Die ständige Beobachtung geht zu weit: Tennis-Profis schlagen Alarm und fordern mehr Privatsphäre.
Zverev schlägt AlarmTennis-Stars fühlen sich wie „Tiere im Zoo“ beobachtet

Copyright: Maximilian Haupt/dpa
Seine Handynachrichten möchte Zverev lesen, ohne dass diese von Kameras eingefangen werden. (Archivbild)
Alexander Zverev macht klar: Was auf seinem Smartphone passiert, ist seine Sache. Der Tennis-Profi kann zwar nachvollziehen, dass Kameras die Spieler auch neben dem Court verfolgen. Doch wenn persönliche Informationen gefilmt und dann online verbreitet werden, geht das für ihn zu weit. In München erzählte der dreimalige Grand-Slam-Finalist, man habe ihm sogar geraten, seinen PIN zu ändern, da dieser gefilmt wurde. „Das ist mir zu viel.“
Der Ärger in der Szene wächst, weil Kameras auf den Turniergeländen hinter den Kulissen allgegenwärtig sind. Besonders bei den Grand-Slam-Events werden die Profis permanent verfolgt. Auch Superstar Carlos Alcaraz bemängelte kürzlich, dass es für die Athleten kaum noch Rückzugsorte gäbe. Boris Becker, dreifacher Wimbledon-Champion, pflichtete dem Spanier auf der Plattform X bei und kommentierte: „In meinen Tagen hätten wir das nicht zugelassen!“
Überall Kameras: „Dass im Klo noch keine ist, ist wirklich gerade alles“
Bei den aktuellen Sandplatz-Turnieren von ATP in München und WTA in Stuttgart ist die Überwachung nicht ganz so intensiv wie bei den größten Events des Jahres, wie die dpa meldet. Dennoch ist der Frust groß. Laura Siegemund fasste ihre Erlebnisse in Stuttgart so zusammen: „Mittlerweile sind auf den großen Turnieren in jedem Raum Kameras. Dass im Klo noch keine ist, ist wirklich gerade alles.“
Dieser Trend hat sich laut Zverevs Einschätzung während der Corona-Zeit „extrem“ verstärkt. Da lange keine Zuschauer zugelassen waren, wollte man den Fans aus Marketing-Überlegungen trotzdem Einblicke gewähren. „Für Fans ist es schön, die Spieler hinter den Kulissen zu sehen. Zu sehen, wie sie ticken. Das verstehe ich auch“, äußerte Zverev. Er fügte aber hinzu: „Aber es sollte schon Bereiche geben, wo man Ruhe hat, wo man für sich selbst sein kann.“

Copyright: Asanka Brendon Ratnayake/AP/dpa
Dass Fans interessante Einblicke gewinnen möchten, versteht Zverev. Manche Kameraaufnahmen gehen ihm aber zu weit. (Archivbild)
Gauffs Wutausbruch löst Debatte aus
Ins Zentrum der Aufmerksamkeit geriet die Angelegenheit durch die amerikanische Spielerin Coco Gauff. Sie dachte, sie wäre nach ihrem Ausscheiden im Viertelfinale der Australian Open unbeobachtet, als sie in den Gängen ihren Schläger demolierte.
Ihr emotionaler Ausbruch wurde jedoch aufgezeichnet und war für alle sichtbar. Gauff kritisierte danach die permanente Videoüberwachung auf dem Gelände scharf und erhielt dafür breite Zustimmung von Kollegen. Iga Swiatek stellte die provokante Frage: „Sind wir Tennisspieler? Oder sind wir Tiere im Zoo?“ Die polnische Athletin war selbst 2024 dabei gefilmt worden, wie sie nach einem wichtigen Sieg auf der Behandlungsliege weinte.
Forderung nach klaren Regeln und Privatsphäre
Als Gauff in Stuttgart darauf angesprochen wurde, wie sie die Diskussion ins Rollen brachte, musste sie schmunzeln. Doch die Angelegenheit ist ihr sehr wichtig. Eine mögliche Lösung? Ähnlich wie Eva Lys fände sie es gut, wenn Schilder anzeigen würden, wo gefilmt wird und wo nicht. „Es geht einfach darum, zu kontrollieren, was gezeigt wird und was nicht“, erklärte Gauff.
Die Gewinnerin der French Open erläuterte, dass es bei den Wettkämpfen zahlreiche persönliche Augenblicke gibt, und nannte ein Beispiel: „Ich bete vor jedem Match. Ich musste die Kameraleute bitten, diesen Moment nicht aufzunehmen.“
Die Filmaufnahmen gehen eindeutig zu weit. „Wir sind Sportler, wir bieten auf dem Platz eine Show“, sagte Gauff, „aber ich glaube nicht, dass wir alles, was wir abseits des Platzes tun, dafür opfern müssen. (...) Manche Menschen haben auf die Handys der Leute herangezoomt, ihre Textnachrichten gelesen.“

Copyright: Aaron Favila/AP/dpa
Gauff sprach in Stuttgart darüber, wo Grenzen bei Kameraaufnahmen gesetzt werden sollten. (Archivbild)
Die Profiorganisation der Frauen, die WTA, sichert Hilfe zu. Auf Anfrage hieß es, man erwarte von den Veranstaltern und Fernsehpartnern, dass sie sich der Problematik annehmen. Bei Turnieren der WTA wurden bereits Maßnahmen ergriffen und die Anzahl der Kameras verringert. Ebenso haben die Verantwortlichen der Australian Open Änderungen in Aussicht gestellt.
Turnierchef Kühnen: „Tennis als Sportart profitieren kann“
Patrik Kühnen, der Turnierdirektor in München und ehemalige Profi, kann die verschiedenen Perspektiven nachvollziehen. Der 60-Jährige meinte, der technologische Fortschritt habe „viele Vorteile, weil man die Sportart Tennis anders transportieren kann als es noch zu meiner Zeit der Fall war“. Er ist überzeugt: „Ich glaube, dass Tennis als Sportart profitieren kann.“ Von den Spielern sei hier „einen guten Spagat“ gefordert.
Laura Siegemund empfindet es jedoch als schwierig, den Kameras auszuweichen. Zwar versucht sie, sich möglichst selten auf dem Gelände aufzuhalten, doch das ist nicht immer machbar. „Wir sind auch Menschen“, betonte sie. „Wir sind uns nicht jedes Mal bewusst, dass alles überall gefilmt wird.“ Sie müsse sich aber ständig daran erinnern, dass sie gefilmt wird, sobald sie das Gelände betritt. „Man muss sich entsprechend verhalten, wenn man sich in Anführungszeichen nicht angreifbar machen will“, erklärte sie und findet das übertrieben. Siegemund fragt sich: „Muss das sein, dass eine Kamera in dem Eingangsbereich ist, wo der Fahrdienst Autos vorfahren lässt? (...) Ich weiß es nicht. Braucht man das?“ (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
