WM-Star flieht aus Kriegsgebiet: Rakete schlägt neben ihm ein
„Krieg ist losgegangen“Haiti-Star erlebte auf dem Weg zur WM den puren Horror-Trip

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Bereit für die WM: Die Nationalmannschaft Haitis vor dem Testspiel gegen Peru. (Archivbild)
Eine Story, die Gänsehaut macht. Während in Haiti Chaos und Gewalt eskalieren, kämpft die Nationalelf bei der WM um so viel mehr als nur den Sieg. Einer ihrer Top-Spieler entging dabei nur haarscharf einer Katastrophe.
Haitis Coach Sébastien Migné blickt der Sache mit einer Portion Zuversicht entgegen. „Natürlich ist das eine schwere Gruppe“, äußert sich der Trainer vor dem gewaltigen WM-Erlebnis des leidgeprüften Inselstaates. „Aber wenn man es positiv betrachtet, stehen wir auf jeden Fall im Rampenlicht, was für die Jungs eine riesige Belohnung ist.“
Wenn man die jüngere Vergangenheit Haitis betrachtet, bekommt das Ganze eine noch viel größere Dimension. Die Duelle mit Schottland, Brasilien und Marokko sind nicht bloß für die Kicker eine Anerkennung, sondern für die gesamte fußballbegeisterte Nation. Es ist sogar weit mehr. „Als wir uns qualifiziert hatten, war das Land für ein oder zwei Tage glücklich. Vielleicht schaffen wir so etwas nochmal“, meint Mittelfeldakteur Jean-Ricner Bellegarde.
Irre Realität: Trainer und Star waren noch nie in der eigenen Heimat
Der Profi von den Wolverhampton Wanderers, der in Frankreich zur Welt kam, teilt sich eine Besonderheit mit seinem Nationalcoach: Keiner von beiden hat je haitianischen Boden betreten. „Es ist unmöglich, denn es ist zu gefährlich“, stellt Migné klar. Üblicherweise wohne er in den Nationen, für die er tätig ist. In Haiti ist ihm das verwehrt. „Dort landen keine internationalen Flüge mehr.“
Seit Februar 2024 bleibt selbst das Nationalstadion in Port-au-Prince verriegelt. Das Areal rund um die Arena wird, ähnlich wie circa 90 Prozent der Kapitale, von Banden beherrscht. Gang-Gewalt, Bestechung, Hunger und politische Unsicherheit bestimmen das Dasein der etwa zwölf Millionen Menschen in dem ärmsten Staat Amerikas. Haiti erlebt eine humanitäre Tragödie.
Hoffnungsträger aus der 5. Liga und ein Team im Exil
Der Fußball bietet Ablenkung und schenkt Zuversicht. „Gerade für die jungen Menschen, die in Haiti in der aktuellen Situation aufwachsen, gibt das Spiel Glauben“, betont Bellegarde. Die Heimpartien der WM-Quali mussten auf Curacao stattfinden, mitunter vor lediglich 500 Zuschauern.
Ein vergleichbares Szenario droht bei der Weltmeisterschaft. Aufgrund einer Einreisesperre der Vereinigten Staaten können Haitianer ohne vorhandenes Visum nicht in die USA. Eine ganz andere Frage ist, ob sie es sich finanziell überhaupt erlauben könnten. Schon die Eintrittspreise sind vermutlich für zahlreiche Exil-Haitianer in den USA nicht zu stemmen. Die zweite WM-Teilnahme seit 1974 werden die meisten Fans wohl am Bildschirm miterleben.
Die Stars des Teams sind neben Mittelfeld-Stratege Bellegarde der Abwehrorganisator Johny Placide und Angreifer Duckens Nazon. Der 32-Jährige kommt auf eine beeindruckende Bilanz von 44 Treffern in 78 Partien für sein Land. Teil des Kaders ist außerdem Keeper Josué Duverger, der für den Fünftligisten FC Cosmos aus Koblenz aufläuft.
Horror-Trip zur WM: „Auf einmal bist du nur noch im Überlebensmodus“
Seine Anfahrt zur Weltmeisterschaft war wohl eine der waghalsigsten überhaupt. Der Angreifer ist nämlich für den FC Esteghlal im Iran aktiv. Ende Februar plante er, von Teheran aus ein Flugzeug nach Paris zu besteigen, um sein WM-Visum zu organisieren. „Dann sagte uns der Steward, wir sollen raus aus dem Flugzeug, weil gerade der Krieg losgegangen ist“, schildert Nazon. „Auf einmal bist du nur noch im Überlebensmodus.“ Wie er berichtet, schlug danach nur etwa 100 Meter entfernt eine Rakete ein.
Er stieg in einen Wagen und fuhr auf dem Landweg Richtung Grenze. „Ich saß etwa 20 Stunden im Auto“, erzählt Nazon. Über Aserbaidschan konnte er schließlich mit einiger Verspätung das Land verlassen. Diese Reise hat ihn auch für die WM geformt. „Wir haben vor niemandem Angst. Wir sind bescheiden, aber auch stolz, denn wir sind Haitianer“, sagt Nazon und formuliert sein eigenes Ziel: „Ich möchte bei der WM ein Tor schießen. Es ist mir völlig egal gegen wen.“
Auf den Spuren einer Legende: Nazon jagt 52 Jahre alten Rekord
Bei der Teilnahme in Deutschland vor 52 Jahren setzte es drei Pleiten; nach den Duellen mit Italien, Polen und Argentinien stand ein Torverhältnis von 2:14 zu Buche. Der im Jahr 2008 verstorbene Emmanuel Sanon erlangte damals durch seine zwei Tore Berühmtheit. Er ist mit 100 Länderspielen nicht nur Rekordspieler, sondern mit 47 Treffern auch der erfolgreichste Schütze im Dress der „Grenadiere“ – und an dieser Stelle wird es für Nazon interessant, der mit drei weiteren Toren aufschließen könnte.
Seitdem Coach Migné der Mannschaft Glauben, aber insbesondere Disziplin und Teamgeist vermittelt hat, läuft es rund. Unter der Leitung des 53-Jährigen wurden in 24 Partien durchschnittlich 1,83 Zähler geholt. Hinsichtlich der WM verfolgt Migné eine pragmatische Herangehensweise: „In einem Spiel kann alles passieren. Wir wollen mit unseren Spielern eine neue Geschichte schreiben.“ (dpa/red)
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