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Schulstart mit AngstKölns Drogen-Hölle – Eltern schicken Brandbrief an Stadtspitze

Eine Person sitzt in einer U-Bahnhaltestelle auf dem Boden.

Copyright: Arton Krasniqi

An der U-Bahnhaltestelle Friesenplatz setzt sich ein Junkie eine Spritze (Archivfoto vom 29. Februar 2024). 

Eltern berichten, dass aggressive Crack-Abhängige den Kindern Furcht einflößen. Die KVB hat als Reaktion bereits intensivere Kontrollen für die ersten Schultage angekündigt.

Die Elternschaft von vier Schulen im Herzen der Stadt hat sich in einem dringenden Appell an Kölns Oberbürgermeister und den Stadtrat gewandt. Der Grund: Der Drogenkonsum, dem ihre Kinder auf dem Weg zum Unterricht ausgesetzt sind, sei „unerträglich“.

In dem Schreiben steht: „Täglich sind sie mit dem Anblick von Drogensüchtigen konfrontiert, die offen konsumieren, die schlafend in den Wegen liegen, die sichtbar und ungestört mit Drogen handeln.“ Verlangt wird eine zukunftsfähige Strategie mit eindeutigen Regelungen, um die Schulwege im Kölner Zentrum dauerhaft zu schützen.

Keine Antwort von der Stadt, aber KVB reagiert

Eine Antwort der Stadtverwaltung auf das Schreiben blieb am Freitag (28. August 2026) auf Anfrage aus. Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) hingegen kündigten umgehend Maßnahmen an: „Wir werden unsere Aktivitäten am Hansaring und am Friesenplatz noch einmal verstärken und haben bereits heute veranlasst, dass die Streifen ab Schulbeginn am Mittwoch kommender Woche in der Zeit von 7.30 bis 9 Uhr und zum Schulende am Mittag an diesen beiden Orten schwerpunktmäßig präsent sein und kontrollieren werden.“

Diese Regelung sei vorerst für 14 Tage gültig und unterliege eventuellen Einschränkungen, da ein erheblicher Teil des Sicherheitspersonals momentan durch andere Aufgaben im Zusammenhang mit Baumaßnahmen und Streckentrennungen gebunden ist.

In dem öffentlichen Schreiben prangern Eltern und die Vorsitzenden der Schulpflegschaften der Königin-Luise-Schule, der Realschule am Rhein, des Hansa-Gymnasiums und der Freinet-Schule an: „Auch hygienisch herrschen erhebliche Missstände, da die Wege an menschlichen Ausscheidungen wie Urin, Kot, Erbrochenem und Blut sowie an offen herumliegenden Konsumutensilien wie Alufolien vorbeiführen.“ Insbesondere Kinder, die mit den Bahnen der KVB zur Schule kommen, würden an den Haltestellen Friesenplatz und Hansaring zu jeder Uhrzeit auf Süchtige treffen.

Teilweise verliefen die Wege zur Schule durch Crack-Schwaden, zum Beispiel in den Aufzügen am Hansaring. Die Redaktion hatte bereits im Juni über einen Vater berichtet, der schilderte, wie er seinen Kinderwagen durch Drogenqualm schieben musste, um den Lift an der dortigen Haltestelle zu verwenden.

Einer der Initiatoren des Briefes ist Klaus Holtmann, der Vorsitzende der Schulpflegschaft der Königin-Luisen-Schule. Er sagt: „Viele Erwachsene wollen nicht einmal am Hansaring oder Friesenplatz aussteigen, die Kinder müssen da jeden Tag durch.“ Er möchte gezielt vor dem Beginn des neuen Schuljahres auf die Problematik aufmerksam machen: „Für neue Fünftklässler ist das die ersten Wochen richtig schlimm, sie sind ja erst zehn Jahre alt. Die Crack-Süchtigen sind laut und aggressiv, sie machen den Kindern Angst.“

Klaus Holtmann und Antje Krumm sind Initiatoren des offenen Briefs zur Drogenproblematik auf den Schulwegen in der Kölner Innenstadt.

Copyright: Holtmann/Krumm, Montage: KStA

Klaus Holtmann und Antje Krumm sind Initiatoren des offenen Briefs zur Drogenproblematik auf den Schulwegen in der Kölner Innenstadt.

Holtmann, Vater eines Sohnes in der siebten und einer Tochter in der zehnten Klasse eines Gymnasiums, sagt: „Die Kinder sollen in der Schule Regeln lernen, sich an Gesetze halten. Und direkt vor der Schule sehen sie, wie sich an keine Gesetze gehalten und das auch nicht sanktioniert wird.“ Er erkenne zwar an, dass Polizei und Ordnungsamt häufiger präsent seien als in der Vergangenheit, meint aber: „Wenn am Friesenplatz Polizei ist, werden die Süchtigen weggedrückt an den Hansaring.“

Lehrer als Begleitschutz für Fünftklässler

Seitdem die Königin-Luise-Schule in den Osterferien 2025 die Drogenszene im Umfeld ihrer Gebäude öffentlich thematisiert hat, hat sich die Situation nach Bewertung von Schulleiterin Ute Flink merklich verbessert. „Vielen Akteuren in der Stadt ist damals bewusst geworden, welche Auswirkungen das auf unseren Schulalltag hat“, erklärt sie. „Seitdem hat sich die Situation im direkten Bereich unserer zwei Gebäude deutlich gebessert.“ Regelmäßige Patrouillen von Polizei, Ordnungsamt und KVB hätten dazu beigetragen.

Das Problem ist aus der Perspektive der Schulleiterin jedoch keineswegs gelöst. In den zurückliegenden Osterferien gab es einen erneuten Rückschlag, der vermutlich mit der Verdrängung der Drogenszene vom Neumarkt in Verbindung steht. Daraufhin wurden die Bemühungen der Beteiligten wieder intensiviert – auch Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) hat sich dabei aktiv eingebracht. Zusätzlichen Handlungsbedarf sieht Flink insbesondere im Umfeld der KVB-Haltestelle Friesenplatz. Daher wird die Schule auch in diesem Jahr zum Schuljahresanfang besondere Unterstützung organisieren: „Aus diesem Grund werden auch in diesem Jahr in den ersten Schultagen Lehrkräfte der Schule die neuen Schülerinnen und Schüler der 5. Klassen auf dem Weg zwischen Haltestelle und Schule begleiten.“

Direkt neben der Station Hansaring befindet sich das Hansa-Gymnasium, welches die beiden Kinder von Antje Krumm besuchen. Sie hat den Brief ebenfalls mitunterzeichnet. Krumm sagt: „Wenn man die Kinder befragt, die auf eine der Innenstadt-Schulen gehen, haben sie alle erschütternde Geschichten zu erzählen: Dass sie unangenehm angesprochen und angebettelt werden und manchmal so überfordert sind, dass sie ihr ganzes Taschengeld hergeben.“

Sie berichtet: „Viele Eltern an meiner Schule sagen ihren Kindern möglichst bei jedem Wetter: Fahrt Fahrrad, geht zu Fuß, und lieber nicht in die Bahnstation. Das kann aber doch keine Lösung sein, in einer Stadt wie Köln, dass man die Kinder vom Bahnfahren abhalten will.“ Die Kinder kämen in die fünfte Klasse und seien sehr stolz darauf, ihren Schulweg selbstständig zu meistern und nun alleine mit der Bahn fahren zu dürfen. „Dann sind sie aber mit der Drogenszene konfrontiert und fühlen sich nicht mehr sicher. Es vermittelt ihnen ein komisches Gefühl, dass da keine Erwachsenen kommen und den Menschen helfen.“

Das sagen KVB und Stadt zur Lage

Die Eltern verlangten deshalb, den Zutritt zu den Bahnstationen auf Inhaber von Tickets zu begrenzen. Die KVB gab am Freitag bekannt: „Die Zahl der randständigen Personen, die sich in den Haltestellen der KVB aufhalten, hat sich in den vergangenen Jahren stetig erhöht.“ Deshalb existiere seit März 2025 die „kooperative Streife“ aus Kräften der Polizei, des Ordnungsamtes und von KVB-Mitarbeitern. „Um der sich zuspitzenden Situation Rechnung zu tragen“, würden seit Anfang 2026 auch die Sicherheits- und Servicemitarbeiter nach einem neuen Konzept arbeiten, wobei die Haltestellen Hansaring und Friesenplatz im Mittelpunkt stünden. Diese würden außerdem mindestens dreimal pro Tag gereinigt, manchmal sogar öfter.

Die Stadt Köln reagiert auf die immer offenere Drogenszene einerseits mit intensivierten Kontrollen im öffentlichen Raum. Die einzige bisher verfolgte Lösung ist ein geplantes Suchthilfezentrum am Perlengraben im Pantaleonsviertel. Das vom Rat verabschiedete Zentrum soll, wie bekannt wurde, erst im August 2027 seine Türen öffnen. Sowohl Initiativen, die das Zentrum befürworten, als auch jene, die es nicht im Pantaleonsviertel ansiedeln möchten, drängen auf eine schnellere Hilfe für suchtkranke Menschen im Zentrum. Eine Übergangslösung lehnt die Stadt bisher ab und verweist auf fehlende Räume, Finanzen und Personal.

Lösungsansätze für Eltern unzureichend

Dem Vater und Elternvertreter Klaus Holtmann geht das alles nicht schnell und nicht weit genug: „Die Situation ist nicht mehr haltbar. Keiner hat ein großes Konzept, auch ein künftiges Suchthilfezentrum löst das Grundproblem nicht, unter dem jetzt schon unsere Kinder leiden.“

Im offenen Brief nehmen die Eltern Bezug auf das Gesetz, welches den Konsum von Cannabis im öffentlichen Raum bei Spielplätzen, in Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie in deren Sichtweite untersagt. Ebenso dürfen im Umkreis von 350 Metern Luftlinie zu Schulen und Jugendeinrichtungen keine Spielhallen existieren. „Wenn Kinder und Jugendliche durch gesetzliche Regelungen vor Cannabis und Glücksspiel geschützt werden sollen, müssen Kinder erst recht davor geschützt werden, dass illegale harte Drogen wie Crack und Heroin im direkten Umfeld der Schulen konsumiert werden.“ Darunter fassen die Eltern auch Einrichtungen, „die zwangsläufig Anlaufstellen für die offene Drogenszene sind, wie etwa Arztpraxen, die substitutionsgestützte Behandlung von Opioidabhängigen durchführen (Methadonabgabestellen) sowie Suchthilfezentren mit Drogenkonsumräumen“.

Auch die IHK-Präsidentin Nicole Grünewald äußerte sich am Freitag angesichts der Crack-Szene in der Stadt: „Wir haben in der Kölner Innenstadt eine Lage, die ist nicht mehr hinnehmbar.“ Wenn Familien ihre Kinder nicht mehr ohne Bedenken zu den Schulen in der Innenstadt schicken könnten und wenn Händler am Morgen ihre eigenen Läden nicht mehr betreten könnten, weil diese von Suchtkranken blockiert werden, dann seien gleich mehrere rote Linien überschritten.

Köln könne es sich nicht erlauben, nur auf das neue Suchthilfezentrum am Neumarkt zu harren. Es benötige eine höhere Präsenz von Ordnungskräften am Neumarkt und am Friesenplatz, um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu festigen. „Wir brauchen schnelle Lösungen, das darf nun nicht Jahre dauern“, so die IHK-Präsidentin. Den Polizeichef nimmt sie von ihrer Kritik explizit aus. Johannes Hermanns leiste einen ausgezeichneten Job, aber Köln müsse entschlossener handeln, um die Verhältnisse zu ändern. Es gebe kein Grundrecht, auf öffentlichen Plätzen zu lagern. Die Stadt sei gefordert, kurzfristig und ressortübergreifend zu handeln. Wenn sich die Menschen tagsüber im Zentrum nicht mehr unbeschwert aufhalten können, wirke sich das negativ auf den gesamten Standort Köln aus. (red)

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