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Berliner „Tatort“Bedrohliches Szenario: Neuer Fall dreht sich um eine rechte Staatsverschwörung

„Tatort“-Ermittler Robert Karow (Mark Waschke, r.) bekommt mit Susanne Bonard (Corinna Harfouch) eine neue Partnerin an seine Seite gestellt.

„Tatort“-Ermittler Robert Karow (Mark Waschke, r.) bekommt mit Susanne Bonard (Corinna Harfouch) eine neue Partnerin an seine Seite gestellt. 

Die Polizei ist verwickelt, Justiz und Politik ebenso – der Berliner „Tatort“ dreht sich um ein mehr als bedrohliches Szenario: Es geht um eine rechtsradikale Verschwörung innerhalb von Staatsorganen. 

Interessant sind beim neuen Berliner „Tatort: Nichts als die Wahrheit“ schon die Anfangsminuten. Da lauscht man im Hörsaal einer Polizeiakademie dem Referat von LKA-Legende Susanne Bonard (Corinna Harfouch) und einem Richter mit Migrationshintergrund, der locker ein bis zwei Jahrzehnte jünger ist als die Dozentin. Als zum Schluss der Schulstunde ein heimliches Date der beiden am Abend angedeutet wird, ist man überrascht, dass sich Bonard und Richter Kaya Kaymaz (Ercan Karaçayli) als solides Ehepaar mit jung erwachsenem Sohn Tom (Ivo Kortlang) erweisen, das im bürgerlichen Heim seinen Entspannungsrotwein zur gesunden Kochkunst genießt. Parallel wird man in den Fall des Zweiteilers (Fortsetzung am Ostermontag, 10. April, 20.15 Uhr, im Ersten) eingeführt.

Schutzpolizistin Rebecca Kästner (Kaya Marie Möller), Mutter eines vierjährigen Jungen, hat sich offenbar das Leben genommen. Auch ihr Mann Paul (Bernhard Conrad) ist bestürzt, obwohl sich das Paar vor kurzem getrennt hat. Rebecca Kästner hatte kurz vor ihrem Tod versucht, Kontakt mit Susanne Bonard aufzunehmen, die nicht nur renommierte Buchautorin ist, sondern gerade in der Ausbildung junger Polizeikräfte die Demokratie gegen Jobfrust, Willkür und aufkommende rechte Tendenzen wie eine Löwin verteidigt.

Berliner „Tatort“: Eine rechte Verschwörung zieht weite Kreise 

(Allzu) schnell lernen wir jedoch in diesem „Tatort“ (Buch: Stefan Kolditz, Regie: Robert Thalheim), dass die rechte Saat längst in der Akademie gewässert und gepflegt wird: Diabolisch wirkende Lehrer wie Götz Lennart (Thomas Niehaus) und auch Akademieleiter Hans Lompert (Jörg Pose) scheinen zwischen den Zeilen im Unterricht anzudeuten, dass ihnen das gegenwärtige System zu marode und lasch ist. Dass die Polizei im Kampf gegen Kriminalität von Regeln gegen „Racial Profiling“ und anderem „Quatsch“ daran gehindert wird, den Saustall Deutschland mal richtig aufzuräumen. Hat die tote Polizistin etwa gegen rechte Tendenzen an der Akademie auspacken wollen und wurde zum Schweigen gebracht?

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Direktor Lompert jedenfalls ist durchaus befangen, denn sein eigener Sohn, Polizeischüler Ralf (Gustav Schmidt), musste wegen Disziplinlosigkeit von der Akademie entfernt werden. Ein Auffanglager für Polizisten, denen ihr alter Job zu „rechtsstaatlich“ geworden ist, scheint Unternehmer Arne Koch (Sebastian Hülk) errichtet zu haben: In seiner Sicherheitsfirma, die sich für durchschlagkräftige Waffen und Kampftechniken interessiert, finden viele Ex-Polizisten eine neue Heimat.

Die intelligente „neue Rechte“ wirkt ziemlich dumm

Enttäuscht von den Umtrieben an der eigenen Akademie und geschockt vom eigenen Versagen, weil sie dem späteren Opfer in kritischer Situation eine Abfuhr am Telefon erteilte, kehrt Susanne Bonard in den aktiven Dienst beim LKA zurück. Sie will den Fall unbedingt aufklären. Wie man sich denken kann, trifft sie dabei auf Robert Karow (Mark Waschke), der seine neue Partnerin bisher nur von der Polizei-Literatur her kannte. Werden die politische aufrechte, privat gut „gepflegte“ Anfang-Sechzigerin und ihr immer wieder krisengeschüttelter, etwa zehn Jahre jüngerer Kollege Karow das neue „Tatort“-Traumpaar von der Spree?

Corinna Harfouch, im wahren Leben schon 68 Jahre alt, spielt eine Frau, die es mit 62 Jahren im Polizeidienst noch einmal wissen will. Dass sie es kann, die Harfouch, ist klar. Die deutsche Schauspiellegende sieht nicht nur locker zehn Jahre jünger aus, auch ihre Schauspielkunst und ihr Charisma sind Hauptstadt-groß. Im Duo mit Mark Waschke hat man beim rbb schon ein ziemlich starkes neues Duo an den Start gebracht, nach dem bedauerlichen Abgang Meret Beckers.

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Doch was stellen die durchaus renommierten Macher im eher länglichen Zweiteiler auf die Beine? Autor Stefan Kolditz gehört zu den großen Fernsehautoren des Landes. Er ist für Drehbücher wie das Kriegsdrama „Unsere Mütter, unsere Väter“, aber auch für den wahrscheinlich immer noch besten „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring verantwortlich: „Verbrannt“ von 2015, in dem der Tod des echten Asylbewerbers Oury Jalloh nacherzählt wurde, der 2005 unter mysteriösen Umständen in einer deutschen Gefängniszelle ums Leben kam.

Schon damals leuchtete Kolditz also Themen wie Polizeigewalt und rechten Korpsgeist aus, allerdings sehr viel subtiler als in seinem neuen Event-TV-Politthriller. Der hat nämlich ein großes Problem: Einerseits wird immer wieder betont, wie schlau die neue Rechte geworden sei bei ihren Versuchen, das demokratische System auszuhöhlen und zu destabilisieren. Nur leider ist über 180 Minuten wenig von dieser Intelligenz zu spüren. Rechte Bösewichte – ob nun in Uniform, mit Schlips und Kragen oder gar im Politikerinnen-Kostüm unterwegs – sind binnen von Sekunden in ihrer Gesinnung zu erkennen und damit für Zuschauende enttarnt.

Harfouch und Waschke müssen auf bessere Drehbücher warten

Die Folge davon ist eine gewisse Überraschungsarmut in diesem eher konventionell geschriebenen und inszenierten „Tatort“. Dass die rechte Verschwörung immer weitere Kreise zieht und auf ziemlich viele Organe des Staates gestreut hat – geschenkt.

Im rbb-Zweiteiler werden bekannte Handlungsmuster des Paranoia-Thrillers auf eine Art und Weise durchdekliniert, dass die Schauspiel-Großmeister Harfouch und Waschke einfach nur zu Gesichtern eines recht biederen Polit-„Tatortes“ werden.

Ein bisschen erinnert der Film an die überkandidelten frühen Folgen des Berliner Duos Waschke / Becker, als man sich mit einer horizontalen Erzählung über das organisierte Verbrechen Berlins verzettelte.

Bleibt zu hoffen, dass Harfouch und Waschke demnächst anspruchsvollere „Tatorte“ mit ihrer Kunst bereichern dürfen. Zumal sich der Berliner „Tatort“ gerade in den letzten Jahren mit Becker und Waschke zu einer Bank in Sachen herausragende und oft überraschende Krimikunst des deutschen Fernsehens gemausert hatte. (tsch)