XXL-Theater: Warum Stücke jetzt 8 Stunden dauern
„Ich packe mir ein Brot ein“Warum Theaterstücke wieder so lang sind und was das Publikum reizt

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Das Theatertreffen beginnt am Freitag. (Archivbild)
Ein ganzer Arbeitstag im Theater? Was für viele wie eine Horrorvorstellung klingt, ist für andere das größte Glück. Beim Berliner Theatertreffen zeigen die Münchner Kammerspiele jetzt „Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen“. Die Dauer: satte sieben Stunden.
Und als ob das nicht schon genug wäre, geht es sogar noch länger. Die Berliner Volksbühne holt demnächst „Peer Gynt“ zurück auf die Bühne. Wie die dpa berichtet, dauerte die Premiere acht Stunden und wäre wohl erst nach 02.00 Uhr beendet worden, hätte die Crew nicht die Arbeitszeiten beachten müssen.
„Ich hoffe, es ist vorbei“
Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. „Ich hoffe, es ist vorbei“, stöhnte ein Mann damals nach über sechs Stunden. Eine andere Zuschauerin fand den Abend hingegen „phänomenal“. Was also fasziniert an diesen XXL-Theaterabenden, in Zeiten, in denen viele kaum fünf Minuten vom Handy aufschauen können?
Eine offizielle Statistik, ob Theaterstücke generell länger werden, sucht man beim Deutschen Bühnenverein vergeblich. „Mit Blick auf die vergangenen Jahre zeigt sich, dass es immer mal wieder sehr lange Inszenierungen gab“, lässt eine Sprecherin wissen. Beispiele gibt es genug: Luk Percevals „Schlachten“ im Jahr 1999 bei den Salzburger Festspielen dauerte zwölf Stunden, „Die Brüder Karamasow“ am Schauspielhaus Bochum 2023 immerhin sieben Stunden.
Die Pandemie machte die Stücke kürzer
Interessant ist die Entwicklung durch die Corona-Pandemie. „Während und kurz nach der Pandemie haben die Bühnen überwiegend Aufführungen ohne Pausen angeboten, so dass die Spieldauer deutlich kürzer ausgefallen ist“, erläutert die Sprecherin.
Nora Hertlein-Hull, die Leiterin des Berliner Theatertreffens, macht eine ähnliche Beobachtung. Ihre erste Marathon-Erfahrung hatte sie 2007 bei den Wiener Festwochen. Eine New Yorker Truppe hat sich damals den Roman „Der große Gatsby“ vorgenommen und das komplette Buch auf der Bühne in sieben Stunden vorgelesen.
„Ich packe mir ein Brot ein“
„Ich bin da hineingestolpert“, berichtet Hertlein-Hull. Doch die Erfahrung habe sie total begeistert. Sie gehe solche Dinge meistens sehr sportlich an. „Also man richtet sich dann auch ein und sagt: ‚Okay, ich gehe jetzt einen Tag ins Theater. Ich packe mir ein Brot ein‘“, sagt Hertlein-Hull.
„Und dann ist es ja auch eine eigene Freude an solchen langen Aufführungen, dass man sich dem unterwirft und sagt: ‚Das ist jetzt ein Marathon, den mache ich jetzt mit und ich schaue mal, was es mit mir macht.‘“ Ihr bereite es Freude, sich dabei selbst zu beobachten. Was geschieht mit einem selbst nach fünfeinhalb Stunden? Wie verändert die Dauer das eigene Erleben?
Wer sich darauf einlässt, werde belohnt, findet Hertlein-Hull. „Dieses Durchhalten hat einen Befriedigungsfaktor. Das Publikum jubelt ja meistens am Ende einer Marathonaufführung. Die, die noch da sind, sind so stolz auf sich und empfinden dann auch Euphorie.“ Das Gefühl: „Wir haben das jetzt gemeinsam durchgemacht.“ Das verleihe dem Ganzen einen besonders erhabenen Moment.
Nach Netflix kam das Live-Event
Beim Berliner Theatertreffen – einem der wichtigen Festivals für Bühnenkunst – lädt eine Jury jährlich die zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Hauptstadt ein. Das Festival läuft vom 1. bis 17. Mai. Viele Karten waren rasant vergriffen, auch für den „Wallenstein“. „Also die Länge scheint niemanden abzuhalten“, so Hertlein-Hull. Ihr Ratschlag: Zuvor etwas essen. Es wird aber auch Verpflegung angeboten, denn während der sieben Stunden sind drei Pausen vorgesehen.
Man habe nach der Pandemie festgestellt, dass das Gefühl für Theater „vernetflixt“ worden sei, sagt sie. Laut ihrer Beobachtung kamen Inszenierungen auf die Bühne, die sehr leicht konsumierbar und kürzer waren. Man musste ein Angebot schaffen, das mit der Unterhaltung auf dem heimischen Sofa konkurrieren konnte.
„Das durfte vielleicht auch nicht zu anstrengend sein oder nicht zu fordernd. So konnte man die Leute dann auch wieder zurückgewinnen. Und jetzt kann man vielleicht wieder ein bisschen mehr Experimente wagen.“ Inzwischen wage man wieder mehr, das Theater als ein ausladendes Live-Event zu inszenieren.
Seit wann es lange Inszenierungen gibt
Diese Entwicklung ist jedoch nicht neu. „Ich würde das verorten mit der Geburt des sogenannten Regietheaters in den 70er, 80er Jahren. Eben dort, wo der kreative Zugriff einer Regieperson an Bedeutung gewinnt“, erläutert Hertlein-Hull. Das Theater sei damals aus seiner Funktion für Unterhaltung und Bildung herausgelöst und zu einem eigenen ästhetischen Anspruch überführt worden, wofür man sich dann auch die Zeit genommen habe. Als Beispiele gelten Regie-Titanen von Peter Stein bis hin zu Frank Castorf. Robert Wilsons „Einstein on the Beach“ aus dem Jahr 1976 dauerte ebenfalls vier bis fünf Stunden. (dpa/bearbeitet durch Gemini 2.5 Pro)
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