KommentarUnperfekt perfekt: Wir sollten alle ein wenig mehr Lewis Capaldi sein

Lewis Capaldi bei seinem Konzert am Dienstag (28. Februar 2023) in der Kölner LANXESS-Arena.

Lewis Capaldi bei seinem Konzert am Dienstag (28. Februar 2023) in der Kölner LANXESS-Arena.

Lewis Capaldi ist so etwas wie der Gegenentwurf zu einem Popstar. Trotzdem füllt der schottische Singer-Songwriter Hallen auf der ganzen Welt. Es braucht mehr Stars wie ihn, findet unser Autor. Ein Kommentar.

von Steven Salentin (sal)

Im Sport, allen voran im Profi-Fußball, ist oft die Rede von fehlenden „Typen“ – Spielern mit Ecken und Kanten, die anders sind als der viel zitierte „weichgespülte Rest“.

Würde Lewis Capaldi Fußball spielen, wäre er womöglich einer dieser „Typen“. Ob er das Zeug dazu hätte? Ich weiß es nicht.

Einem Auftritt 2019 in der britischen Sky-Show „Soccer AM“ – Torschuss-Contest inklusive – nach zu urteilen: eher nicht. Zum Glück, denn auch der Musik-Welt tut ein solcher „Typ“ mehr als nur gut.

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Lewis Capaldi in Köln: „Mache mir in die Hose“

Als er am Dienstag (28. Februar 2023) anlässlich seiner „Broken by Desire to Be Heavenly Sent“-Tour in der Kölner Lanxess-Arena auftritt, hat man das Gefühl: Da steht einer von uns.

Einer, der sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Einer, der jetzt auch neben mir stehen könnte, um sich ein Konzert anzusehen.

Nur: Lewis Capaldi ist derjenige, der auf der Bühne steht, derjenige, für den sich 14.000 Menschen hier versammelt haben.

Mittendrin sitzt Capaldi plötzlich auf einer kleinen Plattform weit über der Bühne – und teilt dem Publikum unverhohlen mit: „Wir machen das jeden Abend. Und ich mache mir jedes Mal in die Hose.“

Dass der 26-Jährige sich trotzdem traut, zeugt davon, dass er dem Publikum etwas bieten will. Dabei bräuchte er nicht einmal eine große Bühnenshow, keine Konfetti-Kanonen, keine Lichter und auch keine (zugegebenermaßen schön anzusehenden) Wasser- und Wolken-Videos auf den Leinwänden.

Wahrscheinlich bräuchte er nicht einmal unbedingt die vier Musiker hinter sich, vielleicht sogar nicht einmal seine Akustikgitarre. Die Show ist er ganz alleine – mit seiner Stimme, aber auch seiner Persönlichkeit. Als ihn eine Zuschauerin zu Beginn des Konzerts „Daddy“ ruft, entgegnet er: „So kannst du mich den ganzen Abend nennen.“

Verlegenheit statt Übermut bei Lewis Capaldi

Die Momente zwischen den Songs sind gewissermaßen das Kontrastprogramm zu seinen vorwiegend von Herzschmerz handelnden Werken – und haben Stand-up-Comedy-Potenzial: Capaldi beschimpft scherzhaft in der Arena anwesende Liebespaare und macht sich über ein geschossenes Selfie mit dem Smartphone eines Fans lustig und kündigt vor dem Endspurt an, dass er vor dem letzten Lied pinkeln oder „vielleicht auch kacken“ gehen wird.

Zu diesem Zeitpunkt müsste er eigentlich längst schon die Reißleine gezogen haben. Nachdem er bereits früh verkündet hatte, dass er wegen einer Erkältung die Hilfe seiner Fans brauche, leidet seine Stimme mit jeder Minute mehr, Capaldi hustet unentwegt. Noch dazu – oder vielleicht gerade deshalb – nehmen seine motorischen Tics aufgrund seines Tourette-Syndroms immer weiter zu. So steht er nach knapp 65 Minuten völlig abgekämpft da und lässt den Großteil seines größten Hits „Someone You Loved“ die Fans singen.

Dass nach dem verkürzten Programm niemand in der Arena Groll hegt, hat viel mit Lewis Capaldi selbst zu tun. In den Gefilden, in denen sich der schottische Singer-Songwriter bewegt, wird gerne der Anschein erweckt, dass alles perfekt sei. Für ihn selbst ist das jedoch nichts. Nehmen Sie hier an der EXPRESS.de-Umfrage zu Lewis Capaldi teil:

Capaldi sieht noch immer irgendwie so aus, als würde er in einem Pub in seiner Heimat vor 50 Leuten spielen – in weißem Shirt und Schlabberhose. Bei tosendem Applaus wirkt er fast ein bisschen verlegen, unterbricht die Schreie seiner Fans hin und wieder mit einem „Genug davon“.

Während bei einem Großteil seiner Kolleginnen und Kollegen in jeder Hinsicht das Motto „höher, schneller, weiter“ zu gelten scheint, steht Lewis Capaldi auf der Bühne und macht Witze über sein Übergewicht – und sendet damit ein wichtiges Signal hinaus in die Welt: Es muss nicht immer alles glatt und perfekt sein. Aber wenn man das Beste aus den Gegebenheiten macht, wird es am Ende trotzdem schön. Bleibt zu sagen: Wir sollten alle ein wenig mehr Lewis Capaldi sein!