Der FC-Kader ist kaum stärker als im Vorjahr, doch die Erwartungen waren hoch. Die Spielweise enttäuscht derzeit.
Auffällige WerteFC plötzlich vorsichtig: Hier muss die Trendwende her
Bis in die ersten Saisonwochen hinein war der Kader des 1. FC Köln eine Baustelle. Spieler, die den Unterschied machen und vorangehen sollen, kamen spät. Thijs Dallinga, Mikey Moore und Ellyes Skhiri stießen etwa erst nach dem Trainingslager dazu.
Gideon Mensah als Wunschkandidat für die linke Abwehrseite, war nach der Weltmeisterschaft auch noch krank. Er verlor viel Substanz und brauchte Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Und Borna Sosa? Der war buchstäblich in letzter Minute da. Dass der FC zum Start spielerisch kaum etwas zeigte, überraschte daher niemanden.
FC-Spiel ist weiter eine Baustelle
In Würzburg zitterten sich die Kölner in die zweite Runde des Pokals. Die ersten Bundesliga-Partien liefen mal so, mal so, aber konkurrenzfähig war das Team immerhin. Die Kritik fiel heftig aus. Trotzdem musste man zugeben: Trainer René Wagner hatte keine furchtbaren, aber eben auch keine ganz einfachen Voraussetzungen für den Saisonstart.
Nun ist eine Baustelle an sich nichts Schlimmes. Viele Familien fahren am Wochenende sogar extra zu dem Grundstück, auf dem ihr künftiges Zuhause entsteht. Dort träumen sie davon, wie schön alles wird, wenn es erst einmal steht. Nicht jede Baustelle wird zur Oper, nicht jedes Bauprojekt zum Geißbockheim. Das Rhein-Energie-Stadion zum Beispiel war damals auf den Tag genau pünktlich fertig.
Nach dem sechsten Spieltag ist die Mannschaft aber immer noch nicht fertig. Ein Grund: Schwere Verletzungen. Ausgerechnet die erhofften Leistungsträger fehlen: Ellyes Skhiri mit einer Syndesmose-Verletzung, Thijs Dallinga mit einem Kreuzbandriss.
Dazu tut sich Mikey Moore noch schwer, sein Talent in der Bundesliga auf den Platz zu bringen. Nach einer schwachen Trainingswoche saß er beim Anpfiff in Frankfurt zunächst auf der Bank. Als er dann reinkam, enttäuschte er.
Leistungsträger, die verletzt ausfallen. Profis, die sich erst an eine für sie neue Liga gewöhnen müssen. Ein Trainer, der zum ersten Mal als Chef eine Saison verantwortet. Es gibt also Gründe, warum das Team keinen Markenkern findet. Die Enttäuschung ist trotzdem groß.
Dabei ist die Mannschaft kaum stärker besetzt als im Vorjahr. Luka Lochoshvili ersetzt Cenk Özkacar. Özkacar hatte Erstligaerfahrung aus Spanien und Frankreich im Gepäck, Lochoshvili kickte in der vergangenen Saison für den 1. FC Nürnberg in der Zweiten Liga. Jakub Kaminski spielte in Köln eine überragende Saison und durfte für knapp 20 Millionen Euro Ablöse zu Benfica Lissabon wechseln.
Der Transfer spülte dem FC viel Geld in die Kasse, sportlich war er aber ein Verlust. Auf Kaminskis Position steht jetzt Moore im Kader. Ein 19-Jähriger mit riesigem Potenzial, von dem man aber nicht verlangen kann, die Bundesliga gleich auseinanderzunehmen.

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Mittelfeldspieler Ellyes Skhiri verletzte sich im Derby gegen Borussia Mönchengladbach schwer.
Links hinten verteidigte in der Vorsaison Kristoffer Lund. Ein solider Profi, nicht auf dem Level von Mensah und Sosa, aber über die Saison gesehen keine Enttäuschung. Ein Blick auf das Aufgebot in Frankfurt zeigt: Dass Köln dort zwingend gewinnen und besser auftreten muss als beim 2:2 im vergangenen Frühjahr, lässt sich daraus nicht ableiten.
Geschäftsführer Thomas Kessler klang am Freitagabend schon etwas genervt: „Ich glaube, wenn wir zu Eintracht Frankfurt fahren, sind wir von Natur aus nicht unbedingt der Favorit. Deswegen fände ich, dass wir das in der ersten Halbzeit sehr gut gemacht haben.“
Die Fans legen allerdings einen anderen Maßstab an: den mutigen Fußball der letzten Jahre. Unter Steffen Baumgart und auch mit Lukas Kwasniok stand der FC für offensives, aktives Spiel. Erfolgreich war das nicht immer. Vor allem Baumgarts Bilanz gegen die Top-Teams fiel mager aus. Zudem war das System anfällig, weil es komplett auf den Glauben an den Plan setzte.
Am Ende verloren sowohl Steffen Baumgart als auch Lukas Kwasniok die Mannschaft. René Wagner versucht nun, den 1. FC Köln spielerisch zur Ruhe zu bringen. Das dürfte der nachhaltigere Weg sein.
Laufleistung beim FC ist zurückgegangen
Eine Zahl sagt viel über den Kölner Fußball im Moment: In der Tabelle der Laufleistung belegt der FC den vorletzten Platz. Mit fehlender Fitness hat das wenig zu tun. Die Trainingswissenschaft ist heute so weit, dass jeder Kreisligist seine Spieler körperlich perfekt vorbereiten kann. Die Kölner sind weder zu dumm noch zu faul, um wieder so viel zu laufen wie früher.
Vielmehr steckt Vorsicht dahinter, und die zieht sich sportlich durch den ganzen Verein. Wer vorsichtig ist, sprintet gar nicht erst los, weil er nicht darauf vertraut, dass hinter ihm die Räume zugemacht werden. Genau das erklärt, warum der FC Bayern München nicht nur extrem viel Ballbesitz hat, sondern auch in der Lauftabelle ganz oben steht.
Früher ließ der Rekordmeister Ball und Gegner laufen. Heute spult das Team von Vincent Kompany enorme Kilometer ab, wohl vor allem, weil es selbstbewusster auftritt als die Konkurrenz. Wer dauernd lange Bälle auf einen einzelnen Könner spielt und selbst hinten stehen bleibt, kommt nie auf viele Laufkilometer. Und die Offensivspieler vorne, allein gelassen, laufen sich müde.
Für den FC ist das eine schwierige Lage. Mit seinem vorsichtigen Fußball ohne viel Emotion droht er schon beim kleinsten Rückschlag massiv in die Kritik zu geraten. René Wagner und Thomas Kessler treten auch nach außen zurückhaltend auf. So entsteht eine Lücke: Das Umfeld fühlt sich nicht mitgenommen.
Nach sechs Spielen steht damit eine Krise, die es gar nicht geben müsste. Die Gefahr ist aber groß, dass sich der FC selbst in den Schlaf wiegt, während es um ihn herum immer unruhiger wird. (red)

