Kanada: Zum schlafenden Riesen am unberechenbaren See
Die Macht des Riesen-SeesWarum sich am Lake Superior das Wetter minütlich komplett ändert

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Auf der Sibley-Halbinsel im Lake Superior gelegen: «Sleeping Giant», eine imposante Felsformation.
„All set?“ – alle startklar? Neun Daumen schnellen hoch. „All right“, brüllt Kapitän Gregory Heroux und gibt dem 500-PS-Schlauchboot die Sporen. Jedes weitere Wort geht jetzt im Rauschen des Windes, im Nebel und in der Gischt verloren.
Die Tour vom Hafen in Thunder Bay, gelegen im Nordosten von Kanadas Provinz Ontario, dauert eine halbe bis ganze Stunde. Unser heutiges Ziel: der Fuß des „Sleeping Giant“ („Schlafender Riese“). Das ist eine Felsformation auf einer Halbinsel im Lake Superior, die mit ein wenig Fantasie wirklich wie ein schlummernder Gigant aussieht. Unser Plan für heute ist es, seinen Kopf zu besteigen.
Boots-Turbo statt langer Marsch
Die Fahrt über den Lake Superior ist bei zwei Meter hohen Wellen zwar eine schaukelige und nasse Angelegenheit, aber sie ist eine gewaltige Hilfe. So sparen wir uns eine lange Autofahrt auf die Halbinsel und immerhin 14 Kilometer Wanderstrecke.
In der Sawyer-Bucht legen wir an. Von dort aus sind es nur noch ungefähr 1,5 Kilometer und 200 Höhenmeter, die bis zum Aussichtspunkt zu Fuß zu meistern sind. Das macht daraus eine lockere, anderthalbstündige Wanderung anstelle einer kräftezehrenden Tagestour.
Der See macht das Wetter
An der Wetterlage ändert das aber gar nichts. Oben auf dem Gipfel erwartet uns eine dicke Nebelsuppe bei kühlen 15 Grad. Die versprochene grandiose Aussicht? Fällt heute aus. Der Blick geht nur bis zum Fuß der steilen Klippen, wo die Wellen des Lake Superior lautstark aufschlagen.
„Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte einfach fünf Minuten“, meint Tourismusmanager Paul Pepe. Er kennt die Gegend um Thunder Bay, zu der auch die Sawyer-Bucht gehört, wie seine eigene Westentasche.
An diesem Spruch ist wirklich etwas Wahres dran: Wer morgens in Thunder Bay aus dem Hotelfenster schaut, dem kann schon mal das Herz in die Hose rutschen.

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«Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte einfach fünf Minuten», sagt Tourismusmanager Paul Pepe.
Fette Regentropfen klatschen gegen die Scheibe, der Sturm heult ums Haus, während Blitze und Donner grollen. Dass der Spuk nach dem Frühstück vorbei ist? Absolut möglich. Dass am Nachmittag die Sonne bei über 30 Grad Celsius vom Himmel brennt? Kann hier ebenfalls passieren.
Der Grund für diese rasanten Wetterwechsel ist der See. Der Lake Superior (Oberer See) ist nach seiner Fläche das zweitgrößte Binnengewässer der Welt. Der Bodensee würde da mehr als 150 Mal reinpassen. Wenn feuchtwarme Luft über dem Wasser aufsteigt und sich mit kälterer Landluft vermengt, kann das zu krassen Regenschauern und Gewittern führen, die aber genauso schnell wieder weg sind, wie sie gekommen sind.

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Thunder Bay am Oberen See hat über 100.000 Einwohner, einen wichtigen Handelshafen und eine moderne Marina für Wassertourismus und Hobby-Skipper.
Aber der See bestimmt nicht nur das Wetter. Er ist für die ganze Region die Lebensader. Er liefert den Menschen Trinkwasser und Strom, sorgt dafür, dass die Papierproduktion läuft, spendiert Fisch für die Restaurants und zieht Urlauber an, die ihn sogar von Kreuzfahrtschiffen aus bestaunen.
Außerdem ist der See – vor allem über den Hafen von Thunder Bay – eine entscheidende Route für den Transport von Gütern von und nach Westkanada und für den Export von zum Beispiel Getreide oder Kohle.
Vom Lastenkahn zum Freizeit-Kajak
Im 19. Jahrhundert handelte man in Thunder Bay mit ganz anderen Dingen – hauptsächlich mit Stoffen, Werkzeugen, Pelzen und Lebensmitteln. Und der Transport war vor etwa 200 Jahren eine echte Plackerei: Anstelle von Containerschiffen für schwere Fracht waren die Kaufleute auf ihre Kanus angewiesen. Und somit auch auf geschickte Bootsbauer.
Nur Holz, Rinde und geflochtene Wurzeln hielten diese Boote zusammen. Trotzdem konnte ein einziges Boot manchmal über anderthalb Tonnen Ladung transportieren. Dafür steckten in so einem Kanu aber auch locker 300 Stunden Handarbeit.
Richtig ärgerlich war, dass so ein Kanu oft nicht mal eine Saison durchhielt. Auf der wochen- bis monatelangen Reise nach Fort William, dem jährlichen Treffpunkt der Händler von beiden Seiten des Sees – heute ein Stadtteil von Thunder Bay –, zerbrachen viele Boote unter der gewaltigen Last.

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Einst wichtiges Transportmittel waren Kanus - Lagerstätte in einem rekonstruierten Gebäude im Fort William Historical Park.
Als Transportmittel spielt das Kanu heute keine Rolle mehr. Es wird längst nicht mehr aus Holz und Wurzeln, sondern aus Kunststoff oder Verbundmaterialien gefertigt. Dafür ist es im Freizeitbereich umso wichtiger geworden. Im Stadtbild von Thunder Bay sieht man ständig Kanus und Kajaks auf Autodächern, die zum nächsten Angelausflug oder Camping-Wochenende unterwegs sind.
Absolute Stille: Nur Paddel und Vogelgezwitscher
Solche kleinen Abenteuer kann man mit Guide Zack Kruzins erleben. Er findet, die kleinen Boote sind perfekt, um die Wildnis rund um Thunder Bay zu entdecken. Er ist schon auf der ganzen Welt gepaddelt, aber am Ende kam er immer wieder nach Hause zurück. Dorthin, wo das Wetter macht, was es will, und das Wasser glasklar und eiskalt ist.
Rund um die Rossport Islands, die knapp zwei Autostunden nordöstlich von Thunder Bay liegen, kann man Zacks Leidenschaft hautnah erleben. Auf einer Kajaktour, die einen halben Tag dauert, hat man schon nach der ersten Insel das Gefühl, die Zivilisation sei meilenweit entfernt.
Man hört nichts außer den Paddelschlägen und dem Gesang der Vögel. Plötzlich ein Platschen: Zack hat einen Fisch gefangen, der locker für ein Abendessen für die ganze Gruppe gereicht hätte. Aber wir haben nicht so viel Zeit. Zack lässt ihn wieder schwimmen.

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Paddeln bei Rossport: Schnell stellt das Gefühl ein, die Zivilisation hinter sich gelassen zu haben.
Der Kajak-Guide war schon 50 Tage am Stück hier bei den Rossport Islands unterwegs. Seine Abenteuer hat er in einem Buch aufgeschrieben. Er kommt nur an Land, wenn es unbedingt sein muss. Als wir nach etwa vier Stunden wieder am Startpunkt sind, finden es alle schade, dass der Ausflug nicht länger war.
Aber die Enttäuschung verfliegt schnell. Während wir ins Auto steigen und zurück nach Thunder Bay fahren, paddelt Zack schon wieder hinaus zu seinen geliebten Inseln.
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Thunder Bay liegt am westlichen Ufer des Lake Superior und gehört zur kanadischen Provinz Ontario. Mit rund 110.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt im Nordwesten Ontarios.
Anreise: Thunder Bay hat einen eigenen Flughafen (tbairport.on.ca), der von Toronto (torontopearson.com/en) aus regelmäßig angeflogen wird. Von München und Frankfurt geht es täglich nach Toronto, von Berlin aus zweimal die Woche.
Reisezeit: Wer es warm mag und auf sommerliche Aktivitäten setzt, sollte seinen Besuch auf Juli oder August legen. Die Frühjahrs- und Herbstmonate sind kühler und für Reisende geeignet, die in Ruhe die Natur erkunden wollen.
Unterkunft: In und um Thunder Bay gibt es zahlreiche Hotels, Motels und Campingplätze, die für jeden Geldbeutel eine geeignete Unterkunft bieten. Eine Übersicht unter thunderbay.reservationsystems.com.
Währung: 1 Kanadischer Dollar entspricht 0,63 Euro-Cent (Stand: 30.04.2026).
Weiterführende Infos: visitthunderbay.com und destinationontario.com/en-ca (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
