Der Kölner Sportwissenschaftler Prof. Ingo Froböse hat eine Petition gestartet, will Gesundheit im Grundgesetz verankert wissen. Und er hat schon prominente Erst-Unterzeichner.
Kölner Professor kämpft„Brauchen Grundrecht auf Gesundheit!“

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Der Kölner Sportwissenschaftler Prof. Ingo Froböse legt mit Co-Autor Stefan Sauerzapf im Buch den Finger in die Wunde der ungesunden Gesellschaft.

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Deutschland geht am Stock. Laut „Public Health Index 2025“ liegen wir auf Platz 17 von 18 untersuchten nord- und zentraleuropäischen Ländern. Auch in puncto Lebenserwartung (81,1 Jahre im Schnitt) stehen wir auf einem Abstiegsplatz. Nur bei den Ausgaben im Gesundheitssystem sind wir Europameister. Was muss sich ändern?
Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse (69; „Deutschland ist krank“; Ullstein, 22,99 Euro) fordert jetzt zusammen mit der mkk-Krankenkasse, ein Recht auf Gesundheit im Grundgesetz zu verankern und hat für eine Petition schon prominente Mitstreiter in Eckart von Hirschhausen und „Doc“ Heinz-Wilhelm Esser gefunden.
Darum geht es den Gesundheits-Experten
Erschreckende Zunahme an „Volkskrankheiten“
- Prof. Ingo Froböse sagt: „Wir sprechen gern von Volkskrankheiten, das klingt harmlos. Ist es aber nicht!“ Studien belegen: Täglich sterben knapp 1000 Menschen in Deutschland an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die man eigentlich vermeiden könnte. Weitere 375 sterben jeden Tag an Diabetes Typ 2 oder Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Nierenversagen. Zum Vergleich: Die Zahl der Verkehrstoten lag 2024 bei 2770. Bis zu 29 Millionen Menschen werden im Jahr 2040 unter Arthrose und Rückenschmerzen leiden. Auf der anderen Seite: Über 500 Milliarden Euro fließen jährlich ins deutsche Gesundheitssystem. 95 Prozent dieser Ausgaben werden für die Behandlung von Krankheiten verwendet. Für Prävention und Gesundheitsförderung bleiben gerade fünf Prozent. Der Sportwissenschaftler: „Dieses extreme Missverhältnis kann sich eine moderne Gesellschaft nicht länger leisten, doch hier wird immer noch darauf vertraut, dass wir schon repariert werden, wenn es irgendwo hakt, dass wir uns Gesundheit erkaufen können.“
Einige der größten Knackpunkte
- Ernährung: „Wir investieren unheimlich viel Geld in Operationen“, erklärt Froböse. „Auch ein Krankenhausbett kostet wahnsinnig viel Geld. Aber das Essen findet meistens auf einem sehr ungesunden Niveau in allen stationären Einrichtungen statt.“ Das sei ein grobes Versäumnis, dass Menschen in dieser Phase nicht optimal versorgt würden – und es behindere die Genesung. Das gelte nicht nur fürs Krankenhaus. „Eine meiner zentralen Forderungen ist die schnellstmögliche Einführung eines kostenfreien, ausgewogenen und hochwertigen Mittagessens an allen städtischen Kitas und Schulen“, so Froböse. Das sei ein entscheidender Schritt, um gesundheitliche Ungleichheit zu mildern. Fakt sei leider: Kinder konsumieren hierzulande doppelt so viele Süßes, Softdrinks und ungesunde Lebensmittel als von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen.
- Pflege: Alte Menschen, die teilnahmslos ins Leere starren, den ganzen Tag im Bett eines Pflegeheims liegen. Alltag in Deutschland. „Es kann kein Ziel sein, den nächst höheren Schweregrad zu erreichen, wie es hier oft der Fall ist. Der Pfleger muss zum Coach werden. Gemeinsames Ziel und Philosophie muss sein, jemanden herauszubringen aus der Pflege“, so der Gesundheitsexperte. „Da gibt es Beispiele in Deutschland, etwa Domino-Coaching in Berlin, die machen das herausragend, ohne dass mehr Geld in die Hand genommen werden muss.“
- Bewegungsmangel: Laut WHO sind wir Deutschen das Volk der Stubenhocker. Nur die Hälfte bewegt sich so viel, dass es der Gesundheit zuträglich wäre, belegen Studien. Und das betrifft schon Kinder. Prof. Froböse fordert deshalb, gesundes Leben in den Alltag zu integrieren.

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„Doc“ Heinz-Wilhelm Esser, bekannt durch Funk und Fernsehen, wird zu den Erstunterzeichnern der Petition gehören. Er schreibt im EXPRESS: „Gesundheit ist keine Luxusware – sie ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Wenn ein Mensch krank ist, eingeschränkt atmet, Schmerzen hat oder chronisch erschöpft ist, dann sind plötzlich viele Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen, nicht mehr möglich: arbeiten, sich bewegen, am sozialen Leben teilnehmen. Deshalb sollte Gesundheit ein Grundrecht für alle Menschen sein – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Bildung. Moderne Medizin kann heute unglaublich viel leisten, aber sie darf nicht nur denen zugutekommen, die es sich leisten können. Prävention, Diagnostik und Therapie müssen hierzulande einfach für jeden erreichbar sein. Und noch ein Punkt, den auch die Politik bedenken sollte: Gesundheit ist nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich relevant. Eine gesunde Bevölkerung bedeutet weniger Leid, aber auch mehr Leistungsfähigkeit, mehr Stabilität und letztlich auch geringere Kosten für das System. Oder anders gesagt: Eine Gesellschaft ist nur so stark wie die Gesundheit ihrer Menschen. Deshalb gehört sie in den Mittelpunkt – für alle. Und deshalb habe ich die Petition sofort unterzeichnet und hoffe, dass viele dem Aufruf von Ingo Froböse folgen werden.“
Das machen andere besser:
- Beispiel Skandinavien: Dort gibt es ein Fach, das heißt Friluftsliv, Freiluftleben. Und das sei verpflichtend für jede Schule in Skandinavien, dass mindestens einen Tag in der Woche der Unterricht komplett draußen stattfindet, Bewegung und Naturerlebnis in einem. Froböse sagt: „Auch wir brauchen unbedingt mehr Gesundheitskompetenz. Und zwar von kleinauf. Kinder und Jugendliche müssen wissen, was ist gut für mich, was ist für meinen Lebensstil wichtig? Gesundheitsbildung ist Lebensbildung, das muss dringend an Schulen gelehrt werden.“

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Einer der Erstunterzeichner der Petition ist Eckart von Hirschhausen. Seine Beweggründe erklärt er im EXPRESS: „Deutschland gibt 500 Milliarden pro Jahr für Gesundheit aus - und davon nur einen Bruchteil für Prävention. Als Arzt, Wissenschaftsjournalist für den WDR und Gründer der Stiftung Gesunde Erde-Gesunde Menschen möchte ich lieber in einem Land leben, in dem wir mehr für das Verhindern als für das Behandeln von Krankheiten ausgeben. Das ist möglich! Und die wichtigsten Schritte dahin fasst Ingo Froböse wunderbar zusammen.“ Deshalb bin ich dabei!
- Beispiel Niederlande: Wenn in den Niederlanden eine Operation ansteht, z. B. eine neue Hüfte, gibt es im Vorfeld präoperative Trainingseinheiten. „Ein wunderbarer Schlüssel dafür, dass Operationen effektiver werden, die Menschen gesünder aus der OP herauskommen und viel schneller wieder zu Hause sind“, konstatiert Froböse.
- Beispiel Großbritannien: Seit Erhöhung der Zuckersteuer hätten sich die Kosten deutlich reduziert für krankheitsbedingte Ausfälle und viele Briten freuen sich, dass sie ihre Speckpolster los sind.
Prof. Froböse: Das muss sich bei uns ändern
Der Staat müsse verstärkt in die Pflicht genommen werden, das System müsse den Erhalt und die Förderung von Gesundheit in den Mittelpunkt stellen. Froböse zum EXPRESS: „Gesundheit heißt humanes Denken, humanes Handeln. Und das fehlt mir komplett. Die Politik sollte alle Entscheidungen nicht nur unter finanziellen Maßgaben diskutieren. Warum prägt die Dauerdiskussion über den Erhalt von Krankenhäusern die Debatte, anstatt darüber nachzudenken, wie die Lebensverhältnisse hin zu einer gesünderen Umwelt, einer besseren Ernährung oder mehr Bewegungsangeboten für die Menschen verändert werden können?“
Hier geht es direkt zur Online-Petition.
Doch wer zahlt das alles? Auch darauf hat Froböse eine Antwort: Die wichtigste Lösung, um Kosten langfristig zu reduzieren, sei Prävention. Dazu gebe es einen neuen „Return of Investment“-Bericht von McKinsey. Demnach könnten fünf bis sieben Euro an Krankheitskosten durch nur einen investierten Präventions-Euro eingespart werden. „Außerdem hätten wir weniger Krankheitstage in den Unternehmen, eine viel stärkere Resilienz“, sagt Froböse. In seinem Buch „Deutschland ist krank“ listet er weitere Forderungen auf - zum Beispiel
- 1. Leicht zugängliche Beratungsstellen und Kursangebote zu Ernährung und Stressbewältigung, die gezielt in benachteiligten Stadtteilen ansetzen
- 2. Kostenlose Verpflegung in Bildungseinrichtungen
- 3. Anreize für Versicherte durch Boni
- 4. Verpflichtungen zu Gesundheitschecks
- 5. Aufbau einer Präventionsgruppe, finanziert durch Sozialversicherungsbeiträge, aber auch durch die Alkohol- und Tabaksteuer sowie eine höhere Besoldung von Zucker
- 6. Verbindliche Einführung von Nutriscores
- 7. Werbebeschränkungen einführen
- 8. Mehr attraktive Rad- und Fußwege, mehr kostenlose Sport- und Bewegungsparcours, mehr Grünflächen mit schattenspendenden Bäumen
Das weitere Prozedere stellt Ingo Froböse sich wie folgt vor: „Wir haben ein 80-seitiges Gutachten eingereicht, dass der Kölner Verfassungsrechtler Dr. Pagenkopf erstellt hat. Es gibt meiner Meinung nach keinen Grund, warum das Verfassungsgericht das Grundrecht auf Gesundheit, das es in vielen anderen Ländern gibt, verneinen könnte.“
Man brauche 30.000 Stimmen. Das sei die Grenze, die der Bund festgelegt habe, um eine Rückendeckung der Bevölkerung widerzuspiegeln. Die Petition könne nach erfolgter Freigabe unter www.ingo-froboese.de aufgerufen werden. Zu den Erstunterzeichnern werden übrigens auch bekannte Mediziner wie „Doc Esser“ und Eckhard von Hirschhausen gehören.
Das ist die Petition im Wortlaut
„Unsere Gesellschaft hat sich seit der Verabschiedung des Grundgesetzes grundlegend verändert. Sie ist sicherer und wohlhabender denn je, aber auch so alt und krank wie noch nie. Unsere Gesundheit wird nicht mehr von Mangel oder Unterversorgung bedroht, sondern von Überfluss und Inaktivität. Ein explizites Grundrecht auf Gesundheit verpflichtet alle staatlichen Institutionen, aktiv Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben zu schaffen. Für alle Menschen – lebenslang. Prävention und gesundheitsfördernde Maßnahmen würden damit nicht länger als freiwillige Ergänzung betrachtet, sondern wären integraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Jede der 31 nationalen Verfassungen, die zwischen 2000 und 2017 angenommen wurde, beinhalten Gesundheitsrechte für alle Bürgerinnen und Bürger. Passen wir auch unser Grundgesetz den aktuellen Herausforderungen für ein gesundes Leben an!“

