Bei der Jahreshauptversammlung hat das Festkomitee Kölner Karneval erste Ergebnisse aus dem Strategieprozess „Alaaf 2040“ präsentiert. Präsident Lutz Schade spricht im Interview über erste Maßnahmen.
Kosten, Pferde, ZugabsagenSo will Präsident Schade den Karneval in die Zukunft führen

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Festkomitee-Präsident Lutz Schade bei der Arbeit in seinem Büro. Seit sechseinhalb Monaten ist der Nachfolger von Christoph Kuckelkorn im Amt.
Wo steht der Kölner Karneval, was macht ihn aus, was soll bewahrt und wo müssen neue Wege gegangen werden? Das sind nur einige der zentralen Fragen, die Lutz Schade in seiner Amtszeit klären möchte.
203 Tage nach seiner Wahl zum Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval stand am Montagabend (12. Oktober 2026) die erste Jahreshauptversammlung für den 51-Jährigen an. Nach dem Rücktritt von Christoph Kuckelkorn (62) hatte er im März das Amt übernommen.
Festkomitee präsentiert erste Ergebnisse beim Prozess „Alaaf 2040“
Knifflige Themen standen im Haus des Kölner Karnevals nicht auf der Tagesordnung. Der Veedelsverein „Junge un Mädcher vum Aldermaat“ sowie die KG „Der Reiter“ Hochkirchen wurden von der Versammlung als hospitierende Mitglieder aufgenommen. Die 1. Damengarde Coeln ist jetzt ordentliches Mitglied.
Im Mittelpunkt standen vielmehr die ersten Ergebnisse aus dem Strategieprozess „Alaaf 2040“. Auch der Karneval steht vor vielen Herausforderungen: alternde Gesellschaft, zunehmende Kommerzialisierung, Kostendruck und ein drohender Verlust ehrenamtlicher Unterstützer.
Wie sich das Festkomitee fit für die Zukunft machen will und welche Themen noch auf der Präsidenten-Agenda stehen, erklärte Lutz Schade im großen Interview anlässlich der Versammlung.
Wie haben Sie die ersten sechseinhalb Monate Ihrer Präsidentschaft erlebt?
Lutz Schade: Christoph Kuckelkorn war ein toller Lehrmeister für mich, ihn konnte ich seit Oktober 2022 als Vize-Präsident begleiten. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich damals nicht mal die Hälfte der Termine mitbekommen habe. Mich hat die Vielfalt der Veranstaltungen überrascht, zu denen ich jetzt eingeladen werde. Überall wird man vom Kölner Karneval mit offenen Armen empfangen. Die Strahlkraft und Faszination unseres Brauchtums sind weiterhin enorm.
Was war der bisher schönste Moment?
Lutz Schade: Die Gesichter zu sehen, als ich dem Dreigestirn gesagt habe, dass sie es sind. Das war schon besonders, weil sie in dem Moment nicht damit gerechnet haben.

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Lutz Schade führte am Montagabend (12. Oktober 2026) durch seine erste Jahreshauptversammlung als Präsident des Festkomitees des Kölner Karnevals.
Warum haben Sie „Alaaf 2040“ gestartet?
Lutz Schade: Den Karneval in die Zukunft zu transportieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Wir haben ganz viele, die den Karneval nicht von klein auf kennen. Rund 600.000 Kölner sind nicht hier geboren. Denen muss ich erst mal erklären, was wir da machen im organisierten Karneval. Und wie bekomme ich sie im Idealfall dafür begeistert, mitzumachen und das Brauchtum zu leben? Wir wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass dies auch 2040 und darüber hinaus lebendig, vielfältig und fest in der Stadtgesellschaft verankert ist.
Wie lief der Prozess ab?
Lutz Schade: Wir haben in den vergangenen 15 Monaten viel zugehört. In 29 Tiefeninterviews wurden auch Persönlichkeiten wie Oberbürgermeister Torsten Burmester oder Biggi Wanninger von der Stunksitzung befragt. Dazu haben uns zwei anonym durchgeführte Umfragen mit insgesamt 5765 Teilnehmenden Erkenntnisse geliefert. Außerdem haben wir 125 Mitglieder der dem Festkomitee angeschlossenen Gesellschaften befragt. Die Strategieberatung Valoress hat den Prozess unentgeltlich begleitet.
Was kam dabei heraus?
Lutz Schade: Es war ein guter Blick ins Seelenleben des Kölner Karnevals. Dabei ergab sich ein Fundament für die strategische Weiterentwicklung. Wir haben unheimlich hohe Zustimmungswerte für beide Dreigestirne und den Rosenmontagszug. Den allerhöchsten Wert gab es für die Bedeutung der kölschen Sprache. Das hat mich schon gewundert, da sie im Alltag nicht so präsent ist. Es folgte ein großer Workshop mit 80 Teilnehmenden. Am Ende stand eine klare Ausgangslage: Das Ziel des Festkomitees ist es, den Kölner Karneval zu ordnen, um sein Wesen zu schützen und weiterzuentwickeln.

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Das Brauchtum soll auch in der Zukunft noch gefeiert werden. Um dieses zukunftsfähig zu machen, arbeitet das Festkomitee am Strategieprozess.
Gibt es schon erste Umsetzungen?
Lutz Schade: Wir haben bei der Erstsemester-Begrüßung der Uni Köln den Karneval in der Stadt erklärt. Die neuen Studentinnen und Studenten haben wir sozusagen in der größten WG der Welt begrüßt, der Karnevals-WG. Dazu werden wir Schritt für Schritt eine Kampagne ausrollen, die etwa eine neue Internetseite mit Terminen, coolen Karnevalslocations abseits von Gürzenich & Co. und anderen Einsteiger-Tipps enthält. Wir werden auch einen Podcast starten, in dem wir unsere Themen transportieren und unsere Gesellschaften vorstellen. Es gibt auch die Idee, in die Geburtskliniken der Stadt zu gehen, um jedes Neugeborene in Köln und im Karneval willkommen zu heißen. Wir werden nach der Session viele konkrete Projekte mit den Mitgliedern angehen.
Wie sehr trifft der Haushaltsentwurf, der eine Kürzung der städtischen Zuschüsse für den Rosenmontagszug und die Schull- un Veedelszöch vorsieht, das Festkomitee?
Lutz Schade: Wir bekommen Zuschüsse von der Stadt, die mit den Kosten in keiner Weise korrespondieren. Den allergrößten Teil des Etats müssen wir selbst erwirtschaften. Ich bin aktuell in sehr guten Gesprächen mit der Stadt. Es scheint sich anzudeuten, dass das alles gut ausgeht. Wir haben noch einmal verdeutlicht, welche Bedeutung der Karneval für die Menschen und die Wirtschaftskraft hat.
Gabriele Gérard ist ebenfalls neu im geschäftsführenden Vorstand. Sie soll sich um neue Partner und Sponsoren kümmern. Wird der Karneval kommerzieller?
Lutz Schade: Das heißt überhaupt nicht, dass in Zukunft ein Wagen mit Werbung im Zoch zu sehen sein wird. Den Kölner Karneval zeichnet es aus, dass er nicht kommerziell ist. Wir müssen aber das Partnernetzwerk ausbauen, um professionell agieren zu können – das ist etwas anderes als kommerziell. Da sind noch Schätze zu heben. Wir bringen noch weitere Dinge auf den Weg.
Welche?
Lutz Schade: Die Stadt Köln wird bald Awareness-Konzepte bei öffentlichen Veranstaltungen verpflichtend zur Auflage machen. Wir lassen den Rosenmontagszug 2027 schon mal als Pilotprojekt mit einem Konzept laufen. Wenn es dann verbindlich wird, sind wir gewappnet und wir können es unseren Gesellschaften an allen jecken Tagen zur Verfügung stellen, damit sie von der Arbeit des Dachverbandes profitieren. Zudem arbeiten wir an einem Kinder- und Jugendschutzkonzept. Unsere Mitgliedergesellschaften müssen sich zu gewissen Standards im Umgang mit Kindern und Jugendlichen verpflichten.

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Benedikt Conin (r.) begleitet mit seiner Strategieberatungsfirma den Prozess „Alaaf 2040“.
Was haben die Gespräche mit der Gastspieldirektion Otto Hofner ergeben? Diese hatte den Traditionskorps mitgeteilt, dass sie ab 2028 keinen Auftritt mehr bei der Lachenden Kölnarena absolvieren dürfen.
Lutz Schade: Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, das Brauchtum schützen zu wollen. Mariechentanz oder Stippeföttche gehört dazu. Das ist nicht belanglos, ob das stattfindet oder nicht. Eine bessere Transportmöglichkeit unserer Identität zu jungen Leuten als die Lachende gibt es nicht. In den Gesprächen haben wir Einigung erzielt, dass die Traditionskorps 2028 weiterhin so auftreten können wie bisher.
Plant das Festkomitee eine Ausweitung der eigenen Veranstaltungen?
Lutz Schade: Wir werden die „Pänz große Pause“-Tour auf die Kindergärten erweitern. Britta Nassenstein ist neu im erweiterten Vorstand. Mit ihr werden wir alle Veranstaltungen in der Session besuchen, die jüngere Menschen ansprechen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Sollte das Angebot nicht ausreichen für die Nachfrage, dann werden wir tätig. Es geht nicht darum, im Jahr 2040 Sitzungen zu feiern, wie wir das jetzt tun. Vielleicht ist das so, vielleicht aber auch nicht. Das Bewahren von Brauchtum bedeutet nicht, wie in den 50er Jahren im Gürzenich an langen Tischen zu sitzen und Wein trinken zu müssen.
Wie will das Festkomitee helfen, damit die kleinen Karnevalsveranstaltungen am Leben bleiben?
Lutz Schade: Die Veedelsvereine leiden sehr. Den Rosenmontagszug kriegen wir dank unserer guten Kontakte zu den Rettungsdiensten und der Stadt immer hervorragend organisiert. Seit einem Jahr gibt es aber vermehrt Absagen von Herbstfesten, Weihnachtsmärkten und St.-Martins-Umzügen, weil die Verantwortlichen Angst vor der Verantwortung haben. Organisatorisch ist es für viele auch nicht mehr hinzubekommen, weil inzwischen enorme und finanziell aufwendige Sicherheitskonzepte notwendig sind. Ralf Remmert ist im Vorstand dafür zuständig, die Veedelsvereine zu beraten, damit die Züge noch durchgeführt werden können. Karneval findet nicht nur in großen Sälen und Hotels statt. Ich möchte auf keinen Fall einen Karneval, den sich nur Reiche leisten können.

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Die Diskussion um die Teilnahme von Pferden am Rosenmontagszug gewinnt von Jahr zu Jahr an Schärfe.
Ist es noch zeitgemäß, Pferde im Rosenmontagszug mitzunehmen?
Lutz Schade: Pferde stellen nach unserer Meinung ein besonderes Element im Zug dar, weil sie eine gewisse Erhabenheit repräsentieren. Die Pferde an den Bagagewagen sind ohnehin schon raus, das war nicht mehr zeitgemäß. Dann gibt es die Pferde, die Wagen ziehen. Da sind wir in enger Abstimmung mit den Veterinären, was verantwortbar ist. Außerdem gibt es die Pferde, auf denen ein Reiter sitzt und mehrere Begleitpersonen mitlaufen. Da sind unglaublich hohe Voraussetzungen notwendig, damit sie dabei sind. So lange das verantwortbar ist, werden wir das durchhalten. Aber auch nur so lange. Wir hören von den Teilnehmenden, dass ihnen manchmal auch Geringschätzung vom Zugweg entgegenschlägt. Es gibt Menschen, die das Bild schön finden, aber auch viele, die lautstark ihre Kritik äußern. Dabei wollen wir im Zug Spaß vermitteln.
Muss der Zug nicht generell kürzer werden, damit der Prinz nicht immer im Dunkeln ins Ziel kommt?
Lutz Schade: Wir denken natürlich darüber nach, welches Bild der Zug abgibt. Ein bunter, vielfältiger Zug ist natürlich spannender. Viele Gesellschaften wollen bei uns Mitglied werden. Mit der ordentlichen Mitgliedschaft verknüpft sich das Recht, im Rosenmontagszug mitgehen zu dürfen. Da müssen wir schon darüber nachdenken, ob man die bisherigen Größenordnungen so lässt. Wir haben allerdings gerade erst mit allen Gesellschaften gesprochen. Das Feedback war, dass alles so beibehalten werden soll. Die Kosten für die Teilnahme sind, unter anderem durch die gestiegenen Kakaopreise, enorm in die Höhe gegangen. Da denken wir auch schon über Modelle nach, dass sich zwei oder drei Gesellschaften einen Wagen teilen.
Sie werden die Proklamation des Dreigestirns moderieren. Haben Sie schon etwas Bammel?
Lutz Schade: Natürlich habe ich davor Respekt, zumal ich kein ausgelernter Sitzungsleiter bin. Ich bin mir sicher, dass das ein wunderbarer Abend wird. Es gab aber keine Diskussionen, dass ich das nicht übernehmen soll.
