Vor 40 Jahren erschießt der berüchtigte Kiez-Gangster im Hamburger Polizeipräsidium einen Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst. Die Waffe hatte seine Anwältin besorgt.
Werner „Mucki“ PinznerSo mordete der eiskalte Reeperbahn-Killer

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St. Pauli-Killer Werner „Mucki“ Pinzner arbeitete für Kiezgrößen im Rotlicht-Milieu rund um die Reeperbahn

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Das Verbrechen zählt zu den spektakulärsten der deutschen Kriminalgeschichte. Vor 40 Jahren – am 29. Juli 1986 – erschießt der berüchtigte St. Pauli-Killer Werner „Mucki“ Pinzner im Hamburger Polizeipräsidium erst einen Staatsanwalt, dann seine Frau und schließlich sich selbst – mit einer von seiner Anwältin zuvor ins Gebäude geschmuggelten Pistole.
Das Blutbad im Dunstkreis von Herbertstraße und Reeperbahn im Hamburger Stadtteil St. Pauli, der „sündigsten Meile der Welt“, dominiert damals wochenlang die Schlagzeilen. Im Fokus: Werner Pinzner mit dem liebevoll klingenden Kosenamen „Mucki“. Doch „Mucki“ ist alles andere als ein liebevoller Zeitgenosse. Er ist ein Monster in Menschengestalt, der seine kriminelle Karriere schon in jungen Jahren mit kleinen Straftaten startet.
Werner „Mucki“ Pinzner: Voll auf Droge und total „aggro“
Seine Wandlung zum Schwerverbrecher beginnt in den 70er Jahren. Da will sich Pinzner – inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter – nicht mehr mit kriminellen „Peanuts“ begnügen. Mit zwei Komplizen überfällt er im August 1975 einen Supermarkt. Dabei wird der Filialleiter erschossen. Wer der Todesschütze war, kann allerdings nicht geklärt werden. So kommt Pinzner, der wenig später gefasst wird, mit „nur“ zehn Jahren Haft davon. Absitzen muss er die im zu dieser Zeit berühmt-berüchtigten „Santa-Fu-Knast“ – so der Spitzname für die Justizvollzugsanstalt in Hamburg-Fuhlsbüttel.
Mit seiner Freiheit verliert er auch seine Frau, die sich scheiden lässt. Betrübt haben dürfte den Knacki mit dem markanten Schnauzbart das Ehe-Aus wohl nicht. Denn längst hat er eine neue Liebe – Jutta, die er ein Jahr vor seiner Verhaftung in einer Disco kennengelernt hat. Eine Frau, die mit der Zeit ihrem „Mucki“ völlig verfällt. „Mein Geilus“ oder „Gott“ nennt sie ihren Geliebten in den Briefen, die sie ihm schickt. 1976 heiraten die beiden im Gefängnis. Neun Jahre verbringt Pinzner in „Santa-Fu“ – inzwischen süchtig nach Drogen, an denen es nicht mangelt. Die Kontrollen sind lax. Und er hat Glück. Das letzte Jahr seiner Strafe darf er im offenen Vollzug der JVA Vierlande verbüßen. Zu verdanken hat er das seiner Anwältin, mit der ihn bis zu seinem Ende eine verhängnisvolle Allianz verbindet.

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Die Waffen des St. Pauli-Killers Werner „Mucki“ Pinzner – ausgestellt in einer Vitrine des Hamburger Polizeimuseums (Foto von 2014).
In Vierlande herrschen damals paradiesische Zustände für Gangster wie Pinzner. Begünstigt durch den liberalen Strafvollzug in der Hansestadt. Als Freigänger genießt er seine vielen Freiheiten und legt sich gleich einen Revolver der Marke Arminius, Kaliber 38 zu. Den deponiert er dreist in seinem JVA-Schließfach. Denn kontrolliert wird das nicht. In dieser Zeit lässt er auch die Kontakte zu den im Rotlichtmilieu von St. Pauli bestens vernetzten schweren Jungs wieder aufleben, die er in „Santa Fu“ kennengelernt hat.
Pinzner ist fasziniert vom Kiez mitsamt seinen halbseidenen Gestalten, die ungeniert mit ihrem Reichtum protzen. Er möchte unbedingt dazugehören und ist bereit, für dieses große Ziel über Leichen zu gehen. Noch im offenen Vollzug überfällt er im Juni 1984 mit einem dieser alten „Freunde“ bei einem Freigang einen Geldboten und erbeutet 70.000 Mark. Das spricht sich rum – auch bei denen, die auf St. Pauli das Sagen haben. Nur vier Wochen nach dem Überfall und kurz vor seiner Entlassung aus der JVA in die Freiheit bekommt Pinzner seinen ersten Auftrag aus dem Lager der Rotlicht-Bosse und glaubt sich am Ziel seiner St. Pauli-Träume. Er soll einen Bordell-Chef einschüchtern, der mit einer Kiez-Größe über Kreuz liegt. Doch statt diesem „nur“ – wie zuvor vereinbart – einen Finger abzuhacken, bringt Pinzner den Mann gleich um. Mit Kopfschuss, seiner bevorzugten Tötungsmethode.
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Es ist der Auftakt einer beispiellosen Serie von Morden in ganz Deutschland, die der St. Pauli-Killer begeht. Als mörderischer Vollstrecker in Diensten von Rotlicht-Paten wie beispielsweise dem aus Österreich stammenden Josef Peter N. alias „Wiener Peter“. Mitte der 80er Jahre liefern sich die Platzhirsche vom Kiez blutige Machtkämpfe mit lästigen Konkurrenten, die in die lukrativen Reviere mit ihren Bars, Nachtclubs und Bordellen drängen. Längst geht es dabei aber nicht mehr allein um Geschäfte mit bezahltem Sex. Verstärkt setzt das Organisierte Verbrechen inzwischen auf den Handel mit Drogen wie Heroin und Kokain, mit sich dem mehr Profit erzielen lässt.
Wie viele Opfer der jeweils mit Zehntausenden Mark entlohnte Auftragsmörder Pinzner auf dem Gewissen hat, ist bis heute unklar. Nachgewiesen werden ihm fünf. Er selbst hat vor seinem Tod allerdings mal angedeutet, er habe über elf Menschen liquidiert. Spektakulär wie seine Verbrechen ist auch der Abgang des St. Pauli-Killers. Als er im April 1986 endlich verhaftet wird, atmen nicht nur die Ermittler auf, sondern auch einige Kiez-Paten. Denn längst fürchten einige, dass der Killer eines schönen Tages mit seiner Knarre auch vor ihrer Tür stehen könnte. Der Wirbel um die vielen Morde ist zudem schlecht fürs Geschäft. So soll der entscheidende Hinweis, der die Kripo auf Pinzners Spur bringt, aus dem Rotlicht-Milieu gekommen sein.

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Bei einer Ausstellung im Hamburger Polizeimuseum im Jahr 2014 stoßen Infos über die kriminelle Vita Pinzners auf großes Publikumsinteresse.
Gar von Kopfgeld in Höhe von 300.000 Mark für die Ermordung des lästig gewordenen Handlangers ist die Rede. Zum Showdown kommt es schließlich am 29. Juli 1986 – einem Dienstag. Da wird Pinzner zur Vernehmung ins Polizeipräsidium (damals noch am Berliner Tor) gebracht. Ihn begleiten seine Frau Jutta und seine Anwältin. Im Zimmer 418 wartet schon Staatsanwalt Wolfgang Bistry gespannt darauf, ob Pinzner – wie versprochen – auspacken wird. Doch der zerrt plötzlich einen Revolver hervor und verletzt den 40-jährigen Bistry mit einem Kopfschuss schwer. Dann erschießt er seine Frau und sich selbst. Wenig später sind Rettungskräfte zur Stelle und bringen den Staatsanwalt in ein Krankenhaus. Am nächsten Tag erliegt dieser seinen schweren Verletzungen.
Wie die Ermittlungen ergeben, hat Pinzners Anwältin die Waffe ins Präsidium geschmuggelt und auf einer Toilette versteckt. Dort nimmt sie Pinzners Frau an sich und steckt sie griffbereit für ihren „Mucki“ in ihre Handtasche. Eine Tragödie, die wohl hätte verhindert werden können, wenn alle vor der Vernehmung scharf kontrolliert worden wären. Der Skandal um den St. Pauli-Killer – für viele Beteiligte hat er ein Nachspiel. So wird seine Anwältin 1988 wegen Beihilfe zum Mord zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Dunkeln bleibt allerdings, was das Motiv für ihre unheilvolle Kumpanei mit „Mucki“ Pinzner gewesen sein könnte. Je drei Jahre und drei Monate Knast bekommen ferner drei Kiez-Größen aufgebrummt, die im Verdacht stehen, die Mordwaffe beschafft zu haben, was diese allerdings vehement bestreiten. Und auch den „Wiener Peter“ erwischt es. Wegen mehrerer Auftragsmorde wird er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Davon muss er aber nur 13 Jahre verbüßen. Dann wird er nach Österreich abgeschoben.
