzweg führt in dem Rundbau bis unters Dach. ‚Den sperrt er immer ab, wenn nicht gerade Kreuzwegmesse ist, damit keiner runterspuckt.‘“ Diese Anekdote habe ihr Franz Meurer persönlich mitgeteilt.

Vollbesetzte Kirchenbänke sind zu sehen. Zwei Männer stehen inmitten der Menge.

Copyright: Martina Goyert

Jochen Ott und Torsten Burmester erweisen Franz Meurer bei seiner Abschiedsmesse ihren Respekt.

In der Reihe davor saßen Torsten Burmester und Jochen Ott. Kölns Oberbürgermeister sagte: „Für mich ist der Besuch heute einfach eine Anerkennung der Lebensleistung eines Menschen, welcher als das soziale Gewissen von Köln gilt.“

Der heutige SPD-Fraktionschef im Landtag, Jochen Ott, wirkte 2004 bei der Umsetzung des Konzepts zur Sozialraumkoordination in Vingst mit. Franz Meurer sei gewissermaßen der Vorreiter gewesen, der den Gedanken der Vernetzung in benachteiligten Stadtteilen realisiert habe. Außer den zwei SPD-Politikern waren auch andere Prominente aus Kultur und Politik bei der Feier anwesend, darunter Jürgen Becker und Martin Stankowski.

Ein Mann im weißen Messgewand sitzt mit einem Blumenstrauß auf dem Schoß in einem Sessel.

Copyright: Martina Goyert

Franz Meurer lauscht den Worten von Martin Stankowski, der nach der Messe spricht.

Franz Meurer, der eigentlich keine auswärtigen Redner oder Konzelebranten bei seinem Gottesdienst wünschte und sich selbst mit Worten zurückhielt, machte für die zwei Kabarettisten eine Ausnahme.

Nach dem Gottesdienst durften sie sprechen und singen. Stankowski, von dem Meurer die alternative Ehrenbürgerwürde erhielt, würdigte ihn besonders für die Aufwertung der Schäl Sick. Durch das Wirken von Franz Meurer in Vingst und Höhenberg sei die rechte Rheinseite mit der linken gleichgestellt. „Und wenn das 87. Veedel Kreuzfeld heißt, dann heißt das 88. Höviland, ein Ortsschild gibt es ja schon.“

Drei Männer sitzen nebeneinander in Sesseln, hinter ihnen sind Altar, Ambo und der Kirchenchor zu sehen.

Copyright: Martina Goyert

Jürgen Becker und Martin Stankowski waren die einzigen Laudatoren, die Franz Meurer bei seiner Verabschiedung zuließ.

Stankowski betonte insbesondere Meurers „Zeitungsausschnittdienst“. „Das gab es früher als Pressedienst, ist aber längst ausgestorben.“ Doch Franz Meurer erstelle weiterhin regelmäßig eine sehr persönliche Presseschau, die er an seine Abonnenten verschickt. „Da finden sich dann Texte aus dem Pfarrbrief von St. Agnes genauso wie solche aus der taz“, erzählte Stankowski. Bei einer kurzen Umfrage in der Kirche meldeten sich prompt viele weitere Empfänger dieses Dienstes.

Pragmatiker, Fehlermacher, Brückenbauer

Er zitierte aus dem jüngsten Pfarrbrief, in dem Gemeindemitglieder gebeten wurden, ihren Seelsorger zu beschreiben: Als Pragmatiker, Fehlermacher und Brückenbauer wurde er bezeichnet. Eine Brücke schlug er nicht nur zu anderen Glaubensrichtungen, sondern auch im direkten Moment: Mitten während der Wandlung ertönte ein Handy-Klingelton. Statt zu schimpfen, wandte sich Meurer an den Störenfried und machte einen Witz. Jürgen Becker, der an Stankowskis Rede anknüpfte, sagte dazu: „Du machst das Theatrum Sacrum, den heiligen Raum, zu einer Bühne für alle.“

Messdiener, Pfarrer und ein Mann im pinken T-Shirt sitzen im Halbkreis.

Copyright: Martina Goyert

Ohne sein Team ist auch Franz Meuer nichts: Kirchenchor, Messdiener, Diakon und Gemeinderatsvorsitzender sind seine Entourage bei seiner Abschiedsmesse.

Meurer würde sicher keine Trauerfeier im Dom wollen, so wie einst Milly Millowitsch. „Zwölf Euro Eintritt sind dir viel zu viel.“ Becker, der Anfang der 1990er-Jahre zum ersten Mal von Meurer erfuhr, erinnerte an dessen damalige Forderung: „Wir brauchen in Vingst mehr Glühbirnen als auf der Schildergasse.“ Dies sei eine Anspielung auf ein bevorzugtes Zitat von Meurer, das von der Dichterin Hilde Domin stammt: „Wir essen das Brot, aber wir leben vom Glanz.“

Kürzlich hatte Becker den Pfarrer als Zelebrant bei der Trauerfeier für Konrad Beikircher in Bonn erlebt. „Ich habe noch nie eine so schöne Beerdigung erlebt.“ Der Gottesdienst schloss mit einem Lied, einem Geschenk des Kabarettisten. Der Kehrvers traf die Gefühle aller Anwesenden: „Franz, du kannst doch nicht einfach so in Rente gehen. Du hast noch so viel gute Zeit.“

Sein vielleicht größtes Erbe ist Höviland, das durch Meurers unermüdliches Sammeln von Spenden zu Kölns bekanntestem, beinahe kostenfreiem Ferienprogramm wurde. Dieses Projekt wäre jedoch ohne den Einsatz unzähliger Helfer bei „HöVi“ undenkbar. Bereits im Sommer erhielt Meurer von seiner Gemeinde ein Präsent, das eine enge Verbindung zu diesem Ort hat: eine Sitzbank am zentralen Platz von HöVi-Land, versehen mit einer Plakette: „Jedes Kind ist mehr wert als alles Gold der Welt.“ (red)

Die Stadt Köln will die Flüchtlingsunterkunft am Südstadion schließen.
Ehemaliges Flüchtlingsheim
Köln schließt Unterkunft am Südstadion