Das europäisch-amerikanische Verhältnis ist tief gespalten, das Vertrauen in die USA als Schutzmacht ist verloren gegangen. Ex-Bundespräsident Joachim Gauck hat deswegen eine dringende Forderung an Europa. Am Mittwochabend ist er Gast bei Sandra Maischberger in der ARD.
„Meine tiefe Überzeugung“Joachim Gauck überrascht bei Maischberger mit Trump-Aussage

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Joachim Gauck hat bei Sandra Maischberger über Donald Trump gesprochen. (Bild: WDR/Oliver Ziebe)
Deutschland ist bedroht. Von außen und von innen. Das transatlantische Bündnis, das bisher als unverrückbar galt, bröckelt. Im Innern drohen fünf Landtagswahlen die demokratische Politik zu verändern, teilweise gar über den Haufen zu werfen. Wo stehen wir im Moment? Das möchte am Mittwochabend Sandra Maischberger in ihrer ARD-Talkshow von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck wissen.
Gauck ist ein Fan der Vereinigten Staaten, in denen im Sommer die Fußball-WM stattfindet. Viele sind sich unsicher, ob sie das sportliche Event besuchen sollen, ob es überhaupt gerade eine gute Idee ist, in die USA zu reisen. „Ich würde zum Fußball gerne dort hinfahren“, gibt Gauck zu. „Man muss manchmal auch in Länder gehen, die nicht besonders gut oder gar schlecht regiert werden“, fügt er hinzu. Die USA seien nicht der Privatgarten von Präsident Donald Trump. Dennoch weiß er: Die Kluft zwischen den USA und Europa ist sehr tief, vor allem nach der Drohung Trumps, die Insel Grönland zu besetzen.
Joachim Gauck: „Das macht mich kaputt“
„Meine tiefe Überzeugung ist, dass dieser Präsident eigentlich unamerikanisch ist“, sagt Gauck, „weil das, was Amerika eigentlich bedeutet, was es für die Rechtsordnung vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg bewirkt hat, dieses Entstehen einer wertebasierten Ordnung mit den Vereinten Nationen, den Konventionen und den Menschenrechtskatalog. Alle diese Dinge sind sehr stark aus dem amerikanischen Denken, aus der amerikanischen Politik herausbefördert worden“.
Die Amerikaner, sagt Gauck, hätten bisher Diktaturen widerstanden. Was er jetzt erlebt, „das macht mich kaputt, dass ein Leuchtturm der Freiheit plötzlich eine Bedrohung der Freiheit aus der Freiheit heraus startet“. Europa müsse nun aufwachen. Trump verfolge eine Ideologie, die Besage: „Wer stark ist, kann die Grenzen setzen, die gelten sollen.“ Es sei die Stärke der Starken, die bestimme, wohin die Politik gehe. „Das sind nicht unsere gemeinsamen Werte“, so Gauck.
„Unsere gemeinsamen Werte sind die, die die Amerikaner uns wieder eingepaukt haben im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben auf die Herrschaft des Rechts gesetzt, auf Gewaltenteilung. Und wenn Außenminister Marco Rubio auf der Sicherheitskonferenz jetzt so tut, als würde er diese Gesetze vertreten, während sein eigener Präsident die Roll of Law beschädigt und die Institutionen angreift, dann sind wir in zwei unterschiedlichen Welten.“ Deswegen sei die Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Sicherheitskonferenz im München so wichtig gewesen. „Sie war ein Weckruf“, sagt Gauck.
Europa sei bereits aufgewacht, glaubt der Ex-Bundespräsident. Darum würde sich der Kontinent bewaffnen. „Und wir bewaffnen uns, weil diejenigen, die das Recht brechen und unmoralisch und rechtsbeugend über ein anderes Land herfallen, sich kein Gewissen machen, welche Waffen sie anwenden. Sie wenden ihre modernsten Waffen an und alles, was sie haben. Und wenn das überfallene Opfer von uns so behandelt wird, dass wir ihm die Waffen, die es braucht, im Abwehrkampf gegen den Aggressor nicht geben, welche Tugend soll denn das sein?“
Europa dürfe sich nicht auf eine hoffnungsgestützte Ohnmacht verlassen und so tun, als würde ein Aggressor und Kriegsverbrecher dadurch beeindruckt werden, „dass wir uns besonders friedliebend und besonders neutral gebärden.“ In diesem Zusammenhang bedauert Gauck auch, dass Deutschland noch immer keine Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine geliefert hat.
Sorgen macht sich Gauck um die Demokratie in Deutschland. Zwar sei man doppelt geimpft durch die Erfahrungen der NS-Zeit und der DDR. „Doch es fehlt der Impfschutz“, sagt Gauck. Er fordert: „Wir brauchen eine deutlichere Debatte über das, was wir haben. Wollen wir wirklich die Art preisgeben, in der wir leben?“ Er meint damit Bürger- und Menschenrechte oder im Wohlstand und Frieden zu leben. Zur AfD fordert er: „Wir dürfen diesen Leuten, die keine Zukunftsvisionen haben, doch nicht unsere Ängste schenken.“ (tsch)

