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Bedrückend – und beeindruckendKriegshistorie und Kultur in Verdun

Das Beinhaus von Douaument erinnert an die Schrecken des Ersten Weltkrieges in Verdun (Frankreich)

Copyright: Marie Schäfers

Das Beinhaus von Douaument: Als es 1932 eingeweiht wurde, nahm eine deutsche Delegation teil. Sie machte deutlich: Nie wieder würde man gegen seine Nachbarn vorgehen. Das Versprechen hielt nur bis 1940.

Dem Grauen von vor 110 Jahren begegnen: Kriegs-Historie (und Kultur) hautnah in Verdun und Reims erleben. Eine Reise, die bedrückt – und dennoch tief beeindruckt.

Reisen gegen das Vergessen. Diese Reisereportage ist (zumindest in weiten Teilen) mal keine Ansammlung von fröhlichen Aktivitäten. Denn das Ziel verlangt dem Besucher emotional was ab. Aber es ist ein wichtiges Ziel, es ist eine Reise, die man nicht so schnell vergisst. Am 21. Februar 1916 begann vor 110 Jahren an der Westfront des Ersten Weltkrieges die Schlacht von Verdun. Ein Ort, der die Wunden von damals noch in seine Landschaft eingebrannt trägt. Eine Reise, die zeigt, was geschieht, wenn Grenzen zwischen Nachbarn mit Gewalt verschoben werden.

Der Erste Weltkrieg (1914-1918) gilt bei uns als „vergessener Krieg“, überschattet von dem, was danach kam, im Zweiten Weltkrieg. Bei unseren Nachbarn in Frankreich ist das anders.

Gräberfeld mit Gedenkplatte in Verdun

Copyright: Marie Schäfers

An diesem Punkt blickten einst François Mitterrand und Helmut Kohl Hand in Hand aufs Gräberfeld.

  1. Absolutes Muss – das Mémorial de Verdun: Geschichtsinteressierte lassen die Stadt Verdun erst einmal links liegen, fahren direkt ins einstige Örtchen Fleury-devant-Douaumont. Es wurde im Ersten Weltkrieg ausgelöscht. Hier steht heute ein hochmodernes Museum (Eintritt: 14 Euro) mit tollen audiovisuellen Stationen, die einem das Grauen des Krieges bewusst machen (u. a. Nachbildung von Schützengräben). Am beeindruckendsten: Ein enger Tunnelraum, in dem an den Wänden aus Briefen junger Soldaten zitiert wird (deutschen wie französischen), aus denen nur die pure Panik spricht. Sich Zeit nehmen und tief in die Geschichte eintauchen, die viele in ihrer Schulzeit nur im „Vorbeigehen“ gestreift haben dürften.
  2. Außengelände beachten: Man kann im einstigen Dorf Fleury-devant-Douaumont herumlaufen, aber es gibt nur noch eine seltsam hügelige Landschaft, zerstört von tausenden deutschen Granaten. Überall stehen Schilder, welches Haus an diesem Ort einst stand und wer dort lebte. Beeindruckend bedrückend.
Blick in die Ausstellung des Kriegsmuseums bei Verdun

Copyright: Marie Schäfers

Im Mémorial de Verdun befindet sich eine beeindruckende Ausstellung, die aber auch bedrückend ist.

  1. Das Beinhaus von Douaument: Hart geht es weiter. Das Beinhaus (Eintritt 6,50 Euro) ist vom gesamten ehemaligen Schlachtfeld aus zu sehen, thronend auf einer Anhöhe. Es symbolisiert ein Schwert, das auf ewig in der Erde steckt. Im Untergeschoss liegen die Knochen von 130000 Soldaten. Sie wurden nie identifiziert, Franzosen wie Deutsche fanden hier ihr gemeinsames Grab, obwohl sie sich im Leben bekämpften. Fassungslos steht man vor der schieren Masse der Knochen. In der darüberliegenden Halle befinden sich die Gedenktafeln französischer Soldaten (2014 wurde der erste Name eines deutschen Soldaten eingraviert).
Turm der Toten in Verdun

Copyright: Marie Schäfers

Die 204 Stufen des Tour de Mort (Turm der Toten) sollte man erklimmen,

  1. Den 46 Meter hohen „Turm der Toten“ kann man besteigen – und über das riesige Gräberfeld blicken, auf dem weitere 16142 Opfer des Krieges liegen. Vor dem Beinhaus standen 1984 der französische Präsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl – und fassten sich ergriffen an den Händen (das ikonische Foto ging um die Welt). Auf einer Gedenktafel dieses Besuches steht: „Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“
  2. Übernachten: Verdun selbst ist ein charmantes Städtchen direkt an der Maas, man kann gut essen und gut einkaufen. Also ruhig vor Ort eine Nacht verbringen, z. B. in der einstigen Offiziersmesse Les Jardins du Mess (ab 159 Euro pro Nacht/DZ). Die unterirdische Zitadelle, das Weltfriedenszentrum und die Liebfrauenkathedrale besuchen, in einer der schönen Brasserien mit Blick auf den Fluss speisen und bei Dragees Braquier für Süßigkeiten vorbeischauen.
Kathedrale von Reims

Copyright: Marie Schäfers

Die Kathedrale von Reims wurde im Ersten Weltkrieg beschädigt.

  1. Auf nach Reims für mehr Historie: Allein nach Verdun werden wohl die Wenigsten fahren, aber man kann den Stop wunderbar mit einem Trip z. B. nach Reims verbinden. Auch dort kann man deutsch-französische Geschichte erleben. Im Museum of the Surrender (wird derzeit renoviert, soll im März 2026 wiedereröffnen) kann man den Ort der deutschen Kapitulation an der Westfront im Zweiten Weltkrieg begutachten, es steht noch der Originaltisch im Originalraum. In der Kathedrale von Reims wurden die französischen Könige gekrönt. Die Deutschen zerschossen im Ersten Weltkrieg hunderte Kunstschätze und Charles de Gaulle und Adenauer feierten hier 1962 die deutsch-französische Versöhnung. Außerdem anschauen: Palais du Tau, die Basilika Saint-Remi und die Champagnerhäuser (mit u. a. der Villa Demoiselle).

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  1. Tipp für Mitbringsel: Die Biscuit Rose de Reims von Fossier. Und beim Trüffelladen Signorini Tartufi vorbeischauen (selten so einen enthusiastischen Ladenbesitzer erlebt!)
Eine Abtei

Copyright: Marie Schäfers

Die Abtei Saint-Remi in Reims beherbergt heute das städtische historische Museum.

  1. Das nervt: Lärmende Schulklassen, die ohne Anleitung durch Lehrkräfte auf die Ausstellung im Mémorial de Verdun losgelassen werden. Pädagogisch wenig sinnvoll. Dann aber beeindruckend zu sehen, dass die Ausstellung so gut ist, dass doch die meisten vom Smartphone aufblicken und sich den Exponaten widmen, weil sie hineingezogen werden.
  2. Das bleibt: Erkenntnisse, dass Krieg immer länger dauert, als es die eigentlichen Daten vermuten lassen. Viel länger. Über ein Jahrhundert länger. Dass wir irgendwie nichts aus der Geschichte zu lernen scheinen... oder vielleicht doch, wenn man zumindest sieht, wie französische und deutsche Besucher hier – trotz mancher Sprachbarriere – aufeinander zugehen. So sehen Versöhnung, Vergebung, Hoffnung und Zuversicht aus.

Verdun und Reims – so komme ich hin

Nach Verdun fährt man mit dem Auto vom Rheinland aus in ca. vier Stunden, entweder über Belgien oder Luxemburg. Beide Routen bieten sich für Zwischenstopps/Ausflüge auf dem Hin- und Rückweg an, zum Beispiel in Metz, Luxemburg oder Lüttich.

Wer eine History-Tour plant, sollte auf jeden Fall (wie von uns beschrieben) auch in Reims halt machen (1,5 Stunden entfernt) – und ruhig die idyllischen Landstraßen statt der Maut-Autobahn nutzen.

Ein ehrwürdiges Anwesen mit gekiester Einfahrt, rechts sitzt ein schwarzer Hund auf einem englischen Rasen

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