Die Brüder Peter und Stephan Brings haben vor 35 Jahren die Band Brings gegründet. Dank der zahlreichen Hits ist die Gruppe nicht mehr aus dem Kölner Karneval wegzudenken und auch bundesweit bekannt.
Kultband feiert 35. JubiläumBrings: „Im Karneval bist du Freiwild“

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Peter Brings ist seit 35 Jahren Frontmann der Band Brings. Er singt sämtliche Titel der Gruppe.
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Mit dem Debütalbum „Zwei Zoote Minsche“ wurde am 28. Januar 1991 ein Stück Kölner Musikgeschichte geschrieben. Die Kölschrocker von Brings grenzten sich anfangs bewusst vom Kölner Karneval ab.
Erst 2000 sorgte der Hit „Superjeilezick“ für den Sprung in das jecke Treiben. In diesem Jahr feiern die fünf Musiker ihr 35. Jubiläum. Die beiden Namensgeber und Bandgründer Peter und Stephan Brings sprachen darüber im großen EXPRESS-Talk.
Brings startete als Band Ende Januar 1991 – ohne Karnevalsbezug
Sonntag-EXPRESS: Wie fühlt es sich an, auf 35 Jahre Bandgeschichte zu blicken?
Peter Brings: Als wir zehn Jahre alt geworden sind, haben wir schon gedacht, dass wir verdammt lange für eine Rockband durchgehalten haben. The Beatles hat es gerade einmal sechs Jahre gegeben. Wenn wir heute „Superjeilezick“ spielen, wird uns bewusst, wie viel Zeit ins Land gegangen ist, obwohl sich der Song immer noch frisch anfühlt. Das Schöne: Da sind ganz viele Leute vor der Bühne, die noch gar nicht geboren waren, als wir das geschrieben haben. Und die singen jeden Ton mit.
Sind Brings-Lieder also schon echte kölsche Klassiker?
Peter Brings: Wir haben das ganz große Glück, dass wir ein paar Nummern haben, die die Jahrzehnte überlebt haben. Man kann Hits für eine Session schreiben, aber jeder wünscht sich einen Evergreen. Denn der macht dich als Band ein Stück unsterblich. Jeder wünscht sich doch, dass er was auf der Welt hinterlässt. Und wir wünschen uns, dass auch in folgenden Generationen noch ein paar Songs von uns gehört werden.
Stephan Brings: Wir wollen auch immer Nummern produzieren, die den Karneval überdauern. In unseren größten Hits kommt das Wort Karneval nicht vor. Kölsche Bands haben nicht Millionen von Streams, von denen sie leben können. Daher müssen wir auch außerhalb der Session erfolgreich sein.

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Sie sind seit der ersten Stunde dabei: Peter Brings, Harry Alfter und Stephan Brings (v.l.).
Viele wissen gar nicht mehr, dass Brings anfangs gar nicht im Karneval aufgetreten ist.
Stephan Brings: Wir haben unser erstes Album mitten in einer Karnevalssession veröffentlicht. Bis 2000 kannten wir den organisierten Karneval gar nicht. Unser Vater Rolly hat uns zwar früher mit zum Rosenmontagszug genommen, aber obwohl er gut mit Hartmut Priess von den Bläck Fööss befreundet war, wusste er auch nicht, was da so in der Session passiert.
Und dann haben euch die Höhner 2000 bei der Sessionseröffnung mit auf die Bühne genommen.
Peter Brings: Wir benötigten einen Türöffner, weil die Karnevalsprogramme immer zwei Jahre im Voraus gebucht werden. Wir hatten aber plötzlich einen Hit und die Höhner haben uns die Chance gegeben, den in ihrem Programm zu spielen. Am Ende waren es aber vor allem die Paveier, die an unserer Seite standen. Die Höhner haben schnell gemerkt, dass wir Konkurrenz werden könnten.
Und wie lief der Sprung ins kalte Wasser?
Peter Brings: Ich hab‘ anfangs schon gelitten, oft im Bus gesessen, geheult und wollte nicht mehr raus in den Saal. Man muss schon eine dicke Haut haben und mental sehr gefestigt sein. Als wir „Poppe, Kaate, Danze“ veröffentlicht haben und das Festkomitee das nicht auf den Sitzungen hören wollte, dachte ich, dass das unser Ende ist. Mir war nicht klar, dass durch das Verbot es erst richtig losgeht.
Brings: Jubiläumskonzert steigt im Juli auf dem Bonner KunstRasen
- Anfangs bestand die Band Brings aus den Brüdern Peter und Stephan Brings sowie dem Bonner Harry Alfter und dem Leverkusener Matthias Gottschalk. Kurz danach stieß Kai Engel, der Sohn des Bläck-Fööss-Gründungsmitglieds Tommy Engel, als Keyboarder dazu. Christian Blüm, der Sohn des ehemaligen Bundesministers Norbert Blüm, ersetzte Gottschalk 1994 am Schlagzeug.
- In der 35-jährigen Bandgeschichte landeten die fünf Musiker zahlreiche Megahits wie „Polka, Polka, Polka“, „Kölsche Jung“ und „Halleluja“. Dartsprofi Florian Hempel läuft seit 2021 bei Wettbewerben mit dem Song „Kölsche Jung“ ein. Bei den Heimspielen der Kölner Haie wird das Stück nach jedem Tor der eigenen Mannschaft gespielt.
- 2011 und 2016 spielte Brings vor 48.000 Fans im ausverkauften Rhein-Energie-Stadion in Köln. Das Jubiläum wird ab dem 9. April mit einer großen Tour gefeiert. Höhepunkt wird das große Open-Air-Konzert am 3. Juli auf dem Bonner KunstRasen.
Der damalige Präsident Hans-Horst Engels ist immer demonstrativ aus dem Saal gegangen, wenn Brings aufgetreten ist.
Stephan Brings: Seine Frau hat er mit hinausgezerrt. Ihr war das schon peinlich. Uns haben aber Kölner Gesellschaften gesagt: Spielt die Nummer bei uns direkt dreimal. Der Refrain war eigentlich harmlos. Es ging um die Strophe „Arrogant, stinkfaul, schläch jelaunt, en jroßes Maul“. Da haben sich wohl welche angesprochen gefühlt. Wahrscheinlich die Präsidenten und Elferräte.
Peter Brings: Wir waren schon anders zu der Zeit. Zu mir hat mal ein Präsident gesagt: „Ey, Pitter, wenn ich eine Tanzgruppe benötige, rufe ich eine an.“ Andere Bands haben sich auf der Bühne weniger bewegt als wir.
Welche Vorbilder hattet ihr?
Peter Brings: Ich denke da gerne an die Bläck Fööss. Sie waren weit mehr als eine Band und haben sich für soziale Themen eingesetzt. Man liebt eine Band, weil einem die Musik gefällt. Aber wichtig ist auch, wofür diese Musiker stehen, ob sie einem einen Kompass bieten. Die Fööss haben uns inspiriert, Texte zu schreiben, bei denen man Milieustudien betreibt. Wir haben lange überlegt, wie man unsere Sprache am besten besingen kann. Bei „Kölsche Jung“ hat es funktioniert. „Sprech ödentlich hät de Mam jesaht“, sollte zeigen, welches Image unsere Sprache hat. Man gilt als primitiv, wenn man Kölsch spricht.
Stephan Brings: Oder jemand versucht es, der es nicht kann.
Peter Brings: Da muss ich unseren neuen Oberbürgermeister loben. Er versucht es erst gar nicht. Henriette Reker hat immer gedacht, sie könnte Kölsch, es war grauenvoll. Torsten Burmester wirkt handfest. Das könnte etwas werden, das hoffen wir alle für die Stadt.

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Gehört beim Auftritt mit dazu: Stephan Brings mit fliegendem Rock.
Wie schwer ist es, einen Sessionshit zu schreiben?
Stephan Brings: Wir sind zweimal mit Songs gestartet, von denen uns einige im Vorfeld abgeraten haben. „Liebe gewinnt“ war auf Hochdeutsch mit schwerem Text. Bei „Halleluja“ dachten einige, dass wir katholische Gefühle beleidigen. Sie haben zum Glück beide funktioniert.
Wie passt es eigentlich zu einer Rockband, regelmäßig im ZDF-Fernsehgarten oder bei Florian Silbereisen in den Shows aufzutreten?
Peter Brings: Das, was wir heute machen, passt zu unserem Alter. Die Art und Weise, wie wir auftreten, ist immer noch Rockmusik. Wir polarisieren auch mit unserer Musik. „Polka, Polka, Polka“ wurde anfangs von unseren Fans als Flippers- oder Ballermann-Musik abgelehnt. Nach zwei Sessionen war es ein Hit. Ähnlich ist es jetzt bei „Lääv di Lääve“. Das klingt kommerziell, aber auf der Bühne finden wir unseren Stil.

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Peter Brings im gewagten Silber-Anzug, der nicht luftdurchlässig war.
Wie ist der Brings-Look mit dem Schotten-Karo entstanden?
Peter Brings: Wir haben verschiedene Farben ausprobiert, mal schwarz-weiß, mal gelb, dann rot. Einmal sind wir in silbernen Ganzkörperkondomen auf die Bühne gegangen. Die haben wahnsinnig gestunken und tief blicken lassen. Stephan hatte anfangs auch eine Hose, durch das Fahrradfahren hat er aber ordentliche Waden und konnte es sich trauen, einen Rock zu tragen. Im ganzen bunten Treiben des Karnevals ist es schon zuträglich, wenn man die Band erkennt und alle gleich aussehen.
Stephan Brings: Das ist wie eine Rüstung. Wenn man die Sachen anzieht, weiß man, dass es auf die Bühne geht. Mich schützt die Kleidung, das ist wie ein Blaumann, wenn man zur Arbeit geht.
Peter Brings: Genau, er ist dann nicht mehr Stephan Brings, sondern der Bassist von Brings.
Habt ihr den Sprung in den Karneval bereut?
Peter Brings: Dann wären wir ja bescheuert. „Superjeilezick“ und der Karneval haben uns den bundesweiten Durchbruch beschert. Jedes Mal, wenn wir die Nummer spielen, weiß ich, dass wir dem Lied alles zu verdanken haben. Wir haben das anfangs echt unterschätzt, was Karneval alles kann und wie bundesweit in dieser Zeit auf die Stadt geschaut wird. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis wir die Gesetze des Karnevals verstanden haben.

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In den Anfangsjahren waren die Haare noch deutlich länger: Peter und Stephan Brings, Harry Alfter und Matthias Gottschalk (v.l.).
Und wie lauten die?
Peter Brings: Du kommst um 2 Uhr in der Nacht nach Hause, bis man schläft, ist es 4 Uhr. Dann stehe ich um 12 Uhr wieder auf und bin ab 15 Uhr am Proberaum und dann geht die Fahrt wieder los. Wir haben vor 20 Jahren über 220 Auftritte in der Session absolviert, täglich sieben Stück. Da waren wir beide aber Anfang 40. Bei uns liegt die absolute Schmerzgrenze bei sechs Auftritten am Tag. Vier, fünf am Tag reichen aber auch. Anfangs dieser Session hat es mich erwischt, da bin ich nach Hause gefahren und hatte Schüttelfrost. Das ist nicht einfach, wenn man in die Säle kommt und alle husten und niesen. Das kommt dann Folter nah.
Stephan Brings: Die körperliche Belastung ist enorm. Und dieser Selfie-Wahnsinn stresst. Ich bin ein totaler Digital-Trottel, weiß inzwischen aber genau, wie es geht, schnell ein Bild zu machen.
Peter Brings: Du kannst dich nicht zurückziehen, bist immer unter Menschen. Du musst über viele Stunden die Contenance wahren, nett und freundlich bleiben. Auf der Bühne ist man im geschützten Raum. Aber davor und danach, das ist das Anstrengende. Die Leute halten keinen Abstand, man ist Freiwild und muss das einfach aushalten. Auf der anderen Seite: Wenn keiner käme, hätten wir auch ein Problem.
Stephan Brings: Überall in Deutschland ist im Moment Winter, nur in Köln ist Karneval. Das ist doch perfekt. Was soll man sonst jetzt machen? Es ist immer dunkel und kalt. Nach der Session geht es schon Richtung Frühling.

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Brings im Jubiläumsjahr: Kai Engel, Peter Brings, Stephan Brings, Harry Alfter und Christian Blüm (v.l.).
Bands wie die Bläck Fööss, die Höhner oder die Paveier haben inzwischen ihre Mitglieder gewechselt. Warum wird es das bei Brings nicht geben?
Stephan Brings: Man kann uns schlecht mit den Bläck Fööss und den Höhnern vergleichen. Wir sind eigentlich eine stockkonservative Rockband. Vom ersten Tag an ist Peter unsere Stimme, wir sind die Musiker. Darum glaube ich nicht, dass man ihn ersetzen könnte. Wenn wir mit einem neuen Sänger an den Start gehen würden, würden wir uns selbst demontieren. Das funktioniert nicht. Außerdem wollen wir das noch zehn Jahre machen, nur dem Alter angepasst.
Peter Brings: Wenn wir ein neues Lied spielen, gehört es ab dem Moment den Menschen. Es wird bestimmt Bands geben, die unsere Songs in der Zukunft spielen, wenn Brings Geschichte ist. Aber bis dahin genießen wir noch die Zeit. Wenn du dranbleibst und es ernst meinst, kann man in die Herzen der Menschen kommen. Wenn man da einmal drin ist, hat man gewonnen. Wir haben ein echt treues Publikum über all die Jahrzehnte.


