Weltrekordler & zweifacher Lebensretter Surf-Star Steudtner: „Ich wusste, jetzt geht es um alles“

Sebastian Steudtner schaut in die Ferne – in der Hand sein Surfbrett.

Der deutsche Weltrekord-Surfer Sebastian Steudtner in Portugal am 29. April 2022.

Sebastian Steudtner hält den Weltrekord im Big-Wave-Surfen. Im Interview mit EXPRESS.de spricht er über seine Arbeit mit Jugendlichen, eine Rettungsaktion und die Freundschaft zu Liverpool-Trainer Jürgen Klopp.

Er ist für viele junge Surfer ein Idol: Sebastian Steudtner (37) ritt sich im Oktober 2020 auf einer 26,21 Meter hohen Welle im portugiesischen Nazaré zum Weltrekord im Big-Wave-Surfen. In seiner bisherigen Karriere hat der Deutsche schon so einiges von der Welt gesehen und erlebt.

Bei EXPRESS.de spricht Steudtner unter anderem über seine Jugend in Hawaii, die Extrem-Situation, als er zwei Surfer vor dem Ertrinken rettete und seine Freundschaft mit Liverpool-Coach Jürgen Klopp (55).

Herr Steudtner, wie und wann haben Sie eigentlich mit dem Surfen angefangen?

Sebastian Steudtner: Ich stand im Alter von neun Jahren das erste Mal auf dem Surfbrett und habe sehr schnell gemerkt, dass mir das einfach mega viel Spaß macht. Ich habe dann erst mal mit Windsurfen angefangen und mich dann dazu entschlossen, nach Hawaii zu gehen, um dort meinen Traum vom Surfen weiterzuverfolgen.

Weltrekord-Surfer Steudtner ging mit 16 Jahren nach Hawaii

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Sie sprechen es gerade schon an. Ein mutiger Schritt, mit 16 Jahren nach Hawaii auszuwandern. Wie kam es dazu und was hat Sie dort geprägt?

Steudtner: Ich wollte unbedingt dort surfen. Ich bin in Nürnberg aufgewachsen, und da gibt es ja leider kein Meer und keine Wellen. Die Zeit auf Hawaii hat mich sehr geprägt, da es meine Jugend war und ich in der Umgebung erwachsen geworden bin. Ich habe alles dort gelernt: Selbst Entscheidungen zu treffen, alles über das Big-Wave-Surfen - und bin einfach der geworden, der ich heute bin.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie auf so einer Riesen-Welle surfen? Kann man das überhaupt beschreiben?

Steudtner: Die Wellen, auf denen du surfst, sind generiert von Stürmen, die etwa so groß sind wie Deutschland. Und diese Energie, die der Sturm dann produziert, die surfst du. Das kann man fast gar nicht in Worte fassen. Es ist einfach ein extrem intensives Gefühl.

Gab es schon mal Momente beim Surfen wo sie dachten, okay jetzt wird’s eng und echt gefährlich?

Steudtner: Es gab schon viele Momente, in denen es mal brenzlig wurde und es um alles ging. Ich kann aber akzeptieren, dass ich beim Big-Wave-Surfen nie alles unter Kontrolle habe, vor allem wenn ich stürze. Deswegen habe ich auch nie diesen Moment gehabt, in dem ich dachte: Oh Gott, was passiert jetzt hier, wie komme ich jetzt wieder raus? Ich wusste immer, dass ich ruhig bleiben muss und die Welle quasi über mich drüberrollen lasse, dann wird alles gut.

Ist Ihnen dabei schon mal etwas passiert? Man hat ja sogar schon von Surfern gehört, die von Haien angegriffen wurden.

Steudtner: Ich hatte schon einige Verletzungen gehabt. Vergangene Saison habe ich mir den Fuß gebrochen. Zudem hatte ich auch schon den Schultermuskel gerissen, Rippen gebrochen und mir einen Cut zugezogen. Es war aber nichts dabei, was dir beim Fußball nicht auch passieren kann.

Sie wollen die Sportart, genauer gesagt das Big-Wave-Surfen, mehr in Europa etablieren. Wie gehen Sie das an?

Steudtner: Die Sportart wird gerade von sich aus populärer. Surfen ist aktuell die am schnellsten wachsende Trendsportart, mit zwei Millionen neuen Surfern im vergangenen Jahr. Es boomt gerade, und was mir einfach am Herzen liegt, ist, dass es sich professionalisiert und dadurch auch wachsen kann.

Was geben Sie jungen Surfern mit, die auch so werden wollen, wie Sie?

Steudtner: Ganz viel Geduld, ganz viel Glaube an sich selbst und vor allem: Einfach machen und ausprobieren. Man muss sich immer seinen Ängsten stellen, seinen eigenen Weg gehen und darf nie aufgeben.

Sebastian Steudtner (l.) im Interview mit Express-Reporter Felix Rasten am 30. Juni 2022.

Sebastian Steudtner (l.) im Interview mit EXPRESS.de-Reporter Felix Rasten am 30. Juni 2022.

Welche Surf-Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Steudtner: Die Wellen, die mir am meisten im Kopf geblieben sind – abgesehen von Nazaré – sind in Tahiti. Dort gibt es eine Welle namens „Teahupo’o“, die eine meiner Lieblingswellen ist. In Fidschi gab es ebenfalls eine namens „Cloudbreak“, die ich sehr gerne gesurft bin.

Steudtner: „Die beiden waren blau und schon fast bewusstlos“

Im Jahr 2017 haben Sie einen Brasilianer vor dem Ertrinken gerettet. Können Sie dieses Grenz-Erlebnis noch einmal schildern?

Steudtner: Es ist sogar zweimal passiert – und es war dieselbe Situation, nur ein anderes Jahr beziehungsweise eine andere Person. Ich saß auf meinem Jetski und habe gerade Pause gemacht. Ich hatte in beiden Situationen gesehen, wie die Jungs eine Welle surften und stürzten. Als sie dann aus dem Wasser hochkamen, habe ich gemerkt, dass das Rettungsteam es nicht rechtzeitig zu ihnen schaffen würde und sie auch kein Funksystem hatten. Es kamen viele Wellen hintereinander. Als ich bei ihnen ankam, waren die beiden schon blau und fast bewusstlos. Sie befanden sich zudem in einem Bereich, in dem sie bei Bewusstlosigkeit an die Felsen geprallt wären. Ich habe sie, so schnell es ging, mit dem Jetski aufgesammelt und zum Strand zu unserem Rettungsteam gebracht.

Sie haben 2017 eine gemeinnützige Organisation namens „Wir machen Welle“ für benachteiligte Jugendliche gegründet. Wie kam es dazu?

Steudtner: Den Verein habe ich zusammen mit meiner Schwester gegründet. Wir helfen Kids dabei, auch in ihrem Leben eine Welle zu machen. Das ist quasi der Umkehrschluss von „Mach‘ mal nicht so eine Welle“. Das ist ein Satz und eine Situation, die viele kennen. Du willst etwas machen und dein Umfeld zieht dich runter: „Das kannst du nicht“ oder eben „mach‘ mal nicht so eine Welle.“ Aber wenn du selbst dran glaubst, Vollgas gibst und hart dran arbeitest, dann wirst du irgendwann der Beste. Du fängst an, weil du dich traust. Bei benachteiligten Kindern ist oftmals das Problem, dass sie genau das Gegenteil beigebracht bekommen. Sie sind gewohnt, dass eine gewisse Negativität herrscht. Mit einer Surf-Therapie wollen wir eben genau das Gegenteil bewirken. Wir zeigen ihnen einen Traum, der für sie im ersten Moment unvorstellbar ist, beispielsweise Surfen in Portugal. Sie fahren dann erst Skateboard zusammen, besuchen einen Box-Kurs und gehen als letzten Schritt dann ins Surfcamp. Damit ist ihr Ziel erreicht. Wir wollen damit vermitteln, dass mehr möglich ist, als man denkt.

Sie arbeiten unter anderem zusammen mit Porsche an Innovationen im Surfsport. Was sind Ihre Ziele bei dieser Zusammenarbeit?

Steudtner: Ein Teil davon ist, ein schnelleres, kontrollierbares Surfbrett zu entwickeln, um besser und noch höhere Wellen zu surfen. Porsche bringt viel Geschwindigkeit und Aerodynamik mit rein und hilft uns, das Board zu optimieren.

Sebastian Steudtner: Frei-Tauchen mit Jürgen Klopp und dem FC Liverpool

Liverpool-Coach Jürgen Klopp hat Ihnen in einer Videobotschaft zum Weltrekord gratuliert. Wie kam es zu dem Kontakt? 

Steudtner: Jürgen und sein Team haben mich vor drei oder vier Jahren kontaktiert und wollten mich kennenlernen. Anschließend habe ich ein Spiel besucht. Ich war 2019 nach dem Champions-League-Titel auch bei ihnen im Trainingslager. Dort wollte ich ihnen dabei helfen, ein wenig ihren Horizont zu erweitern und aufzeigen, wozu sie alles imstande sind. Wir waren mit Spielern und Trainerstab beim Frei-Tauchen. Seitdem sind wir einfach in Kontakt geblieben und es hat sich im Laufe der Zeit eine Freundschaft entwickelt. Jürgen ist ein sehr cooler Typ – deswegen hat er mir auch gratuliert. (lacht)

Zwei Ihrer Surfbretter stehen hier im Kölner Sport- und Olympia-Museum. Wie kam es dazu?

Steudtner: Ich wurde vor knapp elf Jahren als Repräsentant des Surfsports eingeladen. Ich saß damals genau an derselben Stelle wie jetzt und habe Interviews gegeben. Das war ein großartiges Erlebnis. Ich wurde ein Jahr zuvor zum ersten Mal Weltmeister in der Kategorie „Biggest Wave“. Jetzt wieder hier zu sein und ein Teil der deutschen Sportgeschichte zu sein, ist sehr cool.

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