Nicht nur Corona bedroht uns Das neue Wettrüsten der Atommächte

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Nach der Explosion einer französischen Atombombe bei einem Test 1971 schwebte dieser riesige Atompilz über dem Mururoa-Atoll.

Köln – Für viele von uns sind das Coronavirus und der Klimawandel aktuell die großen Bedrohungen der Menschheit. Eine weitere Gefahr ist fast ganz in den Hintergrund gerückt: die durch Atomwaffen.

75 Jahre ist es her, dass zwei amerikanische Atombomben in den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki Hunderttausende Menschen töteten. Der böse Geist, der damals aus der Flasche entwich, bedroht bis heute die ganze Menschheit.

13.400 atomare Sprengköpfe lagern weltweit

Weltweit lagern derzeit noch immer rund 13.400 nukleare Sprengköpfe in den Arsenalen der Atommächte, so der jüngst veröffentliche Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri.

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Alle wissen um das mörderische Potenzial der Massenvernichtungswaffen, doch eine Welt ohne Atombomben mit einer konsequenten Verschrottung der Bestände wird wohl auch im 21. Jahrhundert nur ein Traum bleiben. Denn alle Atommächte sind momentan dabei, ihre Kernwaffen zu modernisieren. Ein neues nukleares Wettrüsten ist in vollem Gang.

Das Vernichtungspotenzial von Atomwaffen

In Spitzenzeiten des Kalten Krieges Mitte der 80er Jahre gab es noch etwa 70.000 Atomwaffen. Die beiden Kontrahenten jener Zeit – die Amerikaner und die Russen – bauten ihr Kontingent seitdem zwar kontinuierlich ab, besitzen aber immer noch mehr als 90 Prozent aller Atomsprengköpfe: In den USA sind es 5800, in Russland 6375.
Außerdem haben Großbritannien (215), Frankreich (290), China (320), Indien (150), Pakistan (160) und Israel (90) Atomwaffen.

Hinzu kommt das Arsenal des unberechenbaren Diktators Kim Jong Un im kommunistischen Nordkorea, der nach Schätzungen über 30 bis 40 Atomwaffen verfügt.
Das passiert im Ernstfall: Als sofort einsatzbereit gilt zwar nur ein Teil der Atomsprengköpfe – z. B. in den USA, Russland, Großbritannien oder Frankreich. Doch das reicht für einen SuperGAU.

Die abschussbereiten Atomsprengköpfe sind auf Raketen montiert und befinden sich auf geheimen Stützpunkten oder in U-Booten. Im Kriegsfall würden sie binnen Sekunden auf programmierte Ziele abgefeuert werden. Städte wie Berlin, Köln oder München z.B. könnten binnen kurzer Zeit pulverisiert werden.

Atommächte: Das neue Wettrüsten hat begonnen

Zwar rangieren die USA und Russland alte Waffen aus, doch parallel investieren beide Länder derzeit viel Geld, um ihre Atomsprengköpfe, Raketen- und Flugzeugsysteme sowie nuklearen Produktionsanlagen zu ersetzen und zu modernisieren. „Was uns insgesamt beunruhigt, ist die wachsende Bedeutung von Atomwaffen“, so Sipri-Experte Shannon Kile.

Atomwaffen: Die Rolle Chinas

Auch China arbeitet an der Modernisierung seines Atomwaffenarsenals, so Recherchen von Sipri. Dabei gehe es Peking um einen Mix aus neuen land- und seegestützten Raketen und atomwaffenfähigen Flugzeugen.

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Problem: Das Reich der Mitte lässt sich nicht in die Karten schauen. Die US-Regierung vermutet, dass China seine Atomwaffen im Lauf der kommenden zehn Jahren verdoppeln könnte. Nicht zuletzt deshalb wollten die USA die Volksrepublik bei den derzeit laufenden Abrüstungsverhandlungen für die Zeit nach dem Auslaufen des New-Start-Vertrags mit Russland im Februar 2021 dabei haben. China lehnte ab.

Der Vertrag sieht vor, die Nukleararsenale Russlands und der USA auf je 800 Trägersysteme und 1550 einsatzbereite Atomsprengköpfe zu verringern.

Wenig Transparenz

Wird New Start nicht verlängert, gäbe es erstmals seit Jahrzehnten keinen Vertrag mehr, der den Lagerbestand a strategischer Kernwaffen begrenzt. Erst 2019 war ein anderes wichtiges Abrüstungsabkommen zwischen den USA und Russland aufgekündigt worden: der INF-Vertrag über das Verbot landgestützter atomarer Kurz- und Mittelstreckenwaffen.

Auch Indien und Pakistan vergrößerten langsam Umfang und Vielseitigkeit ihrer Atomstreitkräfte – ebenso wie die Betonkommunisten in Nordkorea. Exakte Daten gibt es aber aus keinem Land.

Atomwaffen: Die Rolle der Nato

Die hat bereits auf neue Waffensysteme in Russland reagiert. Dies umfasse u.a. „die Stärkung der Luft- und Raketenabwehr der Nato“, so Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Er verwies auf den kontinuierlichen Ausbau des russischen Raketenarsenals – wie die Entwicklung von kaum zu ortenden Überschall-Flugkörpern und die atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete vom Typ SSC-8.

Auch Europa im Visier von Atomraketen

Die SSC-8-Raketen können laut Stoltenberg „europäische Städte mit wenig Vorwarnzeit erreichen. Und sie senken die Schwelle für den Einsatz nuklearer Waffen“. Zudem modernisiere Moskau sein Arsenal von Interkontinentalraketen und habe bereits ein System zum Start solcher Raketen aus der Luft getestet.

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Auch China gilt als mögliche neue Bedrohung. Stoltenberg verwies darauf, dass die Volksrepublik stark in Nuklearwaffen und Langstreckenraketen investiere, die sogar Ziele in Europa erreichen könnten.

Atommächte: Die Rolle Deutschlands

Die Bundesregierung sieht keine Voraussetzungen für eine Abkehr des westlichen Bündnisses von Atomwaffen als Instrument der Abschreckung. Das strategische Konzept der Nato von 2010 gelte fort, so das Auswärtige Amt auf Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Karsten Klein. Die Bundesregierung setze sich aber weiter in Gesprächen mit Washington und Moskau für Abrüstungsschritte ein.

Atomwaffen: Das sind die Zukunftsaussichten

Es scheine so, dass alle neun Atomwaffenstaaten an ihren Arsenalen auf unbestimmte Zeit festhalten wollen, ist sich Sipri-Experte Kile sicher. Einige der neuen Waffensysteme hätten eine erwartete Lebensdauer bis in die 2080er Jahre. Doch nicht nur die Atomsprengköpfe sind ein Problem.

Hinzu kommt, dass einige Atommächte von Politikern regiert werden, die – wie Trump in den USA, Putin in Russland oder Xi in China – sich in ihrem Großmachtwahn gegenseitig misstrauisch beäugen und rücksichtslos ihre Claims abstecken, auf Kosten aller anderen. Ein gefährliches Spiel mit dem Weltfrieden und der Zukunft unseres Planeten.

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