Kommentar zu Olympia-Skandal Gold-Heldinnen am Boden: Medaillen-Maschinerie hat Tiefpunkt erreicht

Eiskunstläuferin Kamila Walijewa am Donnerstag bei ihrer Olympia-Kür.

Eiskunstläuferin Kamila Walijewa am Donnerstag (17. Februar 2022) bei ihrer Olympia-Kür.

Schon mit 15 Jahren droht Russlands Eiskunstlauf-Wunderkind Kamila Walijewa das nächste Opfer einer Maschinerie zu werden, die Olympia-Athletinnen formt und dann viel zu früh abstürzen lässt. Ein Kommentar.

Es sollte der eleganteste Moment der Olympischen Spiele werden: Das Damen-Finale im Eiskunstlauf. Doch nach dem Doping-Wirbel um Wunderkind Kamila Walijewa (15) entwickelte sich die Kür am Donnerstag (17. Februar 2022) zum Tränen-Drama, dem sich auch Sport-Ikone und ARD-Expertin Katarina Witt (56) nicht entziehen konnte.

Wohl jede blutjunge Sportlerin wäre am gewaltigen Druck vor den Augen der Welt-Öffentlichkeit zerbrochen. So war es kein Wunder, dass Walijewa im zarten Alter von 15 Jahren mehrmals patzte und nach der Führung im Kurzprogramm als Vierte an der Olympia-Medaille vorbeischrammte.

Russlands Eiskunstlauf-Maschinerie erreicht Tiefpunkt bei Olympia

In den Tagen zuvor hatte Wunderkind Walijewa wegen Doping-Anschuldigungen bereits um den Start im Einzel-Wettkampf sowie das zuvor geholte Team-Gold bangen müssen. Das Verfahren ist längst nicht abgeschlossen, während Olympia lediglich vorübergehend ausgesetzt.

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Sie sei „emotional müde“, gestand die Teenagerin nach dem verspäteten Erhalt ihrer Starterlaubnis – und ließ daran mit ihrer Performance auf dem Eis am Donnerstag keinen Zweifel. Dass ihre unerbittliche Trainerin Eteri Tutberidse (47) die in Tränen aufgelöste 15-Jährige direkt nach dem Auftritt scharf kritisierte, ihr den Kampfgeist absprach, war selbst für die beinahe unmenschliche russische Eiskunstlauf-Maschinerie ein neuer Tiefpunkt.

Schließlich hat das Vorgehen im Umgang mit jungen Eiskunstlauf-Wunderkindern in Russland Methode. In einem Alter, in dem Olympia-Medaillen ein ferner Traum und nicht die Erwartung eines ganzen Landes sein sollten, werden junge Mädchen immer wieder für die Jagd nach Edelmetall in die Manege geschickt.

Russlands Eiskunstlauf-Königinnen stürzten nach Olympia ab

Dort funktionieren sie für einen kurzen Augenblick wie auf Knopfdruck, erlaufen Weltrekorde und Medaillen. Der Begriff „Eismaschine“ bekommt hier eine völlig neue, traurige Bedeutung. Allerdings verschwinden viele von ihnen ebenso schnell wieder in der Versenkung. Den Nachweis liefern drei Namen, drei Schicksale, denen Walijewa womöglich folgen könnte.

Kamila Walijewa (M.) weint nach ihrer verspielten Einzel-Medaille im Eiskunstlauf-Finale bei Olympia.

Kamila Walijewa (M.) weint nach ihrer verspielten Einzel-Medaille im Eiskunstlauf-Finale bei Olympia am Donnerstag (17. Februar 2022). Neben ihr: Trainerin Eteri Tutberidse und Choreograph Daniil Gleikhengauz

Adelina Sotnikowa (25), Olympia-Gold 2014 mit 17 Jahren, zog sich schon zwei Jahre später zurück, beendete 2020 ihre Karriere endgültig. Julija Lipnizkaja (23), in Sotschi mit 15 Gewinnerin im Team-Wettbewerb, machte später ihre Magersucht-Erkrankung öffentlich und beendete 2017 mit 19 ihre Laufbahn.

Alina Sagitowa (19), bis Donnerstagnachmittag noch amtierende Einzel-Olympiasiegerin, hatte in Pyeongchang 2018 mit 15 triumphiert. Ende 2019 zog sie sich wegen Motivationsproblemen zurück, verlängerte ihre Auszeit immer wieder. Bei den Spielen Peking ist das einstige Wunderkind wieder dabei – als Expertin für das russische Fernsehen.

Die Beispiele zeigen, wie der unermessliche Druck junge Athletinnen für geraume Zeit funktionieren lässt, ehe viel zu früh der große Absturz folgt. Beim abgetretenen Gold-Trio kurz nach dem Olympia-Intermezzo, bei Walijewa sogar schon auf dem olympischen Eis. Auch wenn es bei den Spielen in 126 Jahren Geschichte immer ums Gewinnen ging: Eine solche Methode auf dem Rücken von Jugendlichen widerspricht dem olympischen Geist zutiefst. Und so werden viele von Russlands Eiskunstlauf-Königinnen selbst mit Goldmedaille um den Hals früher oder später zu Verliererinnen.

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