Marco Höger spielte in seiner aktiven Karriere für den 1. FC Köln und Schalke 04. Jetzt treffen beide Klubs in der Bundesliga aufeinander. Mit unserer Redaktion sprach er unter anderem über sein Verhältnis zu beiden Vereinen.
Spielte für beide KlubsHöger erwartet bei FC-Duell gegen Schalke „keinen Leckerbissen“
Aktualisiert:
Der 1. FC Köln trifft am 7. Spieltag der Bundesliga auf Schalke 04. Einer, der beide Klubs sehr gut kennt, ist Marco Höger (37).
Der ehemalige Mittelfeldspieler stand in seiner aktiven Karriere 106 Mal mit dem Geißbock auf der Brust und 127 Mal für Königsblau auf dem Platz. Seit vergangenem Sommer ist er als Scout am Geißbockheim tätig.
Marco Höger: „Das ist ein besonderes Spiel“
Vor dem Aufeinandertreffen seiner beiden Ex-Klubs der aktiven Karriere sprach er im Interview mit unserer Redaktion unter anderem über die bevorstehende Partie, die Strahlkraft der beiden Vereine und den Saisonstart.
Herr Höger, am Wochenende kommt Schalke ins Rhein-Energie-Stadion. Sie haben für beide Klubs gespielt. Was bedeutet Ihnen dieses Duell, zumal es in den vergangenen sechseinhalb Jahren nur zweimal in der Bundesliga gab?
Marco Höger: Das ist ein besonderes Spiel. Ich habe 127 Pflichtspiele für die Schalker Profis bestritten und 106 für den FC. Solche Begegnungen mit so viel Tradition, Emotion und Brisanz wünscht sich jeder, und ganz Fußballdeutschland schaut dann gerne hin. Deshalb ja, es waren zu wenig.
Woher kommt die Abneigung zwischen den beiden Fanlagern?
Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Diese Antipathien gibt es schon seit geraumer Zeit. Die Fans wollen mit dem anderen Verein nichts zu tun haben. Als Spieler spürt man das sofort, deshalb ist es ein emotional aufgeladeneres Spiel als andere. Es soll und muss aber immer friedlich bleiben.
Die Vereine sind sich in Größe und Leidenschaft ähnlich. Was unterscheidet sie?
Von der Emotionalität, der Wucht und der Fanbasis her sind es nahezu identische Klubs. Der Unterschied liegt in der internationalen Strahlkraft. Als ich 2011 zu Schalke kam, hatten wir eine Doppelspitze mit Raúl und Huntelaar, dazu Spieler wie Farfán und Afellay. Man wurde auf der ganzen Welt erkannt, und am Flughafen wartete man auf uns. Heute ist der Name Schalke weiterhin überall präsent, mit Edin Džeko ist wieder jemand da, der polarisiert. Mit dem FC haben wir zwar Europa League gespielt, das war aber das erste Mal seit 25 Jahren. Schalke stand 2011 im Halbfinale der Champions League, 2013 bis 2015 dann dreimal hintereinander im Achtelfinale der Königsklasse. Im Viertelfinale der Europa League gegen Bilbao konnte Raúl vor dem Spiel morgens nicht spazieren gehen, weil die Menschen ihn sonst nicht hätten gehen lassen.
Hätten Sie damals gedacht, dass Schalke heute dort steht, wo es steht?
Zu meiner Zeit ehrlicherweise nicht. Clemens Tönnies (von 2001 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender, d. Red.) war noch im Klub und die Entwicklung war damals so nicht absehbar.
Was bedeutet Schalke für Sie persönlich?
Der FC ist für mich als gebürtiger Kölner ein Herzensthema. Als kleiner Junge war ich mit meinem Vater hier, um das Training zu sehen, und habe mir Autogramme geholt. Schalke ist für mich aber gleichzusetzen. Von meinem ersten Zweitligaeinsatz abgesehen habe ich dort alle meine Debüts gefeiert: Europa League, Champions League und Bundesliga. Der Verein hat mir am Anfang meiner Karriere alles gegeben. Das Highlight war das Champions-League-Spiel in Madrid, das wir gewonnen haben. Und natürlich mein Derbytor gegen Dortmund. Wenn ich Fans treffe, begrüßen sie mich bis heute mit „Derby-Höger“. Das macht einen natürlich unheimlich stolz.

Copyright: Imago
Marco Höger spielte in seiner aktiven Karriere sowohl für den 1. FC Köln als auch Schalke 04.
Ist die Verbindung zu Schalke noch lebendig?
Zu aktiven Spielern nicht mehr. Aber als Team wurden wir zu einer Jubiläumsfeier in die Veltins-Arena eingeladen und geehrt.
Was macht Schalke aus Ihrer Sicht so besonders?
Gelsenkirchen ist eine ganz andere Stadt als Köln, mit weniger Einwohnern und schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Dieser Klub hat dort eine ganz besondere Bedeutung, das spürt man. In Köln gehört der FC zur Stadt wie der Dom, die Menschen haben hier aber auch viele andere Themen. In Gelsenkirchen lebt man Bergbau und Verein. Viele Menschen haben oft nicht viel mehr Geld übrig als für die Eintrittskarte am Wochenende, und sie kommen trotzdem. Das wussten wir als Spieler, und es hat im Stadion eine ganz besondere Intensität ausgelöst.
Die Veltins-Arena gehört zu den größten Stadien der Liga. Wie nah waren Sie damals den Anhängern, auch abseits des Platzes?
Sehr nah. Bei jeder Trainingseinheit waren zwei Wurststände geöffnet, weil so viele Zuschauer da waren. Die Menschen kamen aus der ganzen Welt, um uns trainieren zu sehen. Teilweise war das Training fast wie ein Pflichtspiel, und genau das hat uns Spielern damals viel gegeben.
FC ist Liebe, Schalke ist Religion. Unterschreiben Sie das?
Ja, das haut hin.
Schalke hat zuletzt eine überraschend positive Entwicklung genommen. Sehen Sie das auch so?
Mit Trainer Miro Muslic hat man jemanden gefunden, mit dem sich das ganze Umfeld identifizieren kann. Die Mannschaft verkörpert das auf dem Platz. Es sieht nicht immer schön aus, aber Intensität, Wille und Grundtugenden passen zu Schalke.
Wie sehen Sie den FC in jüngerer Zeit?
Punktemäßig sind wir im Soll. Das Ziel ist der Klassenerhalt, und da sind wir auf Kurs. Wir haben viele junge Spieler, die ihre Erfahrungen machen müssen, und das braucht seine Zeit. Man sollte Ruhe bewahren und dem Trainerteam diese Zeit geben. Die Konstellation macht gerade ihre ersten Schritte, und wenn sich alle finden, erreichen wir das Saisonziel.
Hat sich in Ihrer Profizeit das Kölner Umfeld vom Schalker unterschieden?
Ich weiß nicht genau, wie es heute bei Schalke ist. Aber ich erkenne bei beiden Klubs: Das Umfeld ist insgesamt demütiger und verständnisvoller geworden. Als ich mit dem FC 2018 abgestiegen bin, hatten wir eine brutale Stimmung. In der Saison zuvor waren wir noch Fünfter. Die Hinrunde war schlicht unfassbar schlecht, und dennoch haben die Fans uns vieles verziehen.
Wie empfinden Sie die Stimmung in der Kölner Mannschaft?
Die Jungs verstehen sich gut, der Zusammenhalt ist da. Nicht jeder muss sich mit jedem auf einen Kaffee verabreden. Sie stehen zusammen, wenn es darauf ankommt.
Sie haben sich selbst immer als Führungsspieler gesehen. Wer übernimmt diese Rolle heute?
Allein durch sein Amt macht das Marvin Schwäbe. Dazu sind im Sommer viele neue Jungs dazugekommen, viele sind zum ersten Mal in der Bundesliga dabei. Die Spieler, die schon länger hier sind, müssen die Neuen an die Hand nehmen. Das muss sich einspielen.
Trainer René Wagner hat es nicht leicht. Wie nehmen Sie ihn wahr?
Natürlich habe ich nur den Blick von außen. Aber ich finde es gut, dass er bei sich bleibt und das Trainerteam konzentriert weiterarbeitet. Wer neu in eine Position kommt, muss seinen Weg finden, dafür braucht es Rückhalt, Vertrauen und Zeit.
Lassen Sie uns auf Ihren eigenen Weg schauen. Sie sind seit gut eineinhalb Jahren Fußballrentner, in Anführungszeichen. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied?
Es war schwierig, den Schritt bewusst zu machen. Ich bin von der Bundesliga über die dritte Liga bis in die Regionalliga gegangen, das war schon ein Abschied light. Als der Zeitpunkt dann da war, war es nach so vielen Jahren im Profi-Fußball auch in Ordnung. Da ich mich schon während meiner aktiven Zeit in den Scouting-Bereich eingearbeitet hatte, konnte ich direkt in den Job einsteigen. Wenn etwas fehlt, dann am ehesten die Kabine.
Wie kam es zu dem Job als Scout?
Noch als Spieler habe ich ein Fernstudium in Scouting und Spielanalyse absolviert, danach Performanceanalyse. Der FC hat es mir ermöglicht, an Scouting-Sitzungen teilzunehmen und mit den Scouts zu Spielen zu fahren. Bereits unter Alex Wehrle und Horst Heldt (Ex-FC-Geschäftsführer, d. Red.) wurde die Idee konkret: Der Verein wollte Identifikationsfiguren nach der Karriere einbinden. Nach meiner zwischenzeitlichen Zeit bei Waldhof Mannheim und einer schweren Verletzung war ich wieder regelmäßig in Köln. Nach den zwei Jahren als Ü-Spieler in der U 21 übernahm ich die U-21-Kaderplanung. Als Thomas Kessler und Lukas Berg mich ins Profi-Scouting holen wollten, war das keine große Überlegung. Mit Thomas habe ich jahrelang die Kabine geteilt, wir kennen und verstehen uns sehr gut.
Wie sieht Ihr Alltag aus?
Sehr intensiv. Unter der Woche schaue ich sechs, sieben Spiele, dazwischen sitze ich viel im Auto oder im Flieger. Jeder Scout hat zwei oder drei Zielmärkte, meine sind aktuell Holland, Belgien und die Schweiz.
Ganz ohne Leidenschaft geht es in diesem Job aber auch nicht ...
Sie meinen, ob ich ein Fußballjunkie bin? (lacht) Ja, schon. Manchmal habe ich aber auch genug und lasse den Fußball einfach mal Fußball sein.
Wären Trainer oder Co-Trainer eine Option?
Ich habe den B-Plus-Trainerschein gemacht und kann mir das grundsätzlich vorstellen. Nach über 30 Jahren Alltag auf dem Platz wollte ich aber erst einmal weg davon. Mark Uth ist da anders gepolt: Er war vier Monate bei uns im Scouting, arbeitete danach als Co-Trainer im NLZ und in der U21 und absolviert jetzt den Trainerlehrgang. Ihm liegt die Arbeit auf dem Platz mehr. Bei mir ist das Verlangen im Moment nicht da, ausschließen würde ich es aber nie.
Was ist Ihr Ziel?
Darüber habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht. Ich bin ehrgeizig und identifiziere mich voll mit meinen Aufgaben. Aktuell bin ich zufrieden, aber man kann immer dazulernen.
Wie bewerten Sie es, dass der FC mit Thomas Kessler, Ihnen und Mark Uth ehemalige Spieler stärker einbindet?
Noch dazu drei gebürtige Kölner ... Für ein emotionales Umfeld wie das des FC sind Identifikationsfiguren wichtig. Es darf aber nicht nur um Gesichter gehen, es muss auch inhaltlich etwas dahinterstecken.
Zurück zum Samstag. Was erwarten Sie, und wie richtungsweisend ist das Spiel?
Einen Leckerbissen erwarte ich nicht, eher einen Abnutzungskampf, Emotionalität und Intensität. Es wird auf Körperlichkeit ankommen, emotional zu sein, aber sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

