Galerist Heinz Holtmann Mietzoff: Kölner Rheinauhafen verliert eine Institution

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Heinz Holtmann in seiner Galerie am Rheinauhafen.

Köln – Wer dieser Tage die Galerie von Heinz Holtmann (81) im Rheinauhafen betrat, den traf die Pracht der Kunst womöglich mit aller Wucht. Denn die Museen sind pandemiebedingt geschlossen, Kunsterlebnisse fallen also in der Regel aus. Welche Folgen Corona für den Galeristen hat, Star- und Geldgeschichten: hier das Köln-Gespräch.

EXPRESS: Herr Holtmann, mit Ihnen verlässt ein etablierter Mieter den Rheinauhafen. Was ist eigentlich los?

Holtmann: Ja, die Nachricht hat schon bisschen eingeschlagen, muss ich ganz ehrlich sagen. Renate Baum, die Frau des ehemaligen Innenministers Gert Baum, kam letztens vorbei und meinte: Du kannst hier nicht einfach weggehen, du bist eine Institution, das musst du dir überlegen. Ich habe tatsächlich viel überlegt zu dem ganzen Thema – aber es hat sich nun so ergeben.

Sie sind jetzt seit 15 Jahren hier. Warum verlassen Sie den Rheinauhafen?

Wir hatten wegen des Lockdowns im März, April ja zumachen müssen, bis in den Mai rein. Gut, habe ich mir dann gesagt: Wenn wir hier nicht öffnen können, überweise ich weniger Miete. Es hat dann sofort Ärger gegeben. Ich kam mit dem Vermieter nicht auf einen Zweig. Ich habe dann gekündigt. Weil mir auch schon andere Sachen durch den Kopf gingen: Bin ich hier überhaupt richtig? Der Rheinauhafen ist schön zum Spazierengehen und zum Aufenthalt, aber die Geschäfte hier, bis auf wenige Ausnahmen, machen alle pleite. Da drüben wieder, da ist jetzt der vierte oder fünfte Mieter drin. Im Rheinauhafen hätte man sich von Anfang an eine bessere Struktur überlegen müssen. Hier hat man, bis auf wenige Gastronomien, die funktionieren, Muckibuden und Anwaltskanzleien.

Wie verhält sich die Rheinauhafen-Verwaltungsgesellschaft, die auch für Marketing und Image zuständig ist? 

Die macht uns eher Schwierigkeiten, als dass sie uns hilft. Weil ich mit meinem Wagen vor der Galerie vorfahren will – ich muss das ja können, mit Bildern von paar 100.000 Euro kann ich nicht durch die Gegend laufen – gab es ein Riesentheater. Ich habe jetzt eine Genehmigung, aber die beobachten mich auf Schritt und Tritt, dass ich nichts Privates mache. Das ist peinlich.

Sind Sie sich in ihrer Kritik mit der Bewohnerschaft und anderen Geschäftsleuten einig und gibt es Hoffnung, dass sich etwas ändert?

Nein, die Rheinauhafengesellschaft macht da nicht viel. Wir haben hier nach 15 Jahren immer noch keinen öffentlichen Briefkasten, auf zwei Kilometer Strecke. Das ist schon ein Witz. Hier wohnen und arbeiten fast 5000 Leute. Dann sind hier keine Toiletten, die Leute kommen hier rein und wollen auf Toilette gehen. Das mache ich in Coronazeiten natürlich überhaupt nicht, sonst bin ich da großzügig gewesen.

Sie wohnen auch hier im Rheinauhafen. Fühlen Sie sich da als Privilegierter?

Es ist schon sehr schön. Die Wohnungen sind wunderbar, ich habe hier ja auch eine großzügige Wohnung, ein Zehnmeterbalkon mit Blick auf den Rhein, das ist fantastisch. Dass das mal so begehrt wird, haben wir am Anfang, als wir das kauften, nicht einschätzen können, das war schon relativ teuer. Ich habe hier fast so viel bezahlen müssen wie für das Haus, was ich im Hahnwald hatte und verkauft habe. Das haben wir hier investiert in eine Wohnung. Deren Wert ist um das Dreifache gestiegen. 

Wie stark sind die Corona-Auswirkungen?

Es ist alles ziemlich heruntergegangen mit dem Umsatz, mit der Frequenz der Besucher. Ich habe bei der Beantragung der Hilfsanträge festgestellt: Ich hatte letztes Jahr ein sehr gutes Jahr, das zweitbeste, seit ich in Köln bin – jetzt ist der Umsatz bei mir um 70 Prozent zurückgegangen. Das ist schon ziemlich dramatisch.

Der Galerist bekommt eine Verkaufsprovision – was kann man darüber genauer sagen?

Oh ja, das Geheimnis der Galeristen (lacht). Also bei Bildern etwa liegt das zwischen 40 und 50 Prozent, weil der Aufwand, den wir treiben müssen, zum Beispiel mit den Messen – in meiner Hochzeit habe ich sechs Messen bedient pro Jahr und jede Messe kostet um die 50.000 Euro, das sind schon 300.000 Euro fürs Marketing - da machen sich die Leute nicht so ein Bild davon. Bei Skulpturen sind die Prozentsätze ganz anders. Das liegt insbesondere daran, dass die Herstellungskosten, zum Beispiel bei dieser Skulptur (zeigt auf eine Tony-Cragg-Skulptur im Raum), bereits 45.000 Euro betragen – und die müssen separat abgerechnet werden.

Wie geht es jetzt mit der Galerie weiter?

Ich habe jetzt erstmal für drei, vier Monate eine Interimsgalerie in der Eifel, das sind die ehemaligen Werkstätten der berühmten Galerie „Spiegel“ im Örtchen Schüller, die ich damals mit übernahm. Ich habe mich zudem dem Onlinemarketing zugewendet. Ich war erst skeptisch, bin aber jetzt ganz positiv überrascht über die ersten Ergebnisse. Ansonsten habe ich Pläne für die Kölner Innenstadt, an den Quellen, wo ich groß geworden bin. Ich werde zwar im Januar 82 Jahre alt. Aber A habe ich noch Spaß an der Galerietätigkeit und B habe ich auch eine gewisse Verpflichtung den jungen Künstlern gegenüber, die ich mit aufgebaut habe. 

Sie sind seit 40 Jahren in Köln – vergleichen Sie bitte mal.

Als ich herkam, war Köln die Hochburg der Kunst. Ich kann mich an eine ganze Seite in der „New York Times“ erinnern: „Läuft uns Köln den Rang ab?“ Es gab weit über 100 Galerien hier – heute ist es ein Bruchteil davon. Als Berlin Hauptstadt wurde, habe ich gedacht, da muss man hin. Ich habe ab Mitte der 90er Jahre in Berlin eine Dependance gehabt – aber die Sammler sitzen im Rheinland und nicht in Berlin. Das musste ich schmerzlich feststellen. Drei Jahre haben wir das gemacht. Dann habe ich gesagt: Nee, Konzentration auf Köln. Köln ist mit der wichtigste Standort.

Ein ganz besonderer Verkauf, den sie hatten?
Mein größter Verkauf war der Kölner Dom von Andy Warhol als Ölbild. Das war vor sieben, acht Jahren, den hat ein süddeutscher Großsammler gekauft. Den Preis kann ich eigentlich nicht nennen, aber: Er war im siebenstelligen Bereich. 

Ich vermute also Würth, der Schraubenkönig …

Reinhold Würth hat eines seiner ersten Bilder bei mir gekauft, vor etwa 35 Jahren. Ein Werk von Elvira Bach von den „Jungen Wilden“ aus Berlin, hier in Köln auf der Messe. Er war persönlich da, mit seinem Bürgermeister. Ich kannte ihn in der Szene nicht. Er sagte, ich habe meinen Bürgermeister mitgebracht, ich will da nämlich ein Museum bauen, in Künzelsau also. Dann kaufte er, allerdings hat er sehr stark gehandelt. Er war sich sehr bewusst, dass er ein potenter Sammler ist und eine Sammlung aufbaut.

Welcher Verkauf ist für sie unvergesslich, weil sich damit vielleicht eine tolle Anekdote verbindet?

Oh Gott (überlegt) … doch! Da war eine sehr schöne Sache. Ich hatte vom frühesten Altarbild von Niki de Saint Phalle (frz.-schweizerische Malerin, 2002, d. Red.) erfahren, eine ganz wichtige Arbeit, die zu verkaufen war. Ein Holländer hatte es bei mir gekauft und er lud uns ein, es bei ihm aufzustellen. Wir sind dann zu zwei Leuten dahin gefahren und der Transport natürlich. Und dazu hatte der Käufer einen Sternekoch eingeladen, der uns in seinem schönen Ambiente, in einem Haus bei Amsterdam, mitten in seiner Sammlung, bekocht hat. Es war genial.

Wie war ihre Beziehung zu Josef Beuys, zu dessen 100. Geburtstag 2021 Sie gerade eine vorgezogene Hommage präsentiert haben?

Man kann schon sagen, wir waren gut befreundet. Eines Abends in Goslar – Beuys sollte den Kaiserring der Stadt Goslar erhalten – haben wir ihn zum Italiener eingeladen. Um zehn Uhr sagte er dann plötzlich: Oh, ich habe morgen um 9 Uhr einen Vortrag bei den Grünen, ich muss ganz schnell nach Düsseldorf. Ich sagte ihm, dass jetzt kein Zug mehr fährt. Dann verschwand er, ich dachte zur Toilette. Er kam wieder und meinte: Ich habe gerade ein Taxi bestellt – für die 300 oder 400 Kilometer. Dann habe ich das Taxi abbestellt und gesagt: Du bist zu Gast hier, dann fahre ich dich nach Hause. Nachts um zwei an der Raststätte Rhynern wollten wir Kaffee trinken. Der Ober kam gleich mit einer Speisekarte. Beuys sagte: Nee, nee, essen wollen wir nicht. Da sagte der: Aber sie sind doch der Beuys – können sie die nicht signieren? Was Beuys dann gerne gemacht hat – mit einer kleinen Zeichnung.       

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