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Interview

Dolmetscherin im KarnevalSie singt und lallt in Gebärdensprache

Seit vielen Jahren ist Aline Ackers als Dolmetscherin für Gebärdensprache im Karneval aktiv. Sie ist Teil der Initiative „Karneval für alle“. Mit EXPRESS.de sprach sie über die Besonderheiten.

Seit 2009 ist Aline Ackers staatlich geprüfte Dolmetscherin für Gebärdensprache. Neben den alltäglichen Einsätzen bei Amtsgängen, Arzt- und Gerichtsterminen sowie beruflichen Weiterbildungen und Besprechungen, hat sie sich auf das Dolmetschen von Musik spezialisiert.

Im Kölner Karneval ist die Expertin für visuelle Sprache bei bestimmten Sitzungen oder Veranstaltungen auf der Bühne zu sehen. An Weiberfastnacht (12. Februar 2026) wird sie von 9 bis 13 Uhr die Eröffnung des Straßenkarnevals der Altstädter auf dem Alter Markt dolmetschen.

Gebärdensprachdolmetscherin an Weiberfastnacht auf dem Alter Markt

„Wir sind schon im zwölften Jahr der Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland“, sagt Altstädter-Präsident Dr. Björn Braun. „Uns ist es unheimlich wichtig, auch gehörlosen Jecken barrierefreien Zugang zu unseren Veranstaltungen gewährleisten zu können.“

Freitag steht der Fastelovendball för Pänz in der Stadthalle an, Samstag die Schäl Sick Sitzung in der Messe. Auch bei den Schull- un Veedelszöch am Sonntag wird auf der LVR-Tribüne das Geschehen und die Moderation durch die Dolmetscherin erläutert.

Bereits seit 2013 macht der LVR sich mit seiner Initiative „Karneval für alle“ dafür stark, dass auch Menschen mit Behinderung im Straßen- und Sitzungskarneval mitfeiern können. EXPRESS.de sprach mit der Frau, die sinnbildlich für das Motto „Mer dun et för Kölle“ steht.

Wie sind Sie Gebärdensprachdolmetscherin geworden?

Aline Ackers: Ich wollte ursprünglich Dolmetscherin für Englisch und Spanisch werden, da ich als Kind einige Jahre in Spanien gelebt habe. Bei der Suche nach Studienplätzen bin ich dann auf den Beruf der Gebärdensprachdolmetscherin gestoßen. Ich habe mich sofort in diese Sprache und die dazugehörige Kultur verliebt und bin sehr dankbar und glücklich, dass ich diesen Beruf erlernen durfte.

Aline Ackers, Björn Braun und Michael Zymelka stehen auf der Bühne.

Altstädter-Präsident Björn Braun (M.) zusammen mit Aline Ackers und ihrem Kollegen Michael Zymelka.

Ist die kölsche Sprache schwieriger zu gebärden als Hochdeutsch?

Aline Ackers: In der Gebärdensprache gibt es – genau wie in der Lautsprache – Dialekte. Entsprechend gibt es auch im gebärdensprachlichen kölsche Besonderheiten. Die größte Herausforderung war am Anfang, die kölsche Lautsprache wirklich sicher zu verstehen. Deshalb habe ich an der Schule för uns Kölsche Sproch auch das Examen abgelegt. Denn nur wer die Ausgangssprache sicher beherrscht, kann gut dolmetschen.

Was ist schwieriger: eine Rede oder die vielen Songs der kölschen Bands?

Aline Ackers: Schwierige Frage. Als Dolmetscherin ist das simultane Dolmetschen gesprochener Sprache mein Alltag. Kölsche Reden leben aber stark von Redewendungen und Humor. Ohne Vorbereitung kann man da schon mal „falsch abbiegen“, wenn man einen Witz selbst zum ersten Mal hört.

Aline Ackers steht als Dolmetscherin für Gebärdensprache auf der Bühne.

Ihr Platz ist immer am Rande der Bühne. Aline Ackers ist seit vielen Jahren als Dolmetscherin für Gebärdensprache im Karneval aktiv.

Und bei den neuen Songs?

Aline Ackers: Die Lieder erleichtern es uns oft etwas. Wir bekommen die Setlisten der Bands schon vor dem 11.11. und können die Songs so oft hören, dass wir sie fast auswendig können. Beides macht aber unglaublich viel Spaß.

Wie sieht das bei „Sitzungspräsident“ Volker Weininger aus? Er nuschelt und lallt eher seine Rede.

Aline Ackers: Nuscheln und Lallen kann man auch in der Gebärdensprache. Da Volker uns immer mit gutem Vorbereitungsmaterial unterstützt, können wir uns sehr gezielt vorbereiten. Wobei ich sagen muss: Niemand dolmetscht den Sitzungspräsidenten besser als mein Kollege Michael Zymelka – er lallt in der Übersetzung nämlich genauso gut.

Der Text der Songs ist eine Sache – aber wie gelingt es, unterschiedliche Rhythmen wie eine Ballade oder einen Rocksong von Brings zu transportieren?

Aline Ackers: Das würde ich am liebsten direkt vormachen. In der Gebärdensprache kann man mit Intensität und Größe der Bewegungen, mit Körperhaltung, Mimik und Gestik alles ausdrücken, was auch in der Lautsprache transportiert wird – angepasst an Rhythmus und Stimmung.

Aline Ackers und Michael Zymelka zusammen mit Kasalla.

Aline Ackers und ihr Kollege Michael Zymelka zusammen mit Kasalla. Die Kölschrocker lassen auch ihre Konzerte im Sommer in Gebärdensprache übersetzen.

Wie läuft die Vorbereitung auf eine Sitzung ab?

Aline Ackers: Das ist sehr intensiv. Sobald wir das Programm haben, kontaktieren wir alle Künstlerinnen, Künstler und Bands und bitten um Vorbereitungsmaterial. Wenn wir die Lieder kennen, lernen wir sie, schauen, ob wir die passenden Gebärden kennen und in Wortspiele übertragen können. So entsteht am Ende für alle im Saal – hörend oder nicht – das gleiche bunte Karnevalserlebnis.

Gibt es kölsche Begriffe, die man nur schwierig oder gar nicht gebärden kann?

Aline Ackers: Eigentlich nicht. Wenn wir als Dolmetschende etwas nicht wissen, fragen wir diejenigen, die es wissen: die Jecken der Deaf Community – also die Muttersprachler.

Wie viele Veranstaltungen werden in der Session begleitet?

Aline Ackers: Wenn ich auch alle Musikveranstaltungen der kölschen Bands dazu zähle, komme ich in dieser Session auf 19. Ich bin bei sechs großen Sitzungen sowie weiteren Konzerten und Kinderveranstaltungen.

Was ist das Besondere daran, gerade im Karneval als Gebärdensprachdolmetscherin zu arbeiten?

Aline Ackers: Das kölsche Gefühl. Eine Brücke sein zu dürfen zwischen den wundervollen Texten des Fastelovends – egal ob gesprochen oder gesungen – und der faszinierenden Sprache und Kultur der Deaf Community. Das ist ein großes Privileg, und ich bin sehr dankbar, dass ich das machen darf.

Aline Ackers dolmetscht einen Auftritt von Kasalla.

Ein bisschen Spaß muss sein. Aline Ackers und Kasalla-Bassist Sebastian Wagner auf der Bühne.

Gibt es Feedback von gehörlosen Gästen?

Aline Ackers: Ja, oft ganz direkt: durch herzhaftes Lachen, fragende Blicke, Mitschunkeln oder Tanzen. Das passiert häufig direkt an den Tischen vor uns. Es gibt viel Lob, aber auch konstruktive Kritik – und genau die ist sehr wertvoll.

Wie anstrengend ist es, eine Karnevalssitzung zu dolmetschen?

Aline Ackers: Es ist anstrengend – macht aber so viel Spaß, dass wir es sehr gerne tun.

Was würdet ihr euch für den Kölner Karneval in Bezug auf Gebärdensprache noch wünschen?

Aline Ackers: Zum einen wünsche ich mir, dass noch mehr Gesellschaften das Thema Barrierefreiheit in den Blick nehmen und Sitzungen mit Gebärdensprache anbieten. Und auf der Bühne träume ich davon, eines Tages auch „andersherum“ dolmetschen zu dürfen: dass eine Gebärdensprachperformance den Saal zum Staunen bringt oder wir eine Büttenrede eines tauben Menschen in die Lautsprache übersetzen.

Melanie Rein mit ihrer Urkunde in der Hand.

Jecke Ecke

Madämchen des Jahres gekrönt