Der Sitzungskarneval tobt in Köln in nahezu allen Sälen. Unzählige ausverkaufte Veranstaltungen gingen zum Sessionsstart über die Bühne. Die Stimmung war euphorisch, es kam aber auch zu einem Eklat.
Eklat beim FrühschoppenRedner als „Arsch“ beleidigt – der hält Plädoyer fürs Brauchtum

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JP Weber, Kölns musikalischer Büttenredner, unterbrach seinen Auftritt bei der KG Kölsche Lotterbove, um eine Grundsatzrede über das Brauchtum zu halten.
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Kölns Jecke im Ausnahmezustand. Das Proklamations-Wochenende war gleichzeitig auch der Startschuss in den Sitzungskarneval. In nahezu jedem Saal der Stadt fand eine Herren-, Damen- oder Kostümsitzung statt.
Auffällig: Das Publikum will die fünfte Jahreszeit ausgelassen genießen. Die Veranstaltungen waren nahezu alle ausverkauft, die Stimmung euphorisch und glücklich. EXPRESS.de schaute sich in der Stadt um.
Sitzungskarneval tobt in allen Kölner Sälen
Seit Jahren wird bemängelt, dass sich kaum neue Rednerinnen und Redner auf die Karnevalsbühnen trauen. Der Kölner Karneval ist ein heißes Pflaster. Damit die feierwütige Menge zuhört, braucht es Sitzungsleiter, die rechtzeitig durchgreifen, und Akteure in der Bütt, die mit der Herausforderung klarkommen.
Was mitunter den Einzelkämpfern am Mikrofon abverlangt wird, erlebte JP Weber am Sonntag (11. Januar 2026) beim Damen-Rednerfrühschoppen der KG Kölsche Lotterbove im Lindner-Hotel. Während der 51-Jährige seinen Vortrag hielt, spielte eine Frau unmittelbar vor der Bühne aufreizend am Handy. Zudem zischte sie immer wieder „Arsch“ in Richtung Künstler.
Nach einigen Minuten stockte Weber und sammelte kurz seine Gedanken. „Sie können gerne weiter am Handy spielen, während hier ein Redner spricht. Ich würde zwar zum Spielen ins Foyer gehen“, sagte er mit ruhiger Stimme. Doch der Vorfall war für ihn das Signal, ein grundsätzliches Plädoyer für das kölsche Brauchtum zu halten.
Respekt sei eine notwendige Tugend im Karneval. Ihn mache es immer fassungslos, wenn Menschen beim Auftritt einer Tanzgruppe ins Foyer strömen würden. „Tanzen ist Brauchtum.“ Auch die Rednerinnen und Redner kämen den Gesellschaften stets entgegen. „Bei einer Firmenveranstaltung nehme ich die komplette Gage. Bei einer Brauchtumsveranstaltung nur die Hälfte“, sagte Weber.

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Nachdem JP Weber seinem Ärger Luft gemacht hatte, hörte ihm der Saal aufmerksam zu. Am Ende gab es sogar „Zugabe!“-Rufe.
Und im Gegenzug erwartet er entsprechende Wertschätzung. „Ich kenne keinen Redner, der gerne auf eine Damensitzung geht. Das muss ja einen Grund haben. Ich nehme auch keine mehr an, weil die Bands dort eher gelitten sind. Aber wenn ich dann höre, dass der Karneval nicht mehr der sei, der er mal war, dann entgegne ich: Es sind die Menschen, die sich so verhalten.“
Nach der emotionalen Ausführung hörte der Saal dem Künstler aufmerksam zu. Am Ende gab es sogar „Zugabe!“-Rufe. Auch die anderen Programmpunkte wurden beim Rednerfrühschoppen frenetisch gefeiert. Einen Überraschungsauftritt legte Kabarettist Stephan Bauer (57) hin. Der Comedian absolviert in dieser Session seine Feuertaufe im Kölner Karneval.
Das Publikum bog sich vor Lachen. „Ich war als Mann natürlich immer für Sex vor der Ehe. Wann sonst? Ich war immer dafür, bis meine Tochter 16 Jahre alt wurde. Meine Frau hat ihren Freund im Sommer zum Grillen eingeladen. Na super, der passt gar nicht auf meinen Rost.“ Auch seine Ausführungen zum Duz-Zwang in der Gesellschaft und beim Einkauf ließen die Menge toben. Da hat einer das Zeug dazu, häufiger in den jecken Kreisen aufzutauchen.

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Domstürmer-Frontmann Micky Nauber holte den Elferrat der Willi Ostermann Gesellschaft beim Auftritt mit auf die Bühne.
Bei der Herrensitzung der Willi Ostermann Gesellschaft war der Elferrat besonders gefordert. Die Klüngelköpp überließen den Refrain ihres Hits „Stääne“ allein dem Elferrat und dem gesamten Saal. Ein emotionaler Moment, der das Sartory in einen einzigen Chor verwandelte. Beim Auftritt der Domstürmer holte Sänger Miki Nauber den Elferrat von den Stühlen auf die Bühne, reihte sich ein und sang gemeinsam mit ihm.
Beim Einmarsch wurde der Elferrat musikalisch von Alexander Schumacher aus dem Shanty-Chor der StattGarde Colonia Ahoj begleitet. Er sang das neue Einmarschlied der Ostermänner, das aus der Feder von Toni Steingass stammt. Zum Schluss bedankte sich Präsident Ralf Schlegelmilch beim neuen Orga-Leiter Björn Gottschlich für dessen außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement.
Die Prinzen-Garde feierte gleich zwei Sitzungen im Doppelpack. Bei der Kostümsitzung waren unter anderem Politiker Wolfgang Bosbach sowie eine zwölfköpfige Abordnung des Marineschiffes „Korvette Köln“ unter Leitung des Kapitäns und Kommandanten Alexander Horn zu Gast. Gleich beim ersten Heimspiel überreichte das Dreigestirn seinem Präsidenten Dino Massi eine Zeichnung der begehrten Prinzenspange.

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„Sitzungspräsident“ Volker Weininger wurde bei seinem Auftritt von der Regimentstochter der Prinzen-Garde, Sandra Wüst, überrascht. Sie brachte ihm das Kölsch auf Inlineskates, damit es schneller geht.
Am Sonntag folgte dann die Herrensitzung an gleicher Stelle mit 1500 Herren. Und hier gab es für Volker Weininger eine besondere Überraschung. Literat Dennis Hille und die Regimentstochter Sandra Wüst hatten sich eine Methode ausgedacht, mit der der „Sitzungspräsident“ noch schneller an sein Kölsch auf der Bühne kommt.
Sandra Wüst: „Traditionell versorge ich Volker auf der Bühne mit Kölsch. Da er sich immer einen Spaß daraus macht, dass ich angeblich zu langsam bin, überrasche ich ihn als ‚Rolling Regimentstochter‘ auf Inlineskates.“ Weininger war ganz begeistert von seinem „Kölsch Express“ und hätte Sandra am liebsten direkt für die ganze Session verpflichtet.

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Die Kostümsitzung der Großen KG Greesberg war die Premiere für den neuen Präsidenten Michael Bier. Die eigene Tanzgruppe stand ihm beim Abend zur Seite.
Auf der Kostümsitzung der Großen Karnevals-Gesellschaft Greesberger gab es im Theater im Tanzbrunnen einige Premieren. Zum ersten Mal hatte Michael Bier als neuer Präsident die Oberhoheit. Wie auch in den Vorjahren wurde die Veranstaltung gewohnt charmant durch Michael Kramp geleitet.
Zum ersten Mal war der Elferrat mit weiblichen und männlichen Mitgliedern der Gesellschaft paritätisch besetzt. Mit Willi und Ernst, Kuhl un de Gäng, Bernd Stelter, Kasalla, Volker Weininger, Miljö und Räuber gab es ein Top-Programm.

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Das Reiter-Korps Jan von Werth überreichte dem Dreigestirn einen Scheck für dessen Spendenaktion CAYA.
Das Reiter-Korps Jan von Werth startete mit seiner Prunksitzung im Gürzenich. Hier gab es einen Spendenscheck für das Dreigestirn für dessen Spendenaktion CAYA. Präsident Stefan Kühnapfel überreichte 1111 Euro.

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Luftflotte-Präsident Harald Kloiber (r.) zeichnete Thomas Cüpper mit dem Großen Verdienstorden der Gesellschaft aus.
Die KG Sr. Tollität Luftflotte feierte ihren Traditionsflug „Fastelovend wie fröher“ im Hotel Dorint an der Messe. Nach seinem gefeierten Auftritt überraschte Präsident Harald Kloiber „Et Klimpermännche“ Thomas Cüpper. „Es gibt Menschen, die betreten eine Bühne und sofort ist klar – hier spricht Köln selbst. Einer dieser Menschen ist Thomas Cüpper. Er ist kölsche Seele in Reinform. Einer, der den Finger in die Wunde legt, ohne zu verletzen, der uns zum Lachen bringt und uns zeigt, dass Humor Haltung sein kann.“
Er habe gezeigt, dass leise Töne oft lauter wirken als jede Pointe. Und dass Tradition kein Stillstand ist, sondern gelebte Verantwortung. „Du hast uns ein Stück kulturelle Heimat geschenkt. Kölle und die Luftflotte verneigen sich vor dir.“ Der Präsident zeichnete Cüpper mit dem Großen Verdienstorden der Gesellschaft aus.
