Drohungen, Schüsse, Erpressungsversuche: Die Furcht grassiert auf der Kölner Keupstraße. Ladenbesitzer fühlen sich an die düsteren Tage des NSU-Terrors erinnert und bitten verzweifelt um Schutz.
Panik auf der KeupstraßeHändler in Angst: „Wir wollen wieder in Ruhe schlafen können“

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Auf das Geschäft eines Luxusuhren-Händlers in der Breite Straße wurden am 12. August 2026 mehrere Schüsse abgegeben.
Mülheim, in der Nacht zum 21. August. Es ist kurz vor 4 Uhr, als zwei junge Männer auf der Keupstraße auftauchen. Einer von ihnen richtet eine Waffe auf die Auslage eines Schmuckladens und feuert mehrmals. Sein Komplize zeichnet die Tat mit einem Smartphone auf. Danach flüchten sie. Ein Video einer privaten Sicherheitskamera dokumentiert den Vorfall. Glücklicherweise wurde in dieser Nacht niemand verletzt. Der materielle Verlust für den Ladeninhaber beläuft sich auf einige Tausend Euro. Das zerborstene Glas ist rasch ersetzt – doch die Furcht bleibt.
Diese Attacke auf den Juwelier ist kein Einzelfall. Eine ganze Welle von Schussabgaben erschüttert seit Ende Mai die Stadt Köln und ihr Umland, mit einem Höhepunkt im August. Am 3. August kam es zu einer Schießerei in Mülheim auf der Berliner Straße, bei der vier Personen verletzt wurden. Ein Geschäft für Uhren an der Breite Straße wurde wiederholt zum Ziel. In der Straße Am Kabellager traf eine Kugel am 24. August einen 41-jährigen Mann. Ende August wurde auf ein Lokal an der Bonner Straße geschossen. Die vorerst letzte Tat ereignete sich am 5. September, als Schüsse auf eine türkische Gaststätte an der Frankfurter Straße in Ostheim fielen. Ermittler untersuchen mögliche Querverbindungen zwischen dem Vorfall auf der Keupstraße und den anderen Taten. Bislang gibt es aber keine öffentlichen Informationen zu den Tätern oder ihren Beweggründen.
„Die Ungewissheit nimmt uns die Lebensfreude“
Wer als Nächstes von einer Drohung oder einem Angriff betroffen sein könnte, ist völlig unklar. Das glauben viele der über 100 Händler auf der Keupstraße, die zumeist türkische Wurzeln haben und mit uns geredet haben. Sie möchten aus Furcht vor Repressalien unerkannt bleiben. Einer fasst die Stimmung zusammen: „Die Ungewissheit ist so schlimm, dass sie uns die Lebensfreude nimmt. Ich wache nachts auf und habe Angst, dass meinen Mitarbeitern oder meiner Familie etwas zustoßen könnte“.
Selbst banale Situationen im Alltag werden zur Zerreißprobe: „Da fährt ein Fahrrad oder ein E-Scooter zu knapp an dir vorbei, und dann denkst du dir: Oh Gott, passiert jetzt was?“
Mehrere Whatsapp-Nachrichten sollen schon im Frühsommer für große Beunruhigung unter den Ladenbesitzern auf der Keupstraße gesorgt haben. Einem der etwa 30 Schmuckhändler wurde eine Forderung über einen sechsstelligen Betrag übermittelt – der Preis, um weiter in Sicherheit zu sein. Diese Mitteilungen von unbekannten Absendern sind den Behörden bekannt. „Zwei Wochen wurde die Straße intensiv überwacht“, schildert ein Händler.
Doch es blieb ruhig. Die Polizeipräsenz nahm wieder ab. Ende August krachten dann die Schüsse – allerdings bei einem anderen Juwelier, der laut unseren Informationen nicht der Erpresste war. Unter den Händlern keimt ein schrecklicher Verdacht: Ist die gesamte Straße das Ziel?
Steckt die „Gen-Z-Mafia“ dahinter?
Wer für die Schüsse verantwortlich ist, bleibt offiziell ein Rätsel. Doch die Ermittler verfolgen eine erste Spur: Das Landeskriminalamt spricht von der sogenannten „Gen-Z-Mafia“. Demnach handelt es sich dabei nicht um eine geschlossene Organisation, sondern um verschiedene lockere, manchmal rivalisierende Gruppen. Sie nennen sich „Daltons“, „Caspers“ oder „Schlümpfe“. Es sollen junge, teilweise sogar minderjährige Migranten sein, die über soziale Medien gegen Bezahlung rekrutiert werden. Die Händler auf der Keupstraße halten diese Gruppe für „unberechenbar“, da deren Mitglieder „gerne die Öffentlichkeit genießen“ und ihre Taten gezielt für die Kameras inszenieren.

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Polizei- und Rettungskräfte sind am 3. August 2026 in Mülheim im Einsatz, wo auf offener Straße mehrere Schüsse abgegeben wurden.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Gruppierungen es vor allem auf Unternehmer mit türkischen Wurzeln abgesehen haben. Die Masche: Zuerst wird Geld verlangt, und wenn nicht gezahlt wird, folgen Gewaltdrohungen. Ein Kaufmann von der Keupstraße berichtet von etwa 700 solcher Drohungen, die bundesweit per SMS oder Messenger verschickt wurden – eine Zahl, die offiziell aber unbestätigt ist. Ob die Ereignisse auf der Keupstraße in dieses Schema passen, lässt die Kölner Staatsanwaltschaft offen. Man prüfe mögliche Verbindungen zu Erpressungen „fortlaufend“, so die Antwort auf eine Anfrage.
„Aktuell leben wir in einem Alltag voller Angst“, klagt ein Händler. Er geht von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele Betroffene aus Scham oder Furcht eine Erpressung nicht zur Anzeige bringen. „Wir wollen wieder in Ruhe schlafen können.“ Am schlimmsten sei für viele aber die Rückkehr eines alten, traumatischen Gefühls: die Erinnerung an das Jahr 2004. Damals detonierte auf der Keupstraße eine Nagelbombe des rechtsextremen NSU, die 22 Menschen verletzte. Über Jahre hinweg wurden die Opfer selbst von Polizei und Medien verdächtigt, man sprach von „Bandenmilieu“ oder internen Konflikten. Erst 2011 kam die Wahrheit ans Licht: Neonazis waren die Täter.
Diese Erfahrung, jahrelang fälschlicherweise unter Verdacht gestanden zu haben, hat tiefe Wunden hinterlassen. „Es ist wie ein Geschmack, den man kennt“, beschreibt es ein Ladenbesitzer. „Schon wieder ist die Keupstraße in den Köpfen vieler, die die Straße nicht kennen, ein unschöner Ort.“ Dabei habe die große Mehrheit der Unternehmer hier mit Kriminalität nichts am Hut. Ein anderer, der den Anschlag von 2004 miterlebte, fühlt sich in die Zeit zurückversetzt. „Wie ein Geist, der herumschwirrt und viel Platz für Spekulationen gibt. Das ist für uns sehr beunruhigend.“
Die Händler fordern nun Taten. „Nach den aktuellen Bedrohungen und Schüssen wünschen wir uns, dass die Verantwortlichen die Sorgen ernst nehmen, die Hintergründe konsequent aufklären und für den notwendigen Schutz sorgen“, sagt einer. Der Appell zielt nicht auf die lokale Polizei, sondern auf die Politik in Land und Bund. Eine Waffenverbotszone und mehr Kameras, wie am Wiener Platz, sind im Gespräch. „Ich mache oft noch nachts die Kasse, da hat man immer Angst“, gesteht ein Ladeninhaber.
Das Verhältnis zur Polizei in Mülheim sei grundsätzlich gut, betonen alle. Sie wünschen sich mehr Präsenz, aber keinen neuen Generalverdacht. „Wir vertrauen der Polizei und wissen, dass die das schaffen“, sagt einer. Sein Wunsch für die Zukunft bleibt bescheiden: „Ich hoffe, dass diese junge Generation endlich erwachsen wird.“ (red)
